Streit um Comic-Klassiker "Gaston":Seufz

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Streit um Comic-Klassiker "Gaston": Nein zum höllischen Arbeitsrhythmus: Das Bürofaktotum Gaston ist ein sympathischer Arbeitsverweigerer. André Franquin hat die berühmte Comicfigur erschaffen.

Nein zum höllischen Arbeitsrhythmus: Das Bürofaktotum Gaston ist ein sympathischer Arbeitsverweigerer. André Franquin hat die berühmte Comicfigur erschaffen.

(Foto: JACQUES COLLET/AFP)

Im Herbst sollte André Franquins genialische Schöpfung "Gaston" als Comic wiederbelebt werden. Nach 25 Jahren Pause. Leider ist ein Rechtsstreit der Reanimation im Weg.

Von Gerhard Matzig

Ein Satz wie die Silhouette vom Sensenmann, auf einmal ist er auf dem Bildschirm. Beleidigt, anklagend, ja bedrohlich: "Wir haben nichts von Ihnen gehört." Mein Gott. Wenn der Bildschirm jetzt noch so einmalig missmutig und paranoid dreinschauen könnte wie die Lachmöwe des großen Franquin. Es geht mal wieder um das Wirrwarr der Identitätsüberprüfungsanforderung am Schirm samt App-Irgendwas auf dem Telefonino. Eh klar, Chefs: Das ist dermaßen wichtig. Aber trotzdem ein peinigendes Wort, Identitätsüberprüfungsanforderung, das uns schon sprachlich den Weg weist in die Hölle. Also ins Büro unter pandemischen Homeoffice-Bedingungen - voller IT-Komik, die verlässlich in den reinen Horror abgleitet.

Heute wäre der Arbeitsverweigerer Gaston wichtiger denn je

Jetzt ist es aber so, dass aus dem grausam humorlosen Buchhalter Bolte im Gaston-Comic seit 1957 eine Authenticator App in der Realität geworden ist. Und dass Gaston nun doch nicht (so schnell) reanimiert wird, um uns zur Seite zu stehen. Dabei wäre das Büro-Faktotum Gaston - eigentlich Gaston Lagaffe von "la gaffe": das Ungeschick, die Entgleisung - wichtiger denn je. Zusammen mit seinem Kaktus, der Lachmöwe und einem anarchistischen Talent zu Sabotage und Arbeitsverweigerung. Gaston würde die Authenticator App auf surreal heitere Weise vernichten.

Aus dem Comeback von Gaston, erfunden vom Marsupilami-Schöpfer André Franquin, wird aber nun erst mal nichts. Ein Vierteljahrhundert nach Franquins Tod, der zu den stilprägenden Zeichnern und Autoren des frankobelgischen Comics gehört, sollte Gaston eigentlich eine Renaissance erleben. Der Dupuis Verlag, bekannt durch Comicserien wie "Spirou" oder "Lucky Luke", hatte das auf dem Comicfestival in Angoulême verkündet. Der Band "Le Retour de Lagaffe", gezeichnet vom Kanadier Delaf, sollte ursprünglich am 19. Oktober mit einer Startauflage von 1,2 Millionen Exemplaren erscheinen.

Dagegen wehrt sich Franquins Tochter Isabelle. Ihr Vater habe einst verfügt, dass Gaston nach dem Tod des Autors auch selbst zu sterben habe. Andererseits verweist Dupuis-Chef Stéphane Beaujean laut Spiegel auf Klauseln aus dem Rechtevertrag, die "eine Übernahme möglich" machten. Dennoch wird das Erscheinen des 22. Gaston-Bandes ausgesetzt, eine Gerichtsentscheidung soll abgewartet werden. Sie ist für September angekündigt. Es herrscht ein Chaos, wie es der liebenswerte Bote Gaston, der im Comic in einem kuriosen Verlag arbeitet, der einem sonderbar bekannt vorkommt, nicht herrlicher hätte anzetteln können.

Kaum ein Büro-Narrativ der Nachkriegsmoderne ist denkbar ohne Gaston

Isabelle Franquin will das Vermächtnis des Vaters schützen, indem jegliche Adaption unterbleibt; der Verlag will das Vermächtnis schützen durch die Weiterführung. Dass es allen lebenden Beteiligten möglicherweise auch um finanzielle Interessen gehen könnte: Auf diese Idee kann eigentlich nur die Lachmöwe kommen - oder noch Wachtmeister Knüsel (wie er für die deutsche Übersetzung etwa im Kauka Verlag heißt), der kein Herz für Falschparker hat.

Fernsehserien wie "Mad Men", aber auch Bernd Stromberg alias Christoph Maria Herbst: Kaum ein Büro-Narrativ der Nachkriegsmoderne, die von der aufblühenden Verwaltungsgesellschaft und aktuell von der heiß laufenden Verdatungsgesellschaft lebt, ist denkbar ohne Gaston als Sprechblasen-Variante des tragisch erfolgreichen Versicherungsmaklers Franz Kafka. Er hätte ein Comeback verdient. Wir brauchen ihn als postheroischen Chaoten, der ein Moment der Selbstbestimmung dort bewahrt, wo sich alles andere der Identitätsüberprüfungsanforderung unterwirft. Oder dem Change Manager.

Man würde gern wieder von Gaston hören.

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