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Angela-Davis-Ausstellung:"Sie eignete sich perfekt"

Berlin, Erich Honecker empfängt Angela Davis

Erich Honecker empfing die damals 26 Jahre alte Angela Davis im September 1972 in Ost-Berlin.

(Foto: Bundesarchiv/Peter Koard)

Die Dresdner Kuratorin Kathleen Reinhardt über die amerikanische Philosophin und Bürgerrechtlerin Angela Davis, die in der DDR so populär war wie Martin Luther King und Free Jazz. Man verstand sich ja als antirassistisch.

Interview von Catrin Lorch

Die Black-Lives-Matter-Bewegung wurde in Deutschland spontan unterstützt. Seit in den USA Tausende auf die Straßen gingen, wird auch in Europa über Rassismus diskutiert und demonstriert. Dass das schon einmal so war, dass in den Siebzigern in der DDR die Solidarität mit Schwarzen in den USA ein wichtiges Thema war, ist fast vergessen, vor allem in Westdeutschland. Ein ursprünglich für Mai geplantes, aber auf Oktober verschobenes Ausstellungsprojekt in Dresden nimmt die staatlich unterstützte Aktion "1 Million Rosen für Angela Davis" als Ausgangspunkt. Nachdem die afroamerikanische Aktivistin und Kommunistin Angela Davis im Jahr 1970 in den USA als mutmaßliche Terroristin inhaftiert worden war, bekam sie im Gefängnis waschkorbweise Post auch aus der DDR. In Kinderhandschrift wurde der Genossin "nachträglich zum 27. Geburtstag" gratuliert, Schüler schickten "brüderliche Kampfesgrüße" und 150 Jugendliche des Lehrlingswohnheims Rudi Arnstadt des VEB Kombinats Robotron beglückwünschten sie zu ihrem "großen Kampferfolg". Nach ihrer Entlassung reiste Angela Davis in die DDR, wo sie am Flughafen Schönefeld von 50 000 Menschen begrüßt wurde, in Leipzig - wo sie eine Ehrendoktorwürde erhielt - erwarteten sie in der Innenstadt 200 000 Menschen. Die Kuratorin Kathleen Reinhardt erläutert ihr ungewöhnliches Projekt, das mit einem Mal so aktuell wirkt.

Süddeutsche Zeitung: Ihre Schau "1 Million Rosen für Angela Davis" wird sogar in britischen Medien annonciert. Wie kam es dazu?

Kathleen Reinhardt: Das verselbständigt sich gerade ein bisschen, die Ausstellung ist ja nicht aus dem aktuellen Moment entstanden, sondern wird seit mehr als zwei Jahren vorbereitet und sollte eigentlich am 1. Mai eröffnen. Durch die Pandemie wurden wir weltweit synchronisiert, und unsere Aufmerksamkeit hing komplett an unseren Bildschirmen. Als dann die Bilder des Mordes an George Floyd liefen, konnte dieser tragische Moment von Black Lives Matter und anderen Organisationen dafür sofort genutzt werden, und die Proteste setzten ein. Für mich war es spannend, wie in diesem Moment Bilder, Zitate und Texte von Angela Davis erneut zu zirkulieren begannen - ob auf den Straßen oder im Netz. Die Aufklärungsarbeit über Rassismus, die von deutschen Aktivisten und Aktivistinnen der Schwarzen Communitys betrieben wird, bindet die Ausstellung an den aktuellen Augenblick.

Warum machen die Kunstsammlungen Dresden überhaupt eine Ausstellung zu einem so zeitgenössischen Thema?

Am Albertinum arbeiten wir seit Jahren an einer musealen Aktualisierung der Kunst aus der DDR - ob mit einem Blick auf den unbekannten AR Penck, ostdeutsche Subkultur der 1980er-Jahre, unangepasste Künstlerinnen in der DDR oder Mail Art, die auf offiziellen Postwegen den Eisernen Vorhang durchbrach. Mein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist afroamerikanische Kunst oder besser die Suche danach. Darüber habe ich auch meine Doktorarbeit geschrieben. Während eines Forschungsjahrs an der University of California Santa Cruz erzählte ich meiner Mutter - die aus Thüringen stammt - von einem Kurs, den ich bei Angela Davis besuchte. Überraschenderweise war sie ganz aus dem Häuschen, als sie davon erfuhr: "Für Angela Davis habe ich Spenden gesammelt", hat sie mir erzählt. Das war der initiale Moment für mich. Als ich dann 2016 am Albertinum begann, fiel mir der Katalog der VII. Kunstausstellung der DDR im Jahr 1972/73 in die Hände und ich fand mehrere Gemälde, welche Angela Davis abbildeten.

