Süddeutsche Zeitung

André-Heller-Festival:Fremdfremdeln

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Beim Festival zu seinen Ehren bringt André Heller Weltmusik und -religionen in die Elbphilharmonie. Weil er die Menschen zusammenbringen will. Als Vermittler und Verführer.

Von Till Briegleb

Besonders weit kam Florian Boesch nicht mit seiner Winterreise. Schon nach der zweiten Strophe wurde der Sänger gestoppt. Denn Peter Sloterdijk hatte eine Frage. Woher der Wanderer in Schuberts berühmtem Liederzyklus eigentlich wisse, wo ein Weg sei, da doch überall Neuschnee läge? Diese rhetorische Frage beantwortete er dann lieber gleich selbst, oder besser gesagt: nicht. Denn eigentlich war der Scherz nur der gesuchte Anlass für Sloterdijk, um schnell vom Weg der Winterreise abzukommen.

Im Kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie, wo das neuntägige Festival "Reflektor" von André Heller am Samstag eröffnet wurde, stellte der Philosoph lieber lauter Wegweiser in die Kulturgeschichte auf, um den Pfad seiner Ausgangsfrage zu verlassen: Wer Schuberts Wanderer eigentlich sei, und was er in dem Haus, in das er fremd eingezogen und fremd wieder ausgezogen ist, so Traumatisches erlebt habe, dass er bei Nacht und Mond in die Kälte flieht, hatte er Boesch gefragt, ohne auf Antwort zu warten.

Kritischer Blick auf die menschliche Unfähigkeit, "zu sein und sein zu lassen"

Es war mehr ein unterhaltsames Verirren in hochkulturelle Anekdotenschnipsel und lustige Formulierungen, die Sloterdijk in eineinhalb Stunden Seminar zu Schuberts "Winterreise" bot. Wobei der Witz in dieser bildungsbürgerlichen Veranstaltung häufig daraus seine Resonanz zog, dass der Fernsehphilosoph über die Kulturlosigkeit unserer Zeit spöttelte. Etwa dass die Franzosen ihren Dichter Alphonse de Lamartine nur noch deswegen kennen, weil eine Zeile aus seinem Trauergedicht "L'isolement" heute auf jedem französischen Friedhof als Sinnspruch stehe: "Ein einziger Mensch fehlt, und alle Welt ist leer." Oder dass die Odyssee der Menschheit eigentlich längs der Fußgängerverwandlung vom Pilger zum Wanderer zum Tourist und Flüchtling zu erzählen sei, wobei Sloterdijk die Menschheit inzwischen an dem Punkt angekommen sieht, wo Beine ziemlich überflüssig geworden sind. "Kurze Stummel reichen", meint er angesichts der Bewegungsarmut in unserem unromantischen Bildschirmzeitalter.

André Heller hat das vielfältige Programm zu seinen Ehren selbst kuratieren dürfen und ihm dabei ein Motto mitgegeben, das von Karl Valentin stammt: "Fremd ist der Fremde nur in der Fremde". In einem Sketch führte der Münchner Satiriker die Bedeutung des Begriffs einst so aus: "Den meisten Münchnern zum Beispiel ist das Hofbräuhaus nicht fremd - hingegen ihnen die meisten Museen fremd sind." Dieses Fremdeln mit dem Fremden ist auch Peter Sloterdijk nicht fremd, wobei er wohl mehr mit dem Hofbräuhaus und dessen Kultur auf Kriegsfuß steht, denn seine Botschaft ist ja das Bewahren des Kulturerhabenen, bei dem kein Weg am Museum vorbeiführt.

Seine professorale Wanderung durch die verschneite Landschaft von Schuberts Traurigkeit mit dem Text von Wilhelm Müller war trotzdem weder Analyse noch Kontemplation, sondern ein Wettlauf der Abkürzungen. Von Thomas Manns Ausspruch zur Musik als "dämonischem Bereich" war es nur ein Katzensprung zu Goethes Verriss von Caspar David Friedrichs romantischer Bildikone "Abtei im Eichenwald". Von Emil Ciorans paradoxen Sentenzen über das Unglück, geboren zu sein, flog der Vortrag zu Nietzsche. Weiter kamen in der launigen Schnitzeljagd vor Heidegger, Heine und Becketts berühmter Satz über die Menschen: "Sie gebären rittlings über dem Grabe."

Und wenn dann einer der besten Kenner und Interpreten der romantischen Liedkultur, Florian Boesch, auch mal eine erläuternde Bemerkung machen durfte, etwa, dass der Mond früher der einzige Punkt war, wo getrennte Liebende nachts ihre Blicke vereinigen konnten, so fasste Sloterdijk den Einwurf pointiert zusammen: Der Mond der Romantik sei also "die lyrische Antizipation des Satellitenfunks". Da lachte das Publikum und auch André Heller, der später sogar selbst eine witzige Anekdote erzählen musste, als sich das Geschehen in den Großen Saal der Elbphilharmonie verlagerte.

