Angela-Merkel-Roman:Im Kopf der Kanzlerin

Kabinettssitzung

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wartet am 05.04.2017 im Kanzleramt in Berlin auf den Beginn der wöchentlichen Sitzung des Bundeskabinetts.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Was passierte damals, im Sommer 2015, als Angela Merkel den Deutschen "Wir schaffen das" verkündete? Der Journalist und Schriftsteller Konstantin Richter versucht, es in seinem fiktiven Roman zu ergründen.

Interview von Johanna Adorján

Im Sommer 2015 ist mit Angela Merkel etwas passiert. Die plötzliche Formel vom "Wir schaffen das" zeugt davon. Konstantin Richters "Die Kanzlerin: Eine Fiktion" erzählt davon. Das Buch erscheint an diesem Freitag bei Kein & Aber.

SZ: Was gab den Ausschlag, einen Roman mit Angela Merkel in der Hauptrolle zu schreiben?

Konstantin Richter: Ich wohne in Berlin und hatte eine Zeit lang ein Büro hinter dem Auswärtigen Amt, und kam jeden Morgen mit dem Fahrrad am Kupfergraben vorbei, wo Angela Merkel wohnt. Ein paar Mal habe ich sie auch gesehen. Das muss mich wohl beschäftigt haben. Sie hat ja über die Jahre etwas Ikonisches bekommen, ihr Kleidungsstil, die Raute, die Auftritte bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth... Es ist merkwürdig, eine solche Person der Zeitgeschichte morgens ganz normal auf der Straße zu sehen. Diese Differenz hat mich wohl gereizt.

Ihr Buch ist eine Fiktion darüber, was in Angela Merkel vorging, als sie im Sommer 2015 beschloss, die Grenzen zu öffnen. In Ihrer Geschichte ist es, als hätte sie, die rationale Wissenschaftlerin, damals ihr Herz aufgemacht. Sie empfindet Glück dabei, etwas Gutes zu tun. Wenn man so will, geht es um den Konflikt zwischen Vernunft und Gefühl.

Ja, das hat mich interessiert, weil man das als Journalist einfach nicht weiß und deshalb nicht schildern kann. Dabei waren sehr viele in ihrer Umgebung, die das damals aus der Nähe mitbekommen haben, überrascht über ihre Entscheidung, die Grenzen zu öffnen. Die Spekulation über ihre Beweggründe ist fast schon eine Art Genre geworden, so viel wurde da von allen Seiten gerätselt. Für einen Schriftsteller ist das fast eine Einladung, das zu fiktionalisieren. Mitte Juli 2015 sagte sie dem weinenden palästinensischen Flüchtlingsmädchen Reem, wir könnten nicht alles schaffen. Ende August dann hielt sie die berühmte Rede mit dem: Wir schaffen das. In ihr muss eine emotionale Wandlung stattgefunden haben, über die wir nichts wissen. Von dieser Wandlung handelt mein Roman.

Was an Angela Merkel eignet sich als literarische Figur, was eher nicht so?

Auf den ersten Blick, das stimmt, ist sie keine ideale Romanheldin, weil ihr das Charismatische ja völlig abgeht. Es ist einem ja manchmal fast unangenehm, sie im Fernsehen zu sehen, weil sie oft so tapsig und stoffelig wirkt. Aber wenn man weiß, dass auch sie selbst früher oft das Gefühl hatte, im Fernsehen nicht gut zu wirken, und dass sie überhaupt jemand ist, der zu Selbstzweifeln neigt und viel nachdenkt, dann entsteht eine zweite Ebene, wo man als Schriftsteller etwas ergänzen möchte. Je länger ich mich mit ihr befasst habe, desto interessanter, ja schillernder wurde diese Diskrepanz zwischen dem, was sie ausstrahlt, und dem, was sie erreicht hat.

Wäre Martin Schulz ähnlich inspirierend?

So aus dem Stand heraus würde ich sagen: Nein. Aber das hätte ich über Angela Merkel vor ein paar Jahren wohl auch gesagt. Menschen wachsen ja mit ihren Aufgaben, und der Beobachter wächst mit.

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