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Neue Bücher zur Geschichte der Sklaverei:Kein Ende der Qual

Rund 40 Millionen Menschen leben heute in "moderner Sklaverei", mehrheitlich Kinder und Frauen: Vierjähriger mit schlafender anderthalbjähriger Schwester bei der Arbeit in einem Feuerholzhandel in Guwahati, Indien

(Foto: Anupam Nath/AP)

Bittere Bilanzen: Andreas Eckerts "Geschichte der Sklaverei. Von der Antike bis ins 21. Jahrhundert" und Anton de Koms kämpferisches Pamphlet "Wir Sklaven von Suriname" von 1934.

Von Harald Eggebrecht

Die Lektüre dieses so schmalen und durch seine Nüchternheit schonungslos erhellenden Überblicksbuchs von Andreas Eckert zur Geschichte der Sklaverei lässt am Ende Bitternis und Trostlosigkeit zurück. Sklaverei war nämlich nicht nur in den Jahrtausenden seit der sogenannten "neolithischen Revolution", also der Sesshaftwerdung der Menschen ab etwa 10 000 v. Chr., üblich, sie ist auch heute unmittelbar gegenwärtig. In jüngeren Dokumenten der Internationalen Arbeitsorganisation ILO in Genf ist von weltweit nahezu 40 Millionen Menschen in "moderner Sklaverei" die Rede, "mehrheitlich Kinder und Frauen". Seien es die unwürdigen Bedingungen von Näherinnen in Bangladesch, seien es die Zwangsarbeiterlager in Russland, China und anderen Ländern, seien es die unmenschlichen Verhältnisse für Fremdarbeiter etwa in Katar oder die fortgesetzte Kinderarbeit in vielen Teilen der Welt. Die Aufzählung des heutigen sklavenartigen Schuftens lässt sich beliebig fortsetzen.

Andreas Eckert, Jahrgang 1964 und Professor für die Geschichte Afrikas an der Humboldt-Universität Berlin, fasst es so zusammen: "Die Mehrzahl der Zahlenwerke verortet das Gros der heutigen Sklaven im asiatisch-pazifischen Raum, vor allem in Indien, sodann in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Aber auch in Europa finden sich nach einigen Schätzungen immerhin noch 560 000 Sklaven." Deren Tätigkeiten reichten von "Rohstoffgewinnung, einfachen Verarbeitungsschritten oder Dienstleistungen" bis zur "sexuellen Ausbeutung". Die Betroffenen lebten in Armut, Geringqualifikation und Perspektivlosigkeit. Vier Wege führten in die Sklaverei: "durch Kriegsgefangenschaft und Entführung, Kinderverkauf, Täuschung und Verschuldung. (...) Wie immer man die Dimensionen moderner Sklavereien im Einzelnen bewerten mag, sie sind nicht das Resultat atavistischer Überbleibsel nichteuropäischer Gesellschaften, sondern vollziehen sich in und mit den Strukturen des globalen Kapitalismus."

An der Wall Street wurden Sklaven lange Zeit als Sicherheit für Darlehen und Hypotheken akzeptiert

Eckert zeichnet so scharfsichtig wie knapp die Stationen der Sklaverei nach, angefangen in der Antike der Griechen und Römer, dann im Mittelalter. Im Altertum waren es "Barbaren", vor allem Kriegsgefangene, dann Leibeigene oder auch "freiwillige" Sklaven, die sich in totale Abhängigkeit begeben, weil ihnen sonst nur Elend und Hungertod drohen. Heutzutage werden mit dem Begriff Sklave zuerst afrikanische Menschen assoziiert, weil Sklavenhandel und Sklavenbesitz in den beiden Amerikas rassistisch besetzt waren und sind. Dabei hatten die Europäer in den Amerikas zuerst auch die indigenen Bevölkerungen geknechtet und zu Abertausenden zugrunde gerichtet, ebenfalls auch schon rassistisch begründet.

Im Kapitel "Handel mit Menschen aus Afrika" schildert Eckert, dass der Handel nicht nur über den Atlantik nach Brasilien, in die Karibik und ins südliche Nordamerika, sondern zuvor schon innerafrikanisch durch die Sahara und im Indischen Ozean geschah. Dass die lang andauernden mühselig-blutigen Versuche, aus den diversen Sklavereien zu entkommen, keineswegs immer in eine glücklichere Freiheit führten und führen, sondern meist in wieder prekäre Arbeit und Armut, macht er unmissverständlich klar. Der Begriff der "freien Arbeit" will einem wie Hohn erscheinen angesichts der brutalen Ausbeutungs- und Unterdrückungssysteme, mit denen Rassismus, Ungleichheit und Diskriminierung auch nach dem offiziellen, aber nur vermeintlichen "Ende" der Sklavereien aufrechterhalten wurden und werden.

Andreas Eckert: Geschichte der Sklaverei. Von der Antike bis ins 21. Jahrhundert. Verlag C. H. Beck, München 2021. 128 Seiten, 10 Euro.

