Süddeutsche Zeitung

Andreas Fischers Roman "Die Königin von Troisdorf":Unerwünschte Wunschkinder

Lakonische Abrechnung mit einer typischen westdeutschen Nachkriegskindheit: Andreas Fischers Roman "Die Königin von Troisdorf".

Von Sebastian Schoepp

In dieser Familie gilt ein Grundsatz: "Störungen werden nicht zugelassen." Hier wird Leben, oder was davon übrig ist, abgelebt, abgearbeitet, ohne Schwingung, ohne Resonanz für andere oder sich selbst. Klar, dass ein Kind in diesem Umfeld ein Störfaktor ist, und so wird es auch behandelt. "Für mich ist kein Platz. Die Erschöpfung der Eltern presst mich an die Wand. Im Grunde sind sie nicht da." Aber war der kleine Andreas nicht eigentlich ein Wunschkind, der einzige Sohn, der einzige Enkel, der Ausgleich für erlittenes Leid und unsagbaren Verlust, der, auf den alles zulief? Sollte man meinen. Gespürt hat er nichts davon.

Andreas Fischer rechnet in seinem Roman "Die Königin von Troisdorf" 473 Seiten lang lakonisch ab mit einer typischen westdeutschen Nachkriegskindheit. Es geht um das Verwirrspiel aus abweisender Strenge, emotionaler Vernachlässigung und erratischen Ausbrüchen von Zuneigung, die die ganze elterliche Selbstverkapselung für ihn nur noch unbegreifbarer machen. Da ist die verwehte Mutter, die ihr Lebensmotto schon 1938 ins innere Poesiealbum schrieb: "Bezwing Dein Herz damit es nicht was Dich bewegt den Menschen zeige." Der Vater steht tagsüber übellaunig im Laden und wochenends im Bastelkeller, abends sitzt er zusammengesunken bei Schnaps in der Küche. Um ihn herum: schwere Luft aus Nikotin, schlechter Laune und unverarbeiteten Kriegstraumata. Der Junge: Nur im Weg. Selbst der gute Onkel Bruno wird "richtig böse, wenn ich seiner Meinung nach frech bin oder einen Fehler mache".

Die uneingestandene, verdrängte, in Arbeitswut erstickte Schuld schwebt ständig über allem

Über allem thront die gemeine - in Wahrheit innerlich selbst tief verletzte - Oma. Sie ist es, die "Königin von Troisdorf", die sich nach ihrem im Krieg gefallenen Sohn sehnt, der für Hitler den Helden spielte. Der Enkel? Ein matter Ersatz. "Bei Günther hat die Saat meiner Erziehung gefruchtet. Bei dem Bengel ist alles hoffnungslos." Andreas ist der mangelhafte Ersatz, wie diese ganze verhasste Bundesrepublik, mit der man sich hatte zufriedengeben müssen, nachdem der Endsieg ausgeblieben und die kleinbürgerlich-spießigen Träume davon ausgeträumt waren, was alles aus einem hätte werden können in diesem Reich bis hinter dem Ural. Gesprochen wird darüber natürlich nicht. Die Verluste, die uneingestandene, verdrängte, in Arbeitswut erstickte Schuld schweben nur ständig über allem. In dieser Familie geschehen keine Brutalitäten, kein sexueller Missbrauch, keine Gewalt, es ist nur eine alltägliche Kette von Mikrograusamkeiten, wie eine Tropfenfolter. Das Herz des Kindes? "Ganz dunkel und schwer".

Jeder, der so was auch nur im Ansatz selbst erlebt hat, wird von Fischers so nüchterner wie wirkungsvoller Prosa tief in der Seele angefasst. Andreas Fischer ist eigentlich Dokumentarfilmer und hat jahrzehntelang Zeitzeugen befragt - bis er begann, endlich auch die eigene Familiengeschichte aus Erinnerungen, Briefen und Dokumenten zu rekonstruieren; vor allem aber lässt er sein "inneres Kind" sprechen.nnh87

Das tun derzeit sehr viele aus seiner Generation, aber nur sehr wenigen gelingt es so gut. Fast könnte man von einem Trend des autobiografischen und autofiktionalen Schreibens sprechen bei den Kriegskindern oder -enkeln, also der Ende der Fünfziger- bis Mitte der Sechzigerjahre Geborenen. Irgendetwas hat sich da massiv angestaut, das rausmuss, jetzt, da die "Boomer" ins Bilanzalter kommen. Da macht sich eine stellvertretende Regierungssprecherin daran, den Fluchtweg des Vaters aus Schlesien nachzuwandern, ein bekannter Schauspieler erforscht die verlorenen Jahre der eigenen Eltern, andere durchforsten Wehrmachtsarchive, fleddern Feldpostbriefe auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Was hat Papa nur im Krieg gemacht? Und was hat das mit mir gemacht?

