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Angela Merkel in Harvard:Drama pur

Angela Merkel als Superheldin: Die Kanzlerin hält im Mai 2019 in Harvard die Commencement Speech, die Rede für die Absolventen. Ein Trailer zu der Rede kündigt die Kanzlerin als geschichtsfeste Überpolitikerin an.

Wenn Kinofilme gedreht werden, besteht die Arbeit daran längst nicht mehr nur darin, Schauspieler in Kostümen vor Kulisse aufzuzeichnen. Nichts an der Inszenierung eines Films ist unbedeutend. Nichts dem Zufall überlassen. Dem Trailer etwa, der meist rasend schnell geschnittenen filmischen Vorankündigung, kommt die Aufgabe eines Appetitmachers zu. Er muss mehr verrätseln als verraten, soll das große Drama in spektakulären Bildern bloß al fresco andeuten, das der Film dann entfalten, behandeln und lösen wird. Und jetzt - Trommelwirbel, bitte! - kommt Angela Merkel.

Es ist kein Film, in dem die Bundeskanzlerin mitwirkt, es ist eine Rede, die sie am 30. Mai nächsten Jahres vor Absolventen der Harvard University halten wird, eine Commencement Speech. Merkel ist da durchaus in bester Gesellschaft: Steven Spielberg, Bill Gates, J. K. Rowling, Kofi Annan, Václav Havel, Al Gore haben hier schon gesprochen, Helmut Kohl war 1990 eingeladen, Richard von Weizsäcker 1987. Doch wagen wir hier die Behauptung, dass nie zuvor ein Redner oder eine Rednerin mit einem solchen Hollywood-Hightech-Herzschmerz-Trailer angekündigt wurde wie die amtierende Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Ein Gänsehautvergnügen in 47 Sekunden. Noch dazu in körnigem Schwarz-Weiß - Drama pur.

Der Spot hebt an wie eine Star-Wars-Episode: Langsam öffnet sich die Blende auf eine ältliche Großstadtszene der Nachkriegszeit. Menschen auf der Straße, ein eingeblendeter Schriftzug: "Die Tochter eines Pastors und einer Lehrerin" - Schwarz - "Die Familie ging nach Ostdeutschland" - Schwarz - Bild eines massiven Holzklotzes, Schrift: "Schon als Kind liebte sie Physik" - Schwarz - flirrende Moleküle, Schrift: "Sie wurde Forscherin", Einblendung: Bilder vom Fall der Berliner Mauer, Schrift: "Sie trat damals einer Partei bei" - Schwarz - "Der Rest ist Geschichte."

Dann: Treibende Drums, nun meint man es auch mit den anschwellenden Geigen zu gut. Zitat: "Die mächtigste Frau der Welt", "die de facto Führerin Europas", sanft wird die "Merkelraute" ihrer Hände eingeblendet, "erste Kanzlerin Deutschlands, vierfache Kanzlerin". Dann absolute Stille! Aus abgründigstem Schwarz taucht endlich die gleißende Silhouette ihres Rückens auf, dann ihr Name. Das reicht. Mehr verkraftet man auch nicht.

Sollte Hollywood jemals einen Superheldinnenfilm drehen, in dem die Protagonistin Weisheit, Intelligenz, Stärke, Zuversicht, Zuverlässigkeit und Kontinuität verkörpert, dann kommt an diesem Trailer niemand mehr vorbei. Allein, wer schon einmal eine Commencement Speech gehört hat, etwa die von Steve Jobs, 2005 in Stanford, der weiß, dass solche Reden oft stärker sind als alles, was Trailer versprechen. Die Latte liegt hoch, nicht nur für Angela Merkel.