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Animationsfilm:Vom Winde verweht

Fantastische Geheimnisse aus einer zauberhaft entrückten Welt: Der Anime-Film "Erinnerungen an Marnie" aus den legendären Ghibli-Animationsstudios ist beeindruckende japanische Trickfilmkunst.

Von Philipp Stadelmaier

"Wir sind ein Geheimnis", flüstern sich zwei Mädchen auf einem Boot vor der japanischen Küste zu. Das eine, kurze braune Haare, heißt Anna. Es hat Asthma und wurde von seiner besorgten Ziehmutter an die Küste geschickt, zu ihren Verwandten. Anna ist still, schweigsam, etwas lastet auf ihr, das sie noch nicht versteht. Das andere Mädchen, dem sie auf ihrer Kur begegnet, heißt Marnie. Elegant, blonde lange Haare, wunderschön. Wie aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt.

"Erinnerungen an Marnie" ist ein weiteres Anime-Abenteuer des legendären japanischen Zeichentrick-Studios Ghibli, wo noch jedes Bild handgezeichnet wird. Ghibli-Gründer und Meister Hayao Miyazaki hatte vergangenes Jahr seinen letzten eigenen Film, sein Vermächtnis gedreht: "Wie der Wind sich hebt". Dieser typische Ghibli-Wind weht auch durch Hiromasa Yonebayashis "Erinnerungen an Marnie". Er bläst Bewegung und Wahrheit in die einzelnen Bilder hinein: Momente der Erkenntnis erleben die Figuren wie einen kühlen Luftzug. Wenn der Wind sich hebt, lüftet sich ein Geheimnis, das in der Vergangenheit von Anna und Marnie liegt. "Marnie", so heißt auch ein Film von Hitchcock - und die gezeichnete Marnie hat nicht weniger blonde Haare und ein nicht weniger schlimmes Trauma hinter sich wie einst Tippi Hedren. Die Anime-Marnie ist eine geheime und imaginäre Figur von Anna. Das Großartige ist aber, dass Anna trotzdem nichts über Marnie weiß. Dadurch wird diese vollkommen real, und daher gewinnt der Satz: "Wir sind ein Geheimnis" seine ganze Wucht. Es ist zuerst Marnie, die zu Anna sagt: "Du bist mein Geheimnis, und ich werde niemandem von dir erzählen", bevor Anna das erwidern kann. Das Verhältnis zwischen Schöpfer und Gestalt wird umgekehrt: Es sind die ausgedachten Gestalten, welche ihre Schöpfer zu ihrem Geheimnis machen. Dessen Enthüllung geschieht langsam und sanft - ein maximaler Genuss für den Zuschauer. Denn wenn es etwas in dieser Anime-Welt gibt, ist es Zeit. Die Bild-für-Bild-Animationen von Ghibli sind ein langsamer, gewissenhafter Prozess - das Gegenprogramm zur Computeranimation. Auch im Film selbst bringt das langsame Herstellen von Bildern die Wahrheit ans Licht: Anna, eine begabte Zeichnerin, hat Marnie zunächst gemalt, und es ist eine Malerin auf einem Felsen, die gegen Ende eine entscheidende Auflösung der Geschichte bereithält.

Es geht nämlich in "Marnie" durchweg um die Abwesenheit von Eltern. Der Film ist bevölkert von Großeltern, Tanten, Onkeln - die wahren Eltern bleiben irrelevant. Wie sehr, fragt der Film, kann man jemanden, der nicht das eigene Kind ist, lieben? Das wahre Sujet von "Marnie" ist damit die Adoption. Und wenn einem dabei unmöglich nicht die Tränen kommen können, dann deswegen, weil Anime-Figuren, die ja nicht von Menschen gespielt werden, immer irgendwie Vollwaisen sind. Der Zuschauer kann kaum anders, als sie zu adoptieren, zu lieben - und zu ihrem Geheimnis zu werden.

Omoide no Mânî, J 2014 - Regie: Hiromasa Yonebayashi. Animation: Ando. Universum, 103 Minuten.

© SZ vom 19.11.2015

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