DDR-Geschichte Wer überlebte, schwieg

Der Historiker Andreas Petersen schildert, wie das Stalintrauma deutscher Kommunisten, die aus dem Exil in der Sowjetunion zurückkehrten, die politische Entwicklung der jungen DDR prägte.

Von Ilko-Sascha Kowalczuk

Wer war der entschiedenere Antikommunist: Hitler oder Stalin? Ginge es allein nach den getöteten Kommunisten, so zweifelsfrei Stalin. Er hat weitaus mehr Kommunisten ermorden lassen als Hitler. Seine Vernichtungsmaschinerie wütete jahrelang in der Sowjetunion. Ihr fielen nicht nur die erste Garde der kommunistischen Partei zum Opfer, sondern auch ungezählte einfache Kommunisten und Kommunistinnen.

Das gesamte Land überzogen Stalins Schergen mit Terror, Denunziation und Willkür. Und natürlich gerieten nicht nur Kommunisten ins Visier, jeden konnte es treffen. Eine Stringenz der Verfolgung gab es nicht, aber sehr wohl eine Logik. Stalin atomisierte bewusst die Gesellschaft, was absurd erscheint, steht doch der Kommunismus für Kollektivierung. Das Kollektiv sollte jedoch nicht einfach aus der alten Gesellschaft entstehen, sondern sich aus vielen voneinander gelösten Teilen neu zusammensetzen.

Die KPD erscheint als verlängerter Arm der Moskauer Führung

Das funktioniert in einem Polizei- und Terrorstaat durchaus, wenn Angst omnipräsent und Gewalt allerorten und immer verfügbar sind. Die Formung des neuen Kollektivs mittels Terrors hatte einen weiteren Zweck, einen Herrschaftszweck: Stalin benötigte für seine absolute Machtausübung eine ihm bedingungslos ergebene Dienerschaft. Die rekrutierte er aus den Überlebenden. Überleben unter Stalin hieß, korrumpiert zu sein. Keiner von Stalins Getreuen war unschuldig geblieben, niemand hatte kein Blut an den Händen.

Der Historiker Andreas Petersen beschreibt in seinem neuesten Buch den Terror in der Sowjetunion gegen deutsche Kommunisten. Als Hitler an die Macht kam, setzte kein Flüchtlingsstrom in die UdSSR ein. Stalin öffnete seine Grenzen nicht. Lediglich achttausend deutschen Kommunisten gestattete er in einem komplizierten Verfahren die Einreise und den dauerhaften Aufenthalt in der Sowjetunion. Nicht wenige bereuten alsbald ihre Emigration nach Osten. Nur 1400 überlebten und konnten 1945 nach Deutschland zurückkehren.

Das Buch von Petersen besticht durch eine dichte Darstellung der "Säuberungspraxis". Der Autor erzählt immer wieder konkrete Schicksale, die keinen Leser unberührt lassen können. Gerade diese Beispiele verdeutlichen, dass es buchstäblich jeden treffen konnte. Die Überlebenschancen in der Sowjetunion für deutsche Kommunisten waren nicht sonderlich hoch. Und dabei ist es noch nicht einmal zu einem Schauprozess ausschließlich gegen KPD-Mitglieder gekommen, wie ihn Stalin ganz offensichtlich plante, als er sich mit Hitler 1939 auf einen Deal einließ. Nach diesem Schauprozess, so die Annahme nicht nur von Petersen, wäre die KPD endgültig zerschlagen gewesen.

Petersen lässt die KPD als verlängerten Arm der Moskauer Parteiführung erscheinen. Das ist historisch vollkommen zutreffend. Als 1919 die Kommunistische Internationale (Komintern) gegründet wurde, geschah dies in der Absicht, eine revolutionäre Weltpartei mit nationalen Sektionen aus der Taufe zu heben. Moskau war das Zentrum dieser Partei, die KPD die mächtigste nichtrussische Sektion. Aber sie war eben nur Teil eines Ganzen. Daher ist die immer wieder anzutreffende Verwunderung - ob im Blick auf die Zeit vor 1933, nach 1933 oder nach 1945 -, die deutschen Kommunisten wären nur Erfüllungsgehilfen und Befehlsempfänger gewesen, historisch unverständlich. Denn das Selbstverständnis der moskautreuen Kommunisten in aller Welt - auch nach der Auflösung der Komintern 1943 - war, dass sich ihr Zentrum und ihre Befehlsausgabe in Moskau befänden. Andreas Petersen zeigt dies eindrücklich und mit vielen Beispielen in bedrückender Dichte auf.

Im sowjetischen Exil begannen die deutschen Kommunisten ihre Machtübernahme für die Zeit nach dem Untergang des Nationalsozialismus vorzubereiten. Als es 1945 so weit war, übernahmen in der Sowjetischen Besatzungszone vor allem deutsche Kommunisten aus dem sowjetischen Exil das Zepter. Nur sie garantierten den Sowjets, dass die Rituale von Kritik und Selbstkritik, Unterwerfung und Kontrolle auch in der SBZ Gültigkeit erlangen und die führende Rolle Moskaus uneingeschränkt akzeptiert werden würde.

