Vielleicht kann man sich einen Hype vorstellen wie das Wellenbecken in einem Erlebnisschwimmbad. Bei manchen Hypes – neuen Bands, aufregenden Filmen, Stars der Stunde und so weiter – türmt sich die Welle so mitreißend auf, dass innerhalb kürzester Zeit alle mitschwimmen und sich freuen. Irgendwann ebbt dann die Welle wieder ab. Manchmal aber wird die Welle so schnell so groß, dass viel zu viele gleichzeitig schwimmen, im Becken ist es zu eng, alle stoßen aneinander, man sieht kaum mehr den Rand vor lauter Gedrängel. Bisschen anstrengend.
Schiefes Bild? Passt ja dann genau zu den schrägen Typen von Angine de Poitrine. Um es kurz zusammenzufassen für die schätzungsweise drei Leute, die beim Einsetzen der Welle gerade in der Umkleidekabine waren: Angine de Poitrine ist ein Duo aus Kanada, zwei Musiker mit Schlagzeug und E-Gitarre, die sehr verzwirbelte, aber ausgesprochen mitreißende Instrumentalmusik machen. Eine Mischung aus Progrock, New Wave und Techno, dazu sogar noch ein Schuss Minimal Music/Steve Reich. Sie tragen schwarz-weiß gepunktete Kostüme und hoch aufragende Puppenköpfe, die ihren Bewegungen etwas Marionettenhaftes verleihen. In den hektischeren Momenten klingt und sieht das Ganze also ein bisschen aus wie Hühner, die sich über sehr frisch ausgebrachtes Futter hermachen. Dazu reden die Protagonisten nur in Fantasiesprache und machen aus ihren Identitäten ein Geheimnis. Es geht also nicht bloß um Musik, sondern gleich um ein ganzes Konzept. Puppentheater für Rock-Fans.
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Es ist erst ein paar Wochen her, da machte ein Video der beiden die Runde, aufgenommen vom amerikanischen Sender KEXP. Eine knappe halbe Stunde Musik nur, seitdem keine Ruhe mehr. Millionen Zuschauer, Kritiker auf der ganzen Welt in Schnappatmung, Menschen, die sich auf Social Media heulend um den Hals fallen: Endlich etwas ganz Neues! Endlich rettet jemand die Musik! Instagram und Tiktok sind verstopft mit Videos, in denen Schlauberger die komplexen Rhythmen des Duos erklären, Fans basteln sich Pappmaschee-Verkleidungen im Pünktchen-Stil, bei den Konzerten bilden die Zuhörer in einer fast kultischen Geste mit den Händen ein Dreieck, das die Musiker als Begrüßungsgeste eingeführt haben, in Musik-Foren und an Stammtischen wird bis zum Exzess besprochen, was genau das jetzt alles zu bedeuten hat und wie und warum.
Und wie das so ist mit dem Wellengang, schon ächzen die Ersten, jetzt sei es dann aber auch wieder genug, ständig nur Angine Angine Angine, und überhaupt, da stehe doch der Ausverkauf bestimmt unmittelbar bevor. Die Konzerte werden der großen Nachfrage wegen in größere Hallen verlegt, Fernsehsender laden die zwei Musiker in ihre Talkshows. Schon möglich, dass sich die Welle überschlägt.
Ein unglaubliches Geschiebe und Genagel. Dazu Präzision auf Höchstleistungslevel
Was schade wäre. Denn, um jedes Missverständnis zu vermeiden: Die Musik ist wirklich berauschend. Der Gitarrist, Künstlername „Khn“, hat sich aus einem E-Bass und einer E-Gitarre ein zweihälsiges Frankenstein-Instrument gebastelt, versehen mit zusätzlichen Bundstäben – die ermöglichen es, auch Töne zwischen den Halbtonschritten unserer vertrauten Tonleitern zu spielen. Fachbegriff: Mikrotonalität. Mithilfe eines Looper-Pedals spielt er live mehrere Schichten von Musik ein, die er in Schleife laufen lässt. Dazu trommelt der Schlagzeuger „Klek“ so punk-wild wie verblüffend präzise. Fehlt da Gesang, Melodien, sonst noch was? Eben nicht. Kein bisschen. Im Gegenteil, weil die zwei ihre Musik auf das Nötigste runterbrechen, entwickelt sie umso mehr Wucht. Ein unglaubliches Geschiebe und Genagel. Dazu Präzision auf Höchstleistungslevel.