Wie haben Sie Angela Davis erlebt?

Als reflektierte Wissenschaftlerin, die zu ihrem Wort steht. In der Lehre und im Aktivismus.

Und wie passte das in die DDR?

Es ist einer der Widersprüche, die in der Ausstellung anklingen. Von der Idee der Völkerfreundschaft ausgehend, gab es in der DDR und anderen Ländern des sogenannten Ostblocks eine große Solidarität mit dem globalen Süden und seinen Freiheitsbestrebungen, die eventuell für das sozialistische Projekt zu gewinnen waren. Man verstand sich als antikapitalistisch und antirassistisch. Angela Davis war Kommunistin, eine eloquente schwarze Frau, die zudem als Philosophin auch noch Deutsch sprach und die in der Tradition der DDR mit ihren Beziehungen zum "anderen" Amerika passte. Sie eignete sich perfekt als Projektionsfläche. Endlich hatte man einen amerikanischen Star, sie sah ja auch noch wunderschön aus.

Ging es also vor allem darum, die Kehrseite der Supermacht USA zu thematisieren?

Neben Kuba oder Chile passte auch der Kampf der unterdrückten Schwarzen in den USA ins Bild. Paul Robeson war in der DDR eine wichtige Mittlerfigur zwischen den Generationen, Martin Luther King und auch sein Nachfolger Ralph Abernathy besuchten die DDR. Es gab auch schwarze Künstler, die in der DDR ausstellten, Werke schwarzer Schriftsteller und Schriftstellerinnen wurden verlegt, und der Free Jazz in der DDR bewegte sich auf Weltniveau. Es gab Solidaritätskonzerte für die Unterdrückten in aller Welt. Zudem lud die DDR Vertragsarbeiter beispielsweise aus Angola und Mosambik ins Land ein. Das Problem war natürlich die Inkonsequenz eines Staates, der sich selbst als antirassistisch bezeichnete, was aber nie in der Alltagspraxis Eingang fand. Man verehrte diese Persönlichkeiten, die tatsächliche rassistische Sozialisierung wurde jedoch nicht bearbeitet. Und hier schließt sich der Kreis wieder zur Aktualität - ob in Ost- oder Westdeutschland.

Werden Sie denn Fotografien und Postkarten in den Dresdener Kunstsammlungen zeigen? Das ist doch eher Kulturgeschichte.

Angela Davis wurde zu einer Ikone der DDR, die sogar von Staatskünstlern wie Willi Sitte porträtiert wurde. Für mich war es spannend, wie das Bild von Angela Davis sich in diese sogenannte offizielle Staatskunst eingeschrieben hat - gerade auch im Bezug auf die momentan stattfindende Renaissance Schwarzer figurativer Malerei. Da knüpfe ich an - ich frage nach dieser Stilisierung und wie durch die Hyperzirkulation ihres Bildes eine Verkennung von Angela Davis' Inhalten als Schwarze Intellektuelle und Aktivistin stattfinden konnte. Ich wollte diese komplexe Erzählung zu Angela Davis in der DDR aber vor allem gemeinsam mit internationalen zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen bearbeiten, die sich auf sie, ihre Geschichte und ihre Texte beziehen oder an die von ihr thematisierten Inhalte anknüpfen. Diese Inhalte, beispielsweise das Zusammendenken von antirassistischem Handeln mit Feminismus und Klassenfragen, werden in der Ausstellung mit dem Verlust des marxistischen Traums kontrastiert. Es sind tolle neue Arbeiten entstanden, etwa von Steffani Jemison, Elske Rosenfeld und Ângela Ferreira.

Und wie findet Angela Davis das?

In einem Interview, das während der Ausstellungsvorbereitungen entstand, sagte sie, dass sie sich am freisten fühlt, wenn sie in der Gegenwart großer Kunst ist - gemeinsam mit anderen. Ich hoffe sehr, ihr mit der Ausstellung gerecht zu werden und dass solche sozialen Momente mit Kunst in Dresden und eigentlich überall sehr bald wieder für uns möglich sein werden.

© SZ vom 13.07.2020

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