Familienloyalität verhinderte lange Zeit, dass Kinder Fragen nach der Vergangenheit der Eltern und Großeltern stellten

Warum dieser Trend gerade jetzt, da bald die Letzten sterben werden, die den Krieg noch als Erwachsene erlebt haben? Eben deswegen, sagt Sven Rohde vom Verein Kriegsenkel: "Da geht ein Deckel auf." Die Familienloyalität habe es lange Zeit verhindert, dass Kinder Fragen nach der Vergangenheit stellten. Öffentlich sei die NS-Zeit in Deutschland aufgearbeitet, eine "Gedenkkultur entstanden, die Anerkennung verdient". In den Familien hingegen: Schweigen. Sven Rohde aus Hamburg, selbst Kriegsenkel, bietet seit Jahren mit wachsendem Erfolg Seminare und Schreibwerkstätten zu dem Thema an, dort sei "nach 40 Minuten der Raum voller Drama", berichtet er - dann nämlich, wenn die Menschen zu spüren begännen, was das Aufwachsen mit kriegselterntypischen Glaubenssätzen wie "Stell dich nicht so an" oder "Freu dich nicht zu früh" in ihnen angerichtet habe. Sie spüren, dass ihre fehlende Zuversicht, ihr problemorientiertes "Leben mit angezogener Handbremse", kurz: die ganze innere Würstchenhaftigkeit, die das eigentliche Lebensgefühl der alten BRD war, möglicherweise nicht auf individuelles Versagen zurückzuführen ist, sondern das Schicksal einer ganzen Generation darstellt. Und das Ergebnis einer transgenerationalen Traumaweitergabe, wie es die Psychiaterin Luise Reddemann nennt, eine Pionierin der Kriegsenkelforschung.

Aber geht es wirklich um Aufarbeitung oder nur darum, Vorwände für das eigene Scheitern zu finden, wie Matthias Lohre in seinem Buch "Das Erbe der Kriegsenkel" vermutet? Es gab auch schon den Vorwurf, die Kriegsenkelforschung würde die Holocaust-Aufarbeitung auf unzulässige Weise kontrastieren, gewissermaßen die deutsche Täter- zur Opfergeschichte umdeuten. Sven Rohde warnt vor "Opferkonkurrenz". Wenn die Familiengeheimnisse endlich aufgearbeitet würden, wachse die Chance, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Viele nehmen an seinen Seminaren teil, weil sie sich fragen, wie sie verhindern können, "dass sie ihre ererbten Defizite an ihre Kinder weitergeben". Die lebenspraktische Bedeutung für die Betroffenen sei ohnehin kaum zu unterschätzen. "Da kommt etwas zur Ruhe."

Und mancher entdeckt sogar Positives an dem unerwünschten Erbe: Dinge mit sich selbst ausmachen, es trotzdem wuppen, wenn andere blocken, auch das gilt in der Fachwelt als "kriegsenkelhaft". So war es bei Andreas Fischer. Nachdem er das Manuskript der "Königin von Troisdorf" erfolglos an 40 Verlage geschickt hatte, hat er einfach selbst einen Verlag gegründet. Herausgekommen ist ein aufwändig gestaltetes, sorgsam lektoriertes literarisches Werk, das inzwischen in die dritte Auflage geht und auf der Shortlist des Ruhr-Buchpreises 2022 landete. Es hätte einen Preis verdient als das stille Manifest einer ganzen Generation. Fischer übrigens ist jetzt schon glücklich mit der Resonanz auf sein Buch. Das Schreiben an dem Thema habe ihn "von Grund auf durchgequirlt", sagt er. Aber nun "ist es gut damit".

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