Ansonsten folgt das Festival mit viel Weltmusik und einer Lichtinszenierung Hellers auf der Außenseite der Elbphilharmonie der erklärten Absicht, "Menschen zusammenzubringen, die einander vorher womöglich fremd waren". Deswegen war die richtig große Show eine "Sufi Night". Doch weil Hind Ennaira und das Ensemble Black Koyo, die den Abend beginnen sollten, einfach nicht zu deutscher Pünktlichkeit auftauchten, versuchte sich der Multikönner Heller auch mal als Pausenfüller. Kürzlich habe in Wien ein Taxifahrer ihn mit "Servus, Herr Hundertwasser" begrüßt, um dann nach einigen Minuten Nachdenken hinzuzufügen: Das sei ihm jetzt peinlich, denn sein Gast sei ja tot.

Heller ist also bemüht um gute Laune bei seinem Festival zum explosiven Thema des Fremden und der Feindschaften. In einer Zeit, in der es scheinbar nur noch darum geht, ob man pro oder contra zu den Konfliktparteien der Gegenwart steht, ist es eine versöhnliche Einladung, einem Musikgottesdienst zu Ehren Allahs beizuwohnen. Die marokkanische Gimbri-Spielerin - so heißen die Lauten der nordafrikanischen Volksmusik - Hind Ennaira spielte das Instrument wie einen Slap-Bass und war umringt von jungen Männern mit Kastagnetten, die ihre Gnawa-Musik angeleitet von einer Frau feierten wie eine Befreiungsparty, inklusive marokkanischer Breakdance-Moves.

Stärker religiös getragen, aber deswegen nicht weniger energetisch ist das pakistanische Qawwali, das der 1997 verstorbene Nusrat Fateh Ali Khan unter anderem durch die Zusammenarbeit mit Peter Gabriel und Massive Attack auch im Westen berühmt gemacht hat. Fareed Ayaz, Abu Muhammad Qawwal und ihre musikalische Bruderschaft zelebrierten diese stark rhythmische Call-and-Response-Musik, die im Sitzen mit Harmonium und Perkussion gespielt wird, als eine furiose Predigt der kurzen Melodien, bei dem sie die über 2000 Besucher in der Halle mehrmals dazu brachten, vielstimmig Allah zu besingen. Wahrscheinlich ohne, dass sie es bemerkten.

So spielt der Verführer André Heller mit dem Publikum. Aber er achtet auf Ausgewogenheit. Im weiteren Verlauf des Festival-Formats, das in den vergangenen Jahren bereits dem Komponisten John Zorn, dem Gitarristen Bill Frisell und der Sängerin Angélique Kidjo gewidmet worden war, zeigt Heller auch ein "Kaleidoskop jüdischer Gesangstraditionen" mit den Brooklyn Cantors, den Voices of Yemen und dem Piyut Ensemble sowie Konzerte mit Musik afrikanischer Wurzeln, darunter auch Angélique Kidjo oder den Soweto Gospel Choir. Damit werden dann alle abrahamitischen Religionen mit musikalischen Gebeten vereint sein.

Schließlich begleitet die Filmreihe "André Hellers Menschenkinder" die reflektierte Befreundung mit dem Fremden. Gestartet wurde das Programm, in dem auch Andrea Breth, Christoph Ransmayr und Sophie Freud interviewt werden, mit der 2019 verstorbenen Sopranistin Jessye Norman. 2005 gefilmt in Yves Saint Laurents Paradiesgarten Majorelle und dem Palast Ksar Char-Bagh in Marrakesch, in denen Norman wirkt wie eine Pharaonin, spricht sie über ihr Leben und die Musik.

Von der Kindheit im rassistischen Georgia und dem Kampf ihrer Eltern in der Bürgerrechtsbewegung über ihren kometenhaften Aufstieg noch als Studentin reicht das Gespräch bis hin zu Streits über das richtige Tempo mit einem Dirigenten. Aber auch ihre Liebe zu "Mr. Bean", bei dem sie befreit lacht, ihr "Scharren wie ein Pferd in der Box" vor jedem Auftritt oder das aufrichtige Unverständnis, warum es Rassismus und aggressive Moralvorschriften geben muss, sind Teil des Porträts. Und dieser Dreiklang aus Humor, Energie und kritischem Blick auf die menschliche Unfähigkeit, "zu sein und sein zu lassen", bringt die Absicht von Hellers Festival-Traum auf den Punkt: das befremdliche Fremdeln mit dem Fremden doch einfach mal fremd sein zu lassen.

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