Kunstfälscher:Warhol für 250 Dollar

Kunstfälscher: Nicht die Künstlergruppe MSCHF fälscht und vervielfältigt Andy Warhols "Fairies" (1954) - den Stift führt der Arm eines Roboters.

Nicht die Künstlergruppe MSCHF fälscht und vervielfältigt Andy Warhols "Fairies" (1954) - den Stift führt der Arm eines Roboters.

(Foto: Courtesy MSCHF)

Die Gruppe MSCHF bietet tausend Versionen der Zeichnung "Fairies" an - die echte soll auch darunter sein.

Von Till Briegleb

Zweifel sind eine fiese Sache. Sie können einem das ganze Leben vermiesen. Liebt sie mich noch? Bin ich gut genug in meinem Job? Hat mich der Gebrauchtwarenhändler übers Ohr gehauen? Gibt es Gott oder nicht? Eigentlich ist das Leben am schönsten ohne. Aber andererseits machen Zweifel das Dasein auch interessant und herausfordernd. Und deswegen ist es höchste Zeit, dass der Zweifel endlich als Produkt erfunden wurde. Es kann ja nicht sein, dass in der Konsumentendemokratie alles käuflich ist, nur dieses quälende Gefühl nicht. Und wie das so häufig kommt in der Produktentwicklung des ästhetischen Bereichs, wo die echten Neuerfindungen von erfolgreichen Waren meist vom Militär stammen (T-Shirt, PC, Ballerspiele) oder aus der Kunst (Design, Marke, Colorprints), hat auch der Zweifel als Modeerscheinung seinen Ursprung nicht bei H&M.

Die Aktion hebelt den Kunstmarkt nicht aus - sie nutzt ihn. Wertsteigerung inbegriffen

Sondern bei MSCHF, vom englischen mischief für "Unfug". Die Kunstfirma aus Brooklyn, die vor nicht allzu langer Zeit mit ihrer Nike-Adaption eines blutgefüllten "Satan"-Turnschuhs Furore machte (natürlich weil sie von Nike verklagt wurde), hat jetzt tausendmal Zweifel produziert für 250 Dollar das Stück. So viel kostet eine Skizze von Warhol bei ihnen, die nicht nur vielleicht, sondern vermutlich nicht echt ist, aber vielleicht eben doch. Denn die Marken-Guerilleros von MSCHF kauften sich einen echten Warhol (die niedliche Feen-Zeichnung mit dem Titel "Fairies") für 20 000 Dollar. Dann kopierten sie das leicht zu fälschende Kunstwerk, das nur aus ein paar Strichen besteht. 999 Versionen zeichnete ein Roboterarm. Dann wurde das Original wie ein Joker in den Kartenstapel gemischt, und jeder, der jetzt ein Exemplar kauft, kann zu 0,1 Prozent sicher sein, das Original zu haben.

Warhol

Hätten die Fälscher die Unterstützung des Künstlers gehabt? Das wird man nie erfahren - Andy Warhol ist ja schon im Jahr 1987 verstorben.

(Foto: SUZANNE VLAMIS/ASSOCIATED PRESS)

Zu 99,9 Prozent aber, dass es eine Fälschung ist. Oh, Zweifel, wie hängst du dann gemein an der Wand. Und ein bisschen Neid umweht das Kunstwerk mit oder ohne authentische Aura auch noch. Denn 1000 mal 250 sind 250 000 Dollar, die MSCHF mit dem Verkauf einnimmt. Was für ein Gewinn für die angeblich kapitalismuskritische Kapitalismus-Volte, mit der MSCHF "die Kette des Vertrauens" endgültig zerschmettern will, auf der die Gewinne mit "Originalen" im Kunstmarkt basieren. Denn, so MSCHFs Chief creative officer, Lukas Bentel, gegenüber CNN: "Für die Mehrheit der vermögenden Privatpersonen, die Kunst sammeln, geht es nicht um den ästhetischen Wert, sondern nur um den Investitionswert." Aber hat MSCHF so die Kunst als Spekulationsobjekt abgeschafft?

Da darf man doch gehörige Zweifel haben. Denn MSCHF, die auch schon mal 88 bunte Polka-Dots von Damien Hirst aus einem Originaldruck geschnitten und mit dem Einzelverkauf 100 Prozent Gewinn gemacht haben, sind ernsthaft betrachtet nur clevere Produktentwickler mit unglaublichen Margen. Obwohl es recht unwahrscheinlich ist, dass aus ihrer Unternehmensidee einmal ein globaler McZweifel-Konzern wird, haben sie für die Kunstmarkt-Klientel doch nur einen weiteren Originalitätsanlass geboten, der enorme Preissteigerungen erwarten lässt. So wie Banksys auf der Auktion 2018 live geschreddertes Bild "Girl with Balloon" auch nicht wirklich Zweifel an der Kunstspekulation erwirken konnte, denn es wurde Mitte Oktober bei einer erneuten Versteigerung statt für 1,2 Millionen für 16 Millionen Pfund verkauft. Es lohnt sich also auch bei den Unsinns-Feen zuzugreifen. Gewinn wird es geben, zweifellos.

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