bedeckt München 21°

Angst und Faszination angesichts des Fremden:Wie man Zepter importiert

Das Badische Landesmuseum Karlsruhe zeigt in seiner Jahresausstellung "Kaiser und Sultan" die Begegnung von osmanisch-islamischer und christlich-mitteleuropäischer Kultur im 17. Jahrhundert.

Von Rudolf Neumaier

Der sächsische Kurfürst Christian II. nutzte den Fasching gern zum Repräsentieren. Es ist nicht die schlechteste Idee, das Herrschen mit Unterhaltung und Mummenschanz zu verbinden. Einen Fastnachtstag des Jahres 1607 stellte er unter das Motto "Türkische Invention". Christian selbst verkleidete sich als Sultan. Er ritt mit Turban, Kaftan sowie einer gigantischen Streitaxt und ließ sich von orientalisch gekleideten Hofleuten eskortieren. Unter Berücksichtigung der politischen Großwetterlage um 1600, wirkt das aus heutiger Sicht so seltsam, als würde Angela Merkel als Taliban beim Kölner Karneval mitfahren, womöglich in einem russischen Panzer. Für Kurfürst Christian war es weniger abwegig. Ja, man bekämpfte die Türken bis aufs Messer. Aber man war auch fasziniert von ihnen.

Hier der Sultanverehrer, der sogar sein Pferd stilgetreu schmücken lässt, da die Flugschriften, in denen der Weltuntergang vorhergesagt wird. Die Türken kommen! Wenn Prediger oder Bänkelsänger von den blutrünstigen Invasoren kündeten, kreischte das Volk aus Angst vor dem Antichrist und dem ewigen Verderben. Erstaunlich, lehrreich und mitunter skurril ist, was die Ausstellung "Kaiser und Sultan" im Badischen Landesmuseum Karlsruhe zutage fördert: eine nahezu unvorstellbare Ambivalenz von Kriegspropaganda und Kulturaustausch, von Schlacht und Stiltransfer, Angst und Hochachtung.

Flugblätter warnten vor der Türkengefahr. Adelige verbreiteten die Türkenmode. Die Neugier aufs Exotische war mindestens so stark wie der Vorbehalt gegen Fremdes. Zu den vielen fantastischen Exponaten der Karlsruher Landesausstellung zählt zum Beispiel das badische Zepter, ein 73 Zentimeter langer Stab mit vergoldetem Silber und Diamanten. Das Zepter war vormals ein osmanischer Streitkolben. Als der badische Großherzog im Sommer 1811 starb, brauchte man für standesgemäße Pompes funèbres schnell repräsentative Kroninsignien. Allein die gab es noch nicht, das badische Haus war ja erst fünf Jahre zuvor vom Markgrafen- in den Großherzogsrang erhöht worden.

Kaiser und Sultan" im Badischen Landesmuseum; © Pokrajinski muzej Ptuj-Ormož, Foto: Boris Faric 2005

Zur Türkenmode im 17. Jahrhundert gehörten die Bilder türkischer Tänze.

(Foto: Boris Faric, 2005/ Badisches Landesmuseum)

Also schauten die Hofjuweliere in die Schatzkammer und fanden dort den Buzogan, wie die osmanischen Streitkolben hießen. Sie montierten den Schlagkopf ab, bastelten aus Samt und Pappe ein Krönchen drauf, und fertig war das Zepter. Nun, da der Schrein mit den gebührenden Insignien bestückt war, konnte der Großherzog zur Ruhe gebettet werden.

Die Ausstellung zeigt auch, wie politisch oder religiös Verfolgte ins Osmanische Reich flüchteten

Die Vielfalt der ausgestellten Streitkolben ist eine Schau, ein Stück aus dem Jahr 1619 mit einem Schlagkopf aus grünem Serpentin, mit Lapislazuli und Achat ließe sich glatt als Meisterwerk des Jugendstils einordnen, wäre nicht der Schaft mit türkischen Arabesken bemalt. Das Stück stammt aus Sachsen, wo die Türkenmode besonders angesagt war.

Die Kuratorin Schoole Mostafawi und ihr Team haben den südosteuropäischen Raum in den Blick genommen, wo sich die beiden Kulturen nahe kamen, die islamisch geprägte osmanische und die christlich geprägte mitteleuropäische. Eine Balkanroute gab es schon damals, einerseits für den Kulturtransfer und den Fluss von Innovationen, andererseits für Migranten - allerdings in die andere Richtung als heute. Die Ausstellung zeichnet nach, wie politisch oder religiös Verfolgte ins Osmanische Reich flüchteten.