Eigentlich könnte die Musik von Angine de Poitrine sogar sehr gut mit Computerhilfe erdacht sein, sie basiert schließlich zu weiten Teilen auf mathematischer Disziplin. Kurzer Ausflug in die Musiktheorie: Das fantastische Stück „Sarniezz“ zum Beispiel (ja, zum Konzept gehören natürlich auch mysteriöse Songtitel) besteht im Wesentlichen aus einer Gitarrenfigur mit 24 Achteln. 24 Achtel lassen sich aufteilen in vier 6/8-Takte. Das klingt dann ein bisschen nach Blues-Shuffle. Sie lassen sich aber auch aufteilen in drei 4/4-Takte (je acht Achtel). Der Zauber von Angine de Poitrine besteht nun darin, dass Khn und Klek die gleichbleibende Figur mitten im Stück uminterpretieren. Erst rollt es gemächlich im 6/8-Takt dahin, dann ein Bruch, plötzlich geht es in einem ziemlich punkigen 4/4 weiter. Man hört also immer noch das Gleiche, aber ganz anders.
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Mit diesen wundersamen Ideen steht das Duo ziemlich allein da, denn so was macht heute kaum mehr jemand (in diesem Augenblick beugen sich alle noch lebenden Mitglieder von King Crimson, Rush und Yes über ihre Smartphones und lächeln gutmütig beim Anblick der Videos). Die Musik von Khn und Klek ist aber nichts für strenge Mienen, wie einst der Progrock der 70er, sondern eine große Gaudi. Es gibt ein herrliches Video von einem Auftritt der beiden in Quebec, im Freien bei Eiseskälte. Das Publikum, eine recht überschaubare Gruppe von Menschen, dreht durch wie bei einem Hardcore-Konzert, Gerempel, Headbanging, Luftsprünge – aber alle Arm in Arm, glückliche Gesichter, Lächeln, Freude. So sieht man das sonst nie. Oder wie ein Kommentator drunterschrieb: „I love the hybrid mosh/cuddle pit!!“ (in etwa: „Ich liebe die Mischung aus Durchdrehen und Kuscheln.“).
Ja, es gibt viele gute Gründe, sich für Angine de Poitrine zu begeistern (abgesehen vielleicht vom Namen: Es ist die französische Bezeichnung für Angina Pectoris). Und ja, man würde sich wünschen, dass die zwei angeblichen Aliens das noch so lang wie möglich durchziehen können. Dass sie nicht zu schnell entzaubert werden von all den Erklärvideos und Nachahmern, von den stolzen Aufdeckern (natürlich hat längst jemand Videos gefunden, in denen die Musiker unverkleidet zu sehen sind) und von ihrer Bekanntheit. Hoffentlich. Denn sollte die Band irgendwann so begehrt werden, dass sie für ihre Konzerte in die richtig großen Hallen umzieht, dann ist der Zauber ziemlich sicher dahin.
Bis dahin aber lohnt es sich, noch ein bisschen im Wellenbecken zu bleiben, egal, wie eng es ist. Schließlich hat schon lang kein Hype mehr so viel Spaß gemacht. Oder wie ein glücklicher Beobachter des Quebec-Konzerts notierte: „Gerade, wenn es so aussieht, als würde nie wieder etwas Cooles passieren, passiert es doch – und zwar mit voller Wucht. Diese Band stellt mein Vertrauen in die Menschheit wieder her.“ Amen!