Die zweite bittere Erkenntnis ist die Tatsache, dass Gesellschaften, in denen Philosophie, Wissenschaften und Aufklärung gepflegt wurden, Sklaven den Wohlstand schaffen mussten. Im alten Griechenland etwa, das zugleich Wiege der Demokratie war, im alten Rom, dessen Zivilisierungskraft ganz Europa prägte, im Florenz der Renaissance, als der Humanismus aufblühte. Sklaven wurden als Besitz behandelt jenseits aller Beschwörung von Menschlichkeit oder der Proklamation von Menschenrechten. Immerhin konnte man im alten Griechenland und vor allem in Rom freigelassen oder freigekauft werden und dann sogar bis zum römischen Bürger aufsteigen. Außerdem waren Sklaven nicht nur zu den niedersten und schwersten Arbeiten gezwungen, sondern konnten als Handwerker, Goldschmiede, Lehrer und Erzieher tätig sein.

Das Beispiel Nordamerikas zeigt da anderes: "An der Wall Street wurden Sklaven lange Zeit als Sicherheit für Darlehen und Hypotheken akzeptiert. Die mit einer bronzenen Freiheitsstatue verzierte Rotunde des Kapitols in Washington wurde von versklavten Arbeitern errichtet. Zehn der ersten zwölf Präsidenten besaßen Sklaven, ebenso wie Hunderte von Kongressabgeordneten und Senatoren sowie mindestens zwei Drittel der Juristen, die vor 1865 dem Obersten Gerichtshof dienten." Wie durchdrungen die USA von den immer noch wenig aufgearbeiteten Folgen der Sklaverei sind, zeigen die jüngsten Ereignisse um den Fall George Floyd und die strukturelle Polizeigewalt. Und das ist nur ein Strang der Erbschaft.

Anton de Kom: Wir Sklaven von Suriname. Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann. Transit Buchverlag, Berlin 2021. 224 Seiten, 20 Euro.

Doch andere Kolonialherren waren und sind nicht besser. Dass gerade in der Neuzeit oft religiös begründete Bestrafungs- und Grausamkeitsorgien des Auspeitschens, Vergewaltigens und auch Totschlagens Hunderttausende das Leben kostete, belegt ein Klassiker der antikolonialistischen Literatur, Anton de Koms "Wir Sklaven von Suriname", 1934 erschienen, allerdings zensiert und beschnitten. De Kom, in Suriname geboren, ist für sein Geburtsland eine zentrale Figur auf dem Weg in die Freiheit. Seit 1936 in den Niederlanden lebend und agitierend, engagierte er sich dort im holländischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer, wurde gefangen und landete als politischer Gefangener in den KZs von Sachsenhausen und Neuengamme, bevor er auf dem Todesmarsch zum Lager Sandbostel im April 1945 ums Leben kam.

De Koms Kampfschrift beflügelt ein literarischer Schwung, der sich endlich auch in der sorgfältigen Neuübersetzung von Birgit Erdmann im Deutschen entfalten kann. Alles, was bei Eckert in strenger Sachlichkeit nur angedeutet werden kann, wird bei de Kom drastisch geschildert anhand der Jahrhunderte, in denen die Niederländer seit 1667 ein Schreckensregiment sondergleichen in "ihrer" Kolonie errichteten. Doch auch nach der Abschaffung der Sklaverei 1863 in Suriname mussten die nun sogenannten "Freien" zehn Jahre als Vertragsarbeiter weiter auf den Plantagen schuften. Den ehemaligen Besitzern wurden für den "Verlust" vom niederländischen Staat 300 Gulden pro Sklave bezahlt. Bis zur Unabhängigkeit dauerte es noch einmal 100 Jahre. 1948 wurde das Frauenwahlrecht eingeführt und erst 1975 war es dann endlich so weit mit einem eigenen Staat Suriname.

Anton de Kom berichtet von der blutigen Gewaltherrschaft der weißen Herren und erzählt, wie sich durch die Kolonialgeschichte hindurch die jeweiligen Gouverneure je spezifisch hervortaten in der Sklavenpeinigung. An diesen Stellen wird der Text zur Anklageschrift. Demgegenüber steht die Geschichte jener Männer und Frauen, die sich auflehnten, die vor den unerträglichen Zuständen in den Dschungel flohen und dort immer wieder Widerstandsgruppen gründeten, die ihren Quälgeistern durchaus die Stirn bieten konnten. Doch de Kom richtet sich auch gegen die Verhältnisse seiner Zeit, die noch immer für die surinamische Bevölkerung nichts als Ausbeutung, Armut und Unfreiheit bedeutete. Dass diese Schrift in den Niederlanden nur verstümmelt herauskam, de Kom als Kommunist verschrien und attackiert wurde, wundert nicht. Erst 1971 erschien das Buch, das auch als Gründungstext eines freien Suriname gelesen werden muss, in unzensierter Form in den Niederlanden.

Beide Bücher lenken und klären den Blick auf das, was Sklaverei genannt wird. Kurz: Sklaverei meint immer die unbeschreiblichen Leiden und Qualen, aber auch, um ihnen zu entkommen, die Aufstände und Kämpfe konkreter Menschen aus Fleisch und Blut.

© SZ/crab
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