Im heutigen Ungarn, in Kroatien und Rumänien verlief die Frontlinie zwischen den in den Nordwesten strebenden Osmanen und den europäischen Herrschern. Das Fürstentum Siebenbürgen zum Beispiel war ein Umschlagplatz für türkische Teppiche. Anders als in deutschen Herzogtümern lebten in Siebenbürgen Protestanten und Katholiken nebeneinander.

Als aus der Heimat die Instruktion kam, in evangelischen Kirchen seien Bilder und Statuen zu beseitigen, wollten die Protestanten auf Zierrat nicht gänzlich verzichten. Sie hängten osmanische Gebetsteppiche auf. Die wirkten mindestens so wertvoll wie katholische Sakralprodukte. Und wenn sie mit islamischen Symbolen geschmückt waren, verstand das ja keiner. "Ausgerechnet der Teppich, auf dem sich der Muslim im täglichen Ritual zum fünfmaligen Gebet niederkniet, wurde zum Merkmal einer spezifisch siebenbürgischen Identität im lutherischen Kirchenraum", so Schoole Mostafawy im Katalog.

Deckelpokal des Johann Rudolf Schmid von Schwarzenhorn, 1660, Rathaussammlung Stein am Rhein

(Foto: Kultureinrichtungen Jakob und Emma Windler - Stiftung, Stein am Rhein)

Das größte und beeindruckendste Ausstellungsstück stammt aus Polen. Das "Blaue Zelt" wird heute in der Königsburg auf dem Krakauer Wawel verwahrt. Allein sein ovales Satteldach hat einen Umfang von fast 28 Metern, die Seitenverkleidung ist über drei Meter hoch und 18 Meter lang. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt es aus der Beute, die der polnische König Johann III. Sobieski am 12. September 1683 bei der Schlacht um Wien machte.

Das Zweimastzelt ist in seiner ganzen Pracht aufgestellt. Von den Karlsruhern können Museumsmacher lernen, wie beherzt solche Stücke zu inszenieren sind, damit sie ihre Aura entfalten. Sobieski schrieb seiner Frau am Tag nach der Schlacht über die Hinterlassenschaften des geschlagenen Wesirs: "Welchen Luxus sein Zelt umgab, ist unmöglich sich vorzustellen. Er hatte Bäder, er hatte einen Garten und Springbrunnen, Kaninchen, Katzen, es gab sogar einen Papagei, den wir aber, da er umherflog, nicht fangen konnten." Das Dach des "Blauen Zeltes" besteht aus blauem Tuch, dem breite Bögen aus Satin und Leinwand aufgenäht sind.

Diese Ausstellung bringt erstmals im großen Stil Exponate aus der eigenen Sammlung, zu der die üppige "Karlsruher Türkenbeute" gehört, mit Stücken aus der "Türckischen Cammer" der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden zusammen. Ein längst fälliger Glücksgriff. In Karlsruhe schlummerte bislang viel Osmanisches, das kaum Beachtung fand und nun in einer großen Inszenierung erstrahlt. Die Türkenbeute stammt von Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, 1655 bis 1707, der sich als Reichsfeldmarschall im Großen Türkenkrieg besondere Verdienste erwarb. Die Badener nennen ihn heute noch "Türkenlouis".

Er ist nur eine von vielen Gestalten, die Schoole Mostafawy zum Leben erweckt. Die tapfere ungarische Adelige Ilona Zrínyi etwa, die mit ihrem 14 Jahre jüngeren Mann den Habsburgern im Kuruzenaufstand die Stirn bot und im osmanischen Exil starb. Oder den Engländer Robert Shirley, der als Militärberater des Schahs und später als Diplomat fungierte - und die persische Mode nach Europa brachte.

Eines der Karlsruher Exponate wird nicht immer zu sehen sein: ein Deckelpokal. Seiner Heimatstadt Stein am Rhein gestiftet hat ihn Johann Rudolf Schmid von Schwarzenhorn, der im frühen 17. Jahrhundert als Sklave den Osmanen diente, zum Dolmetscher am Hof des Sultans aufstieg und später als kaiserlicher Gesandter in Istanbul wirkte. Johann Schmid schrieb selbst, es handle sich um ein "curiosisches Trinckhgeschirr dergleich in der Christenheit keines zue finden sein wird". Unter anderem ist es mit osmanischen und deutschen Inschriften versehen. Wenn in Stein am Rhein Neubürger aufgenommen werden, gehört ein Schluck Wein aus diesem Gefäß zur Zeremonie. Es kann vorkommen, dass der Pokal mal für ein, zwei Tage aus der Ausstellung verschwindet. Ihrer Opulenz tut das keinen Abbruch.

Kaiser und Sultan. Nachbarn in Europas Mitte 1600-1700. Bis 19. April. Badisches Landesmuseum, Schloss Karlsruhe. Katalog (Hirmer-Verlag, 416 Seiten) im Museum 29,90 Euro.

© SZ vom 07.01.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite