Literatur Jung, männlich, desorientiert

Der Autor und Musiker Benedikt Feiten in der Gaststätte "Alter Simpl" in München.

(Foto: Robert Haas)

Beim Festival Wortspiele im Ampere geht es um Pizza-Lieferdienste, Liebe und Geld für die Miete. Benedikt Feiten und Gerasimos Bekas lesen aus ihren neuen Büchern.

Von Antje Weber

"Der große Anton Lobmeier" ist sein Spitzname. Den hat er, seit seine Freunde auf einer Party die Kassette gefunden haben, mit der er sein Selbstbewusstsein aufbauen wollte: "Ich bin Anton Lobmeier. Der große Anton Lobmeier. Ich bin tatkräftig ..." Dabei fühlt sich Anton alles andere als das, im Gegenteil: "Ich gehöre zu einer Dynastie von Verlierern."

Der Münchner Autor und Musiker Benedikt Feiten führt in seinem zweiten Roman "So oder so ist das Leben" (Voland & Quist) einen sympathischen Antihelden vor. Mit der Liebe klappt es nicht so richtig, gerade hat sich die langjährige Freundin von ihm getrennt. Auch sonst ist sein Leben schwierig, denn seit dem Tod der Mutter kommt Anton der Sinn des Lebens und Arbeitens immer mehr abhanden. Die Arbeit beschäftigt den Ich-Erzähler ohnehin enorm: in dem Sinne, dass er sich nicht mehr über Gebühr mit ihr beschäftigen will.

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Denn der große Anton Lobmeier hat seine Perspektive verändert, und damit auch seinen Job: "Es gibt nichts Schöneres, als Ambitionen loszulassen." Seine Arbeit in einer Marketingagentur hat er gekündigt, weil er nach einer vergeigten Präsentation keine Lust mehr auf diese Art von Stress hat: "Abstrampeln. Abfucken. Aufrichten. Und dann wieder von vorn." Nein, Anton will keine Mails mehr beantworten, Telefonate führen, Excel-Tabellen mit Anschlüssen befüllen - "das ist die wirklich stupide Arbeit, das ist der wahre Gipfel der Sinnlosigkeit. Weil sie nicht nur stressig ist, wenn sie in ausreichender Menge über dir ausgekippt wird, sondern weil sie auch noch deinen Kopf erstickt, weil sie dich so in Beschlag nimmt, dass du nicht mal die Freiheit hast, zwischendurch an etwas anderes zu denken." Anton wird statt dessen Fahrradkurier, und er fegt auch gerne mal die Garage aus. Später wechselt er zu einem Pizza-Lieferdienst, auch egal: "Gleichgültigkeit ist der Schlüssel zur Produktivität als Angestellter im Spätkapitalismus, da ist es vollkommen bums, ob man Key-Accounter ist oder auf einem Fahrrad Essen ausfährt."

Wer bin ich, und wenn ja, wie viele Jobs brauche ich, um mehr als die Miete bezahlen zu können? Und wie sehr ist dem Menschen dabei der Kampf um Aufstieg, um Anerkennung und Geld, nun ja, bums? Diese Frage beschäftigt nicht nur Feiten in seinem - bei aller Ernsthaftigkeit des Themas - doch vor allem unterhaltsamen Loser-Roman, den er an diesem Donnerstag bei den Wortspielen vorstellt. Eingeladen zu diesem dreitägigen Festival insbesondere junger Autorinnen und Autoren ist unter vielen anderen auch der in Franken und Griechenland aufgewachsene Autor und Theatermacher Gerasimos Bekas, der am Mittwoch liest. In seinem Debütroman "Alle Guten waren tot" (Rowohlt Hundert Augen), dessen erster Teil in Würzburg spielt, ist die Arbeitswelt ebenfalls präsent.

Und wie: Die Hauptfigur Aris arbeitet als Altenpfleger in der gerontopsychiatrischen Abteilung im "Silvaner-Spital" Würzburg. Die Rahmenbedingungen sind unangenehm, man ahnt es, nicht nur im "Affentrakt, wo die kotwerfenden Herren untergebracht waren". Eine Kollegin verabschiedet sich denn auch gleich in die Burnout-Klinik, die anderen retten sich in krassen Humor. Vor allem aber versucht es Aris, ähnlich wie Anton bei Feiten, mit Gleichgültigkeit: "Aris lehnte keinen Job ab, er gab sich einfach keine Mühe und hoffte durch diesen Ansatz, den er als passiven Widerstand bezeichnete, unangenehmen Aufgaben dauerhaft zu entgehen." Manchmal flüchtet er auch mit einem Rollstuhl in die Freiheit: "Der leere Rollstuhl ist die Tarnkappe des Gesundheitspersonals." Niemand will schließlich in der Nähe sein, wenn der Schiebende gleich mit einem vollen Rollstuhl zurückkehrt, denn das bedeutet "Verwaltungskram, Aufnahmeformulare und Mausklicks".

