Breiviks Traktat in Weimar Einigkeit an einem Punkt

In Oslo hatte man die Entscheidung getroffen, Breivik in der umhegten Öffentlichkeit des Gerichtssaals reden zu lassen, ihm aber die große mediale Öffentlichkeit zu verweigern. Welche Art von Öffentlichkeit stellte der Weimarer Kinosaal mit seinen 150 Zuschauern her?

Diese Frage warf bei der anschließenden Debatte der Sozialpsychologe Welzer auf, indem er zu wissen verlangte, wem denn die vielen Kameras gehörten, die sich da aufs Podium richteten. Er sei nicht gesonnen, jedes Wort, das er hier sage, für Millionen Außenstehende zugänglich und für die Ewigkeit haltbar zu machen. Die pampige Retourkutsche ließ immerhin erkennen, dass RTL und ZDF dabei waren. Eine Kamerafrau schlug vor, man könne ja die Gesprächsbeiträge von Herrn Welzer weglassen.

Man bekam zu spüren, wie sehr der Begriff der Öffentlichkeit heute schillert und wie schwer es unter diesen Bedingungen sein muss, zu entscheiden, ob Breivik sie genießen soll. Dinge, wie Breivik sie vorgetragen hat, geistern allenthalben durchs Internet. Ist das Internet Öffentlichkeit? Ist Öffentlichkeit noch eine Kategorie oder bloß ein Fokus? Und wenn sie ein Fokus ist, wäre nicht das beste Mittel zur Ablenkung, dass man die kategorische Frage gar nicht erst berührt?

Im Jahr 356 v. Chr. steckte ein Mann den Tempel der Artemis in Ephesos in Brand, um berühmt zu werden. Der Stadtrat von Ephesos beschloss daraufhin, dass der Name dieses Mannes bei Strafe nicht mehr erwähnt werden dürfe. Der Mann hieß Herostratos, er hat den Sprachen der Welt den Begriff der herostratischen Tat beschert. Sagt das nicht alles über die Aussicht von Verbreitungsverboten? Wem es verboten wird, sich zu erinnern, der denkt erst recht daran, er kann gar nicht anders.

Während der Debatte stand ein Zuhörer auf und gab zu bedenken, dass Breivik sein Massaker nur begangen habe, um diese Rede halten zu können. Habe er nicht sein Ziel erreicht? Und was sollten wir daraus folgern? Er musste nicht einmal mit seinem Leben dafür büßen, wie es früher der Fall gewesen wäre, sondern er verschwindet bloß im humanen skandinavischen Knast.

Vielleicht ist das ja das Beste, was passieren kann: Denn man stelle sich vor, wie fokussierend es wirken müsste, wenn dieses Pamphlet auch noch die Adelung zu den letzten Worten eines Todgeweihten erführe! So aber taucht es zurück ins Nebelmeer der Internet-Foren. Da beginnt man die tiefe Weisheit zu würdigen, die der lebenslangen Freiheitsstrafe innewohnt: Mit ihr haben die zivilisierten Gesellschaften einen Weg gefunden, jemandem das Leben zu nehmen und doch zugleich das Pathos des Todes vorzuenthalten.

Ein weiterer Aspekt wurde leider nur angerissen: In welchem Grad stand der Einzeltäter Breivik im Einklang mit einer Haltung, die in der Gesellschaft sehr viel weiter verbreitet ist? Es wäre unverantwortlich gewesen, seinen Wahn für eine Verrücktheit zu erklären, als beträfe das bloß ihn selbst. In diesem Punkt waren sich Breivik und seine Richter einig. Jeder weiß: Solange sich Europa und die Welt als Nationen konstituieren, müssen sie als solche konkurrieren, und solange wird und muss es Nationalismus geben, dessen Gehalt immer darin besteht, die anderen auszuschließen. Nur wie das geschehen und wie weit es gehen soll, darin unterscheiden sich die Meinungen. Breivik, und das ist das Verstörende am ihm, fühlt sich darum im Recht und als Speerspitze der kommenden Mehrheit, weil er Nationalist ist.