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Amsterdam:Stille Grachten sind tief

buch 3

Britta Bolt: Das Büro der einsamen Toten. A. d. Engl. von K. Mallett und H. Schlatterer. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015. 384 Seiten, 20 Euro.

Eine Konkurrenz um den schönsten Ermittlernamen würde der Held in Britta Bolts Amsterdam-Krimi "Das Büro der einsamen Toten" locker gewinnen. Er heißt Pieter Posthumus. Aber leider hat das Autoren-Duo hinter Britta Bolt ein Faible für Klischees.

Den Wettstreit um den schönsten Ermittlernamen hat dieser Held schon gewonnen: Er heißt Pieter Posthumus, und er arbeitet in einer fiktiven Amsterdamer Behörde, die sich damit befasst, einsamen Toten eine würdige Bestattung auszurichten. Tatsächlich kommt die Stadt Amsterdam bei anonymen oder "verwaisten" Leichen für die Beerdigungskosten auf und arrangiert ein sogenanntes einsames Begräbnis mit Musik und Gedichten, die extra für den Verstorbenen geschrieben werden, mit Blumen und Kaffee. Mehr als zwanzig Tassen dürfen es jedoch nicht sein, und da die Holländer ohnehin notorisch bemüht sind, unnötige Kosten zu sparen, wird vorher ordentlich recherchiert, ob es nicht doch irgendwo Angehörige oder einen verwertbaren Nachlass gibt.

Der erste Band der Trilogie zeigt Potenzial, will aber allzu vielen Ansprüchen genügen

"Das Büro der einsamen Toten" lautet der deutsche Titel des ersten Bandes einer Krimi-Trilogie um Pieter Posthumus. Sie ist im Original auf Englisch verfasst, und hinter der Autorin Britta Bolt verbirgt sich ein Duo, bestehend aus der deutschen Anwältin Britta Böhler und dem südafrikanischen Autor und Reisejournalisten Rodney Bolt, beide wohnhaft in Amsterdam. Der Detektiv im Leser kann sich nun an der Frage abarbeiten, was wohl von wem stammt, denn es gibt hier einen auffallenden Bruch zwischen den liebevoll gestalteten Passagen, die für Atmosphäre, Menschelei und Lokalkolorit zuständig sind, und jenen, in denen mit ostentativer Härte die eigentliche Krimihandlung abgespult wird.

Sicher ist: Wer dieser Serie treu bleibt, wird das wegen des grundsympathischen Helden tun, der in seinen jungen Jahren zur Hausbesetzerszene gehörte und jetzt, als allein lebender Endvierziger, perfekt in die hier ausgemalte Amsterdamer Grachten-, Kneipen- und Radler-Idylle passt. Ästhet und Hobbykoch, freundlich und gesellig, mit mehr Empathie ausgestattet, als sein makabrer Beruf es verträgt, bisweilen auch selber hilfe- oder trostbedürftig - das ist Pieter Posthumus. Natürlich sind Frauen in seiner Nähe: die resolute Wirtin Anna, Lebensfreundin und sporadische Bettgenossin, die bildschöne Kollegin Alex, ferner die gerade erst aus der Versenkung aufgetauchte Nichte Merel, Tochter seines geliebten, tragisch verunglückten Bruders und risikofreudige Nachwuchsjournalistin. Das allein könnte Stoff für mehr als drei Bände ergeben.

Schade, dass die im Original 2012 erschienene Ouvertüre nicht so recht zu fesseln vermag, obwohl der Plot sogar mit Elementen einer Sado-Maso-Story aufgepeppt wurde. Im Kern geht es um eine marokkanische Wasserleiche und eine vermeintliche Al-Qaida-Zelle sowie um die Machenschaften einer fiktiven niederländischen Geheimdienst-Abteilung, in der Rivalitäten und Kompetenzneid für internen Sprengstoff sorgen. Der so blauäugige wie skrupellose Sektionschef Onno Veldhuizen und die ihm unterstellte, ebenso blonde wie ehrgeizige Lisette Lammers sind zwei Figuren, deren Kontroverse noch Potenzial hat. Die Intrige um einen eingeschleusten syrischen Aufwiegler, über die sie sich zerstreiten, ist spannungstechnisch zwar ein Flop, die Auflösung aber politisch äußerst korrekt, folgt sie doch dem Motto: Nicht alle Muslime sind Terroristen, und nicht alle Niederländer sind nett.

Schon gar nicht so nett wie Pieter Posthumus, dem man gern in sein Stammlokal De Dolle Hond in der Nähe des Rotlichtviertels begleitet, auch wenn es dort, wie in dem schicken Altstadtquartier, in dem er wohnt, von Amsterdam-Klischees nur so wimmelt. Seine arbeitsbedingten Erkundungstouren führen ihn in ungemütlichere Zonen, wo Menschen in trostlosen Neubauwohnungen einsam sterben oder Immigranten am Rande der Legalität um ein würdiges Dasein kämpfen. Aber man merkt, dass die Autoren sich auf der touristisch attraktiven Sonnenseite der Stadt gründlicher auskennen als in den - nach heutigen Maßstäben - kriminalistisch ergiebigen Milieus. Zu Pieter Posthumus und zu seiner schwarzen "Grübelbox", in der er Fundstücke und Puzzleteile zu ungelösten Fällen aufbewahrt, würden altmodische Plots und konventionelle Mordgeschichten besser passen als gewaltsam konstruierte Ausflüge in die soziale und politische Tagesrealität. Doch offenkundig ist die Serie darauf angelegt, möglichst viele verschiedene Publikumswünsche zu bedienen: Die Revolver-Attrappe aus Delfter Porzellan, die den Umschlag ziert, spricht Bände.

© SZ vom 14.04.2015

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