Auch Gerasimos Bekas schildert seinen Aris als verpeilten Antihelden. Der setzt schon mal gedankenlos das Haus der Eltern - die gerade ihr Straßenhundeprojekt in Griechenland vorantreiben - unter Wasser. Er verbockt auf seinen Streifzügen durch Würzburg noch so manches mehr. Liebestechnisch ist auch wenig geboten, sieht man einmal von der Nacht mit einer Kollegin ab, die an ihm "ihre eigenwillige Interpretation der Fifty Shades of Grey" ausprobiert hat, wonach sich der junge Aris irgendwie entwürdigt fühlt.

Gerasimos Bekas liest von seinem Antihelfen Aris, der das Haus seiner Eltern unter Wasser setzt.

(Foto: )

Natürlich lassen sich all diese Krisensymptome, ob bei Feiten oder Bekas, einfach als mehr oder weniger typische Beschreibungen des Erwachsenwerdens lesen. Als angewitzelte Varianten der Identitätssuche, abzubuchen unter den Begriffen: jung, männlich, desorientiert. Und doch kann man aus den Romanen noch etwas mehr herausfiltern: ein Unbehagen angesichts der Erwartungen einer auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft. Insbesondere Feiten treibt das satirisch auf die Spitze. Wie sein Debüt "Hubsi Dax", das von der Gentrifizierung handelte, ist auch dies übrigens wieder überwiegend ein München-Roman. Ein Roman über eine Stadt mit einem besonderen Faible für den Erfolg, eine Stadt, in der nicht nur im Fußball gilt: "Alles unter dem Champions-League-Titel ist Versagen." Und deshalb trägt Anton Lobmeier, seit er nicht mehr groß sein will, aus Trotz nur noch Fußballtrikots von Verlierern.

Geld, Gier, Gerechtigkeit

An dieser Stelle sei kurz an den Roman "Auster und Klinge" von Lilian Loke erinnert, den sie vor einem Jahr bei den Wortspielen vorstellte. Auch diese Münchner Autorin interessiert sich für das Thema Arbeitswelt und lässt ihren Roman mit einer Szene im Callcenter beginnen, das von einem Pizzadienst beliefert wird; überhaupt geht es ihr um das Thema Geld, Gier, Gerechtigkeit. Das alles passt auch zu einem Sachbuch, das soeben eine junge Münchner TU-Professorin für Politische Philosophie und Theorie veröffentlicht hat: "Die Rettung der Arbeit" (Hanser) ist das Anliegen von Lisa Herzog. Sie verweist auf die nicht ganz neue These, dass Arbeit "sehr viel mehr als nur ein Instrument zum Geldverdienen" ist. Und plädiert dafür, die Arbeitswelt in Zeiten des digitalen Umbruchs nicht nur ihrem Schicksal "oder dem ungesteuerten Wirken des freien Markts" zu überlassen. Sie will statt dessen die "soziale Dimension der Arbeit wieder in den Blick" rücken und fragt nach den "Möglichkeiten einer solidarischen Arbeitswelt".

Diese Fragen hat Feitens Anton vorläufig für sich beantwortet. Seinen Erweckungsmoment hat er nach einer Selbstfindungsreise. Auf der hatte ihm ein junger Finne einen Zettel mit einem Satz in die Hand gedrückt, übersetzt lautet er ungefähr: "Lass das Kinn auf die Brust sinken und mach dich gefasst auf weitere Enttäuschungen." Loslassen, Enttäuschungen erwarten? "Warm und fiebrig durchströmte mich die Wahrheit, gegen die ich mich so lange gesträubt hatte. ,Ich bin nichts. Ich bin ein Verlierer. Ich bin unangreifbar.' Am liebsten wollte ich das den Passanten ins Gesicht schreien, so erleichtert war ich, das alles aufzugeben. So froh war ich über das Gefühl, nicht mehr neben mir zu stehen, sondern ausnahmsweise, mit einem Mal, zu akzeptieren, wer ich bin." Und der nicht gar so große Anton Lobmeier, der so lange einer "unerreichbaren Anerkennung" nachgejagt hatte, spürt auf einmal: "eine überwältigende Befreiung".

Wortspiele, Mittwoch bis Freitag, 13. bis 15. März, 20 Uhr, Ampere, www.festival-wortspiele.eu

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