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Netznachrichten:70-Millionen-Dollar-Partygag

Andre Lewis, der Erfinder des "Simple cool automatic money", abgekürzt Scam, was auf Deutsch Betrug oder Abzocke heißt, weil Lewis seine Kryptowährung als Satire startete.

(Foto: Quelle: tiktok.com/@dreesuschrist)

Andre Lewis hat mit "Simple Cool Automatic Money" sein eigenes Geld erfunden. Dass er das als Satire meinte, half nichts. seine Fake-Währung ist Millionen wert.

Von Michael Moorstedt

Andre Lewis hatte die Schnauze voll. Wohin er nur blickte, sah der mittelmäßig bekannte Tiktok-Influencer Nachrichten über den Goldrausch, der momentan sogenannte Kryptowährungen umfasst. Entwickelte sich doch das digitale Geld von einer Kuriosität über einen Gag hin zu einem validen Investment und wieder zurück. Fragen nach Seriosität und Sinnhaftigkeit werden längst nicht mehr gestellt. Und so beschloss Lewis, seine eigenen Münzen zu prägen, rein digital, versteht sich.

Andre Lewis ist beileibe nicht der einzige Mensch mit seinem ganz persönlichen Geld. So gut wie jeder kann inzwischen seine eigene Kryptowährung auf den Markt bringen. Dafür braucht es weder sonderliche Programmierkenntnisse noch muss man gar ein Mathematikgenie sein. Es reichen ein paar Klicks, und schon erscheint auf einer Blockchain ein neues Geldsystem. Unter vittominacori.github.io/bep20-generator kann sich ein jeder Nutzer mittels eines Baukastensystems seine eigene Währung basteln.

Was in früheren Zeiten vielleicht als Partygag oder schräges Geburtstagsgeschenk verwendet worden wäre, ist dank unzähliger Erfolgsgeschichten vom schnellen Reichtum längst in den Sphären der Massenhysterie angekommen. Schließlich kennt ein jeder die Anekdoten, wie sich Menschen, die vor einigen Jahren aus Neugierde einige Bitcoin zugelegt haben, auf einmal mit einem siebenstelligen Vermögen wiederfanden.

Zwischenzeitlich war Andre Lewis' Dada-Währung beinahe 70 Millionen US-Dollar wert

All das führt zu einer sagenhaften Schwemme von neuen Coins. Beinahe 10 000 unterschiedliche Währungen gibt es inzwischen, und die Unterschiede zwischen Parodie, Betrugsmasche und ernst gemeintem Versuch, das Finanzsystem zu reformieren, sind so gut wie nicht mehr zu erkennen. Seit Jahresbeginn hat etwa die sogenannte Dogecoin um knapp 13 000 Prozent an Wert gewonnen. An jeder Ecke wartet die Revolution, und Tweets von Erlöserfiguren wie Elon Musk lassen die Kurse in Sekundenschnelle rauf- und wieder runtertaumeln. Ernst gemeinte Kritik bezüglich horrender Umweltschäden durch die elektrizitätsintensiven Transaktionen und die jederzeit im Raum stehende Gefahr eines Abschwungs ist gar nicht mehr anwendbar.

Er habe keine Ahnung von alldem, sagte Lewis. Er sei nur "ein weiterer Idiot mit einer Kryptowährung". Als Teil der Satire setzte er eine Website auf, die den ernst gemeinten Handelsbörsen ähnelt. Es wimmelt nur so von Schlagwörtern und Satzhülsen: Die schönen neuen Welten eines digitalen Geldsystems versprechen grenzenloses Wachstum, Wohlstand und Reichtum für jeden, der nur wagemutig, visionär oder skrupellos genug ist, um jetzt zu investieren. Es gibt sogar ein eigenes, professionell gelayoutetes Magazin und eine geschlossene Community auf der Chat-Plattform Discord.

Simple Cool Automatic Money nannte Lewis sein eigenes Geld. Das daraus zu bildende Akronym SCAM, zu Deutsch also Betrug oder Abzocke, sollte selbst den hartgesottensten Kryptojünger auf die Idee bringen, dass die ganze Aktion eventuell nicht so ernst gemeint ist. Zwischenzeitlich war die Dada-Währung trotzdem beinahe 70 Millionen US-Dollar wert. Zwar stürzte der Kurs danach rapide ab, beläuft sich aber immerhin immer noch auf zwei Millionen. Eine ganze Menge Geld für eine Schnapsidee, könnte man meinen. Nicht genug für jene Nutzer, die den Wahnsinn noch immer ernst nehmen.

So ist die Episode von Andre Lewis nur der letzte Beweis dafür, dass es längst keine Möglichkeit mehr gibt, Kritik zu üben. Selbst den offensichtlichen Versuch, die Aufregung zu persiflieren, verleibt sich die Blase ganz einfach ein. Lewis' Hinweise, dass die ganze Aktion ein Scherz gewesen sei, verhallen ungehört. Stattdessen bekam er Drohmails, Beleidigungen und Anfeindungen, weil der Kurs wieder nach unten rutschte.

© SZ/RJB
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