In der gesamten Ulbricht-Ära hatten es Kommunisten, die zwischen 1933 und 1945 in der westlichen Emigration oder in Haftanstalten und Konzentrationslagern eingesperrt waren, außerordentlich schwer, politisch Fuß zu fassen. Anders als bei den Sowjetemigranten konnten die Parteiwächter und Parteikontrolleure nicht sicher feststellen, was die im Westen, wo auch immer, verbliebenen Kommunisten zwischen 1933 und 1945 tatsächlich getan, gesagt, gedacht hatten.

Andreas Petersen stellt erstmals systematisch dar, welch konstitutive Rolle die Terrorerfahrung in der Sowjetunion für den Aufbau der DDR spielte. Die durch Blut und Wegsehen erzwungenen Macht- und Herrschaftsrituale sollten nun auch beim Aufbau der kommunistischen Diktatur in der DDR zur Anwendung kommen. Stalins Tod am 5. März 1953 hat noch Schlimmeres verhindert. Die Herrschenden verzichteten danach auf einige besonders offenkundig terroristische Mittel, die Prinzipien aber blieben bestehen. Stalin hatte durch den Terror das Schweigen der Opfer erzwungen. Das funktionierte auch in der DDR. Kaum ein Überlebender des Gulag brach nach seiner Rückkehr das Schweigen; die Überlebenden ohne Gulag schon gar nicht. Schweigen ist ein wichtiger Kitt jeder funktionierenden Diktatur.

Petersens Buch liest sich wie ein Roman. Es ist spannend, enthält dramatische Höhepunkte und fordert Empathie auch dann heraus, wenn der Autor besonders nüchtern und zurückhaltend wie ein Chronist "nur" festhält. Nur wenige kleinere Fehler sind ärgerlich. Der Architekt Kurt Liebknecht war kein Bruder, sondern ein Neffe von Karl Liebknecht; entgegen einer neueren Legende war Walter Ulbricht KPD-Mitglied der ersten Stunde und nicht erst seit 1920.

Wer an Grautönen interessiert ist, kommt in diesem Buch nicht auf seine Kosten

Überhaupt fällt auf, dass auch Petersen die überlebenden Funktionäre wie Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck oder Herbert Wehner nur als Vasallen zeichnet. Wer an Grautönen in der Geschichte interessiert ist, kommt hier nicht auf seine Kosten. Die gab es weder in der Erfahrungswelt in der sowjetischen Emigration noch später in der DDR für deutsche Kommunisten, so jedenfalls der Duktus des Autors.

Diese Sicht hängt auch damit zusammen, dass Petersen den Darstellungen abtrünniger Kommunisten wie Carola Stern, Wolfgang Leonhard, Hermann Weber, Ruth Fischer oder Margarete Buber-Neumann, um nur einige wenige zu erwähnen, unkritisch folgt. Deren Bücher über die Kommunismusgeschichte machten selbst Geschichte. Sie stellen unzweifelhaft wichtige Quellen dar. Seit Jahrzehnten werden sie aber wie unleugbare Tatsachenwerke hingenommen.

Tatsächlich standen ihre Autoren im Zeitalter des Kalten Krieges unter enormem Druck: Sie mussten beweisen, dass sie wirklich die Seiten gewechselt hatten. Dazu riefen sie allesamt Bilder und Klischees auf, die im Westen ohnehin über Ulbricht, Pieck, Stalin oder innere Vorgänge in der KP kursierten.

Die Schilderungen über Pieck und Ulbricht entsprangen einem nachvollziehbaren Zeitgeist. Wir können durch sie erfahren, wie die beiden kommunistischen Parteiführer in der Nachkriegszeit bis zu ihrem Ableben wahrgenommen, wie sie konstruiert wurden. Sicher, vieles davon stimmt auch. Aber niemand, auch nicht Ulbricht, auch nicht Pieck, ist immer nur eine kaltherzige, gefühllose Person. So wurden sie jahrzehntelang gezeichnet. Andreas Petersen reproduziert diese Bilder, ohne sie auch nur einmal zu hinterfragen. Das mag seiner Darstellung sehr entgegenkommen. Ob es der historischen Realität entspricht, werden weitere Forschungen noch zu erweisen haben.

Kritische Anmerkungen verdienen nur wichtige Bücher. Andreas Petersen hat ein solches Buch geschrieben. Es hat einen Vorzug, der wirklich außergewöhnlich ist. Historisch Interessierte mit geringen Vorkenntnissen können es zur Hand nehmen, um Grundlegendes zur kommunistischen Herrschaftspraxis zu erfahren. Experten wiederum erfahren neue Details. Zugleich regt die Studie über "Die Moskauer" ungemein die wissenschaftliche Debatte über innerkommunistische Macht- und Herrschaftstechniken an. Mehr kann ein Sachbuch nicht erreichen.

Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. 368 Seiten, 24 Euro.