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Animationsfilm:Würstchen in der Sinnkrise

Garantiert nicht jugendfrei: In der Trickfilm-Komödie "Sausage Party" erkennen ein Würstchen und ein Hot Dog, dass sie zum Verzehr durch menschliche Monster bestimmt sind. Daraufhin zetteln sie eine Orgie und eine Revolution an.

Von David Steinitz

Braucht die Welt wirklich einen Animationsfilm über kopulierende Lebensmittel? In diesem Fall lautet die Antwort: Unbedingt ja! In der amerikanischen Trickkomödie "Sausage Party" finden ein Würstchen und ein Hot-Dog-Brötchen heraus, dass jenseits des Supermarkts nicht das Paradies auf sie wartet, sondern Menschenmonster mit großem Appetit. Das Würstchen gerät daraufhin in eine Sinnkrise und tritt eine Reise durch die Supermarktregalreihen an, um die anderen Lebensmittel zu warnen. Auf dieser Pilgerfahrt von der Spirituosen- zur Obstabteilung wird es von einem jüdischen Bagel und einem arabischen Fladenbrot begleitet, die sich auf den Tod nicht ausstehen können, aber schließlich gemeinsam eine Orgie initiieren und damit dem Film zu einem sehr merkwürdigen Finale verhelfen.

Die Regisseure Greg Tiernan und Conrad Vernon haben bislang brave Familienanimation gemacht, zum Beispiel die Kinderserie "Thomas, die kleine Lokomotive". Nach Jahren in der Trick-Tretmühle hatten sie Lust, einen derben Animationsfilm nur für Erwachsene zu machen. Gemeinsam mit dem Schauspieler und Drehbuchautor Seth Rogen, einem der wichtigsten Rädelsführer der US-Comedy, dachten sie sich "Sausage Party" aus. Rogen ist ein großer Verehrer der Disney- und Pixarfilme, deren Erfolgsrezept darin besteht, menschliche Emotionen auf Spielzeug und Tiere zu übertragen. "Sausage Party" hat er gleichzeitig als Verneigung und Parodie vor dem Disney-Studio geschrieben, denn das Verhältnis zwischen Menschen und Lebensmitteln ist natürlich nicht ganz so harmonisch wie das Verhältnis zwischen Menschen und Kuscheltieren.

Die Helden von "Sausage Party" wollen dem Barbecue entkommen.

(Foto: Sony)

Während in den moralisch integeren Disney-Filme mehr das Über-Ich der Trickfilmkunst herrscht, regiert in "Sausage Party" das triebhafte Es des Animationskinos. Ein Großteil der Figuren sieht aus wie Geschlechtsteile, allen voran das Würstchen, das von Seth Rogen gesprochen wird. Alle Charaktere fluchen sich mit einer solchen Lust an merkwürdigen Schimpfwortschöpfungen durch die Geschichte, dass dieser Film wohl nicht nur für die Regisseure eine therapeutische Maßnahme ist, sondern auch für einen ganzen Haufen Hollywoodstars, die sonst jugendfrei monologisieren müssen. Edward Norton ist dabei, Salma Hayeck und James Franco, und der Sänger Meat Loaf spricht einen, nun ja, Hackbraten. Dass der Film nicht zur pubertären Nummernrevue verkommt, sondern eine listige Slapstick-Hommage an "Toy Story" ist, liegt vor allem daran, dass die Macher ihren merkwürdigen Kosmos genauso ernst nehmen wie die Pixar-Künstler ihre Traumwelten. Und in dieser Logik kann auch ein desillusioniertes Würstchen zu einem wahren Helden der Revolution reifen.

Sausage Party, USA 2016 - Regie: Greg Tiernan, Conrad Vernon. Buch: Seth Rogen, Kyle Hunter, Ariel Shaffir, Evan Goldberg. Mit: Seth Rogen, Kirsten Wiig, Edward Norton. Sony, 89 Minuten.

© SZ vom 11.10.2016

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