Anklage gegen Jonathan Meese Trash-Show "Diktatur der Kunst"

Wenn man Meeses Website und seine Performances mit dieser satirischen Tradition vergleicht, fällt sogleich auf, dass dieser verbal wie gestisch eher grobmotorische Künstler mit Humor und Sprachwitz wenig am Hut hat, auch wenn sein frommer Sammler Falckenberg ihn allen Ernstes in eine Reihe mit Chaplin und Werner Finck stellt, der mit seinem Hitlergruß-Sketch im Nationalsozialismus ein beträchtliches Risiko einging.

Die Trash-Show, die Meese unter dem Titel "Diktatur der Kunst" abzieht, ist ungefährlich. Kein Gericht muss dagegen einschreiten. Aber warum ist sie so harmlos - und so peinlich? Aus zwei Gründen. Der erste Grund erklärt die Peinlichkeit. Er liegt darin, dass Meese in der Rhetorik wie in der Gestik seiner "Diktatur der Kunst" vollkommen brav, affirmativ und pathetisch das verblichenste, zukunftsloseste und im 20. Jahrhundert am gründlichsten ruinierte Element der klassischen Avantgarde zitiert: das Umsichwerfen mit Manifesten, in denen die Kunst die Macht ergreift.

Aktuell, aber nicht gegenwärtig

Darum hat bei Meese nicht der durch den satirischen Reißwolf gedrehte Hitler seinen Auftritt. Vielmehr holt er stampfend, pathetisch, dröhnend den kitschigen Hitler aufs Parkett: den Künstler, der vom Volk verführt wurde, von der Bühne in die Politik hinabzusteigen, das schauspielerische Genie, das es leider versäumte, 1936 abzutreten.

An diesen kitschigen Hitler ist Meeses Hitlergruß angeklebt, und das führt zum zweiten Grund der Harmlosigkeit dieses Künstlers. Der darin besteht, dass Meeses Kunst zwar aktuell ist, aber nicht gegenwärtig. Sie ist das Beispiel einer Kunst, die vollkommen im Retrodesign aufgeht. Sein Hitlergruß ist ein Readymade, von dem er glaubt, er könne die damit herbeizitierten Bedeutungen und Zeichenketten souverän kontrollieren. Dieses Readymade ist aber keine Brillo-Box und kein Urinal, kein Objekt, sondern ein performativer Akt, und dieser Akt hat eine Geschichte und eine Gegenwart.

Meese und Zschäpe - zwei Teile der deutschen Gegenwart

In eben jenem Frühjahr 2012, in dem Meese auch bei der Documenta den Hitlergruß aufführte, wurde in Deutschland offenbar, was es mit der 2011 aufgeflogenen NSU-Zelle auf sich hatte. Schon klar: Meese hat mit Zschäpe nichts zu tun, Meese ist ungefährlich. Aber eben auch unfähig zu registrieren, dass sein Readymade nicht nur in der Kunstwelt eine Rolle spielt und nicht nur in der bösen deutschen Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart.

Wenn Neonazis zuschlagen

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Niemand kann die Kontexte, in denen er agiert, abwählen. Auch nicht jemand, der eine Diktatur der Kunst ausruft. Meese kann nicht verhindern, dass seinen im Feuilleton abgebildeten Hitlergruß-Posen im Politikteil die Zwischenbilanz im NSU-Prozess gegenübersteht. Ich habe damit nichts zu tun, wird er sagen. Eben das ist das Problem.

Es sagt etwas über die Meese-Kunst aus, dass der Meese-Prozess und der um ihn herum geführte Kunstdiskurs in vollkommener Beziehungslosigkeit zum Zschäpe-Prozess stattfindet, beide aber Teil der deutschen Gegenwart im Jahre 2013 sind: die NSU-Angeklagte Beate Zschäpe, die durch ihren Verzicht auf symbolische Gesten und durch die Maske der Teilnahmslosigkeit auffällt, und Meese, der gestenreich seine Diktatur der Kunst ins NS-Retrodesign kleidet.

Meese freisprechen? Unbedingt! Nicht zuletzt in Reaktion auf den Umgang der Nationalsozialisten mit der modernen Kunst garantiert das Grundgesetz die Kunstfreiheit so großzügig. Sie schützt aber natürlich auch die ewiggestrige Kunst.