Andrej Kurkow: "Samson und Nadjeschda":Ein anderer Krieg

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Andrej Kurkow: "Samson und Nadjeschda": Andrej Kurkow, in St. Petersburg geboren, in Kiew aufgewachsen, schreibt auf Russisch und ist Vorsitzender des ukrainischen PEN.

Andrej Kurkow, in St. Petersburg geboren, in Kiew aufgewachsen, schreibt auf Russisch und ist Vorsitzender des ukrainischen PEN.

(Foto: IMAGO/Alex Halada)

Andrej Kurkow erzählt in "Samson und Nadjeschda" einen Krimi aus dem Kiew von 1919.

Von Fritz Göttler

Der Arzt holt eine kleine leere Puderschachtel, bedeckt ihren Boden mit einem Fetzen Watte, darauf legt dann Samson sein abgeschnittenes Ohr, er schließt die Schachtel und steckt sie in die Tasche seiner Feldjacke. Dann geht er mit dem Doktor, der seine Wunde verbunden hat, seinen Vater beerdigen, dessen Leiche noch auf der Straße liegt. Ein Trupp Kosaken war durch die Straße geprescht, einer hatte mit dem Säbel dem Vater den Kopf gespalten, ein anderer Samson das rechte Ohr abgehauen. Der Arzt schimpft, mit der Zunge schnalzend: "Läuft man denn etwa heutzutage auf den Straßen herum?"

Heutzutage, das ist der 11. Mai 1919 in Kiew. Eine Zeit der Anarchie, der Bürgerkrieg, der nach der russischen Revolution entbrannte, prägt auch das Leben in der Ukraine, der die Bolschewiki ihre Herrschaft aufzudrücken versuchen. Die alte Ordnung ist in Stücke gebrochen, es wird an der neuen sozialistischen Gesellschaft gebaut, bürokratisch, finanziell, ideologisch, und dafür die alte bürgerliche ausgeschlachtet. Rotarmisten, Kosaken, Tschekisten agieren neben- und gegeneinander.

Analogien zum aktuellen Kriegszustand sollte man nicht überbewerten

Andrej Kurkow beschreibt das, ohne Partei zu ergreifen, wie man das aus seinen anderen Büchern kennt, ohne fatales Pathos oder Sensationalismus, ganz und gar pragmatisch. Reaktionäres und Progressives ist untrennbar verbunden, eine unglaubliche, manchmal geradezu märchenhafte Gelassenheit zeichnet die Menschen aus, mit denen Samson zu tun kriegt. Wenn der Strom abgeschaltet wird, weiß man, dem Kraftwerk ist das Brennholz ausgegangen. Täglich wird requiriert - manchmal sieht das eher nach Plünderung aus -, einquartiert, desertiert. Oder es gibt einen Subbotnik - einen Arbeitseinsatz für alle, samstags und ohne Entlohnung, zum Beispiel: gefrorene, mit Müll durchsetzte Schneehaufen zerkleinern, die den Verkehr behindern.

Mit einem heftigen Schnitt beginnt in diesem Buch das Coming of Age, das von Samson Teofilowitsch Koletschko und das der sozialistischen Gesellschaft. Samson wird als Ermittler bei der Miliz angestellt, weil er so schön und folgerichtig Sachverhalte darstellen kann in seinen Rapports. Er bekommt Stiefel, Hose und eine Lederjacke und eine Nagant mit hölzernem Holster. Die junge Nadjeschda wird seine Freundin, sie arbeitet beim Amt für Statistik, und weil das ganz nah bei Samsons Wohnung liegt, zieht sie dort ein. Bald kriegt es Samson mit einem rätselhaften Fall zu tun, in dem es um Schnittmuster geht, um bedrohliche Schriften an der Wand "Dein Tod kommt bald" und um einen Knochen aus Silber, Os femoris. Eine irrwitzige, tragische Hoffnung auf Gesundung steckt in diesem Fall, wie sie für das Land typisch ist.

Andrej Kurkow: "Samson und Nadjeschda": Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda. Kriminalroman. Aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing. Diogenes 2022. 365 Seiten, 24 Euro.

Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda. Kriminalroman. Aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing. Diogenes 2022. 365 Seiten, 24 Euro.

Andrej Kurkow ist der PEN-Vorsitzende der Ukraine, sein Roman ist 2020 in Kiew erschienen, man sollte also Analogien zwischen dem aktuellen Kriegszustand nach der russischen Invasion und dem Bürgerkrieg 1919 nicht überbewerten. Die Kommunikation, die unermüdliche Solidarität, von der Kurkow erzählt, ist märchenhaft in ihrer Lust an der Improvisation, wird motiviert von behutsamer Aufbruchstimmung. Samsons abgeschlagenes Ohr funktioniert wie ein Abhörsender, er kann damit Gespräche mithören, in einer eigenen Form der Telepathie, auch wenn die Schachtel, in der er das Ohr verstaute, sich in einem anderen Zimmer oder Haus befindet als er selber.

Es gibt diverse Währungen in der Stadt, mit denen gehandelt und gezahlt wird, Karbowanzen oder Kerenski-Rubel oder Essensgutscheine für die sowjetische Kantine, da gibt es Hafergrütze mit Schweinefett oder Maisbrei mit einem Stück Hering, dazu ein Glas Kompott zum Hinterhertrinken. Noch herrscht keine Mangelsituation, die Ressourcen des Bürgertums schaffen eine Aura von Überfluss. Eine Aura, an der auch die Liebe Anteil nimmt. Eines Nachts begleitet Samson Nadjeschda auf der dunklen Straße - das elektrische Licht ist mal wieder ausgefallen: "Kannst du mal schießen?", flüstert Nadjeschda verschwörerisch. "Samson lud den Revolver, blickte in den dunklen, wie in sich selbst verborgenen Himmel und gab dorthin einen Schuss ab ... ,Danke‛, flüsterte Nadjeschda ihm ins linke Ohr. Und gleichzeitig spürte er dort die Berührung ihrer weichen, leicht klebrigen Lippen."

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