Politik als Kunst der Inszenierung:Der lange Weg nach Sacramento

Politik als Kunst der Inszenierung: In "Armageddon" fliegt ein Team um Ben Affleck (Mitte) Bruce Willis ins All hinterher. Außerdem: Norbert Walter-Borjans, Annalena Baerbock, Robert Habeck, Olaf Scholz, Christian Lindner, Volker Wissing und Saskia Esken auf dem Weg zur Pressekonferenz, um den gemeinsamen Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP für die künftige Bundesregierung vorzustellen (oben).

In "Armageddon" fliegt ein Team um Ben Affleck (Mitte) Bruce Willis ins All hinterher. Außerdem: Norbert Walter-Borjans, Annalena Baerbock, Robert Habeck, Olaf Scholz, Christian Lindner, Volker Wissing und Saskia Esken auf dem Weg zur Pressekonferenz, um den gemeinsamen Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP für die künftige Bundesregierung vorzustellen (oben).

(Foto: dpa, imago)

Was die Ampel-Koalitionäre von Hollywood gelernt haben? Fast alles.

Von Gerhard Matzig

Annalena Baerbock (dieser Blick, diese Stiefel!) hat die linke Hand genau dort, in Bauchnabelhöhe, wo sie den blauen Blazer im Bruchteil einer Sekunde öffnen kann. Um mit der anderen Hand auf den Revolver, der unter dem Blazer zu vermuten ist, zuzugreifen. Blitzschnell. Die drei harten Jungs neben ihr, Robert Habeck, Olaf Scholz und Christian Lindner, befinden sich, wie Baerbock auch, im High-Noon-Wiegeschritt. Wie er nur Hollywood oder eben der Berliner Politik einfallen kann.

Die glorreichen Sieben aka The Magnificent Seven USA 1960 Regie John Sturges Darsteller Yul Bryn

"Die Rückkehr der glorreichen Sieben": Auch in der Fortsetzung des Sturges-Film aus dem Jahr 1966 rettet Yul Brynner (Mitte) mal wieder die halbe Welt.

(Foto: IFTN/imago/United Archives)

Man muss noch nicht mal das halbe Leben im Kino verbracht haben (allerdings ist das auch kein Schaden), man muss auch kein Western-Historiker sein, um auf Anhieb den perfekt getimten Jetzt-geht's-los-Auftritt der Koalitionäre am Mittwoch vor den wartenden Journalisten im Berliner Westhafen als verblüffendes Remake von "Die glorreichen Sieben" zu begreifen. Das ist wahlweise der beste Western der Welt, aus dem Jahr 1960 in der Regie von John Sturges, oder doch das beste denkbare Erbe von "Die sieben Samurai", sechs Jahre zuvor von Akira Kurosawa zum Weltkinokulturgut gemacht. Zu den Erben gehören allerdings noch viele andere ikonische Momente jener Kunst, der Welt zu signalisieren, dass sie jetzt gleich vor dem Abgrund gerettet oder - das ist natürlich auch eine Möglichkeit - ausgeplündert wird. Mehr zur Gegenfinanzierung der Koalitionsvorhaben entnehmen Sie bitte, sofern kein Herzleiden vorliegt, dem politischen Teil der SZ.

Janeane Garofalo,Kel Mitchell,Wes Studi,William H. Macy, Hank Azaria, Ben Stiller, Paul Reubens Characters: The Bowler,T

Gemischte Truppe: "Mystery Men" von 1999.

(Foto: Mary Evans/imago images)

Kulissentechnisch ist der Ort des Schauspiels jedenfalls klug gewählt. Berlin im November sieht ja grundsätzlich aus wie der heruntergekommene Bahnhof Cattle Corner in "Spiel mir das Lied vom Tod", nur eben viel hässlicher und feuchter. Und dass andererseits Deutschland, wir sind jetzt wieder im Setting der glorreichen Sieben, nach Jahren unter dem Diktat der Union insgesamt an ein armes mexikanisches Dorf erinnert, wird niemand bestreiten. Nur die Faxgeräte funktionieren noch. Überall Staub und Einsamkeit. Man wird außerdem dauernd heimgesucht von maskierten Ganoven. Die Masken hat jemand von der CSU vermittelt.

Der Bilderreigen der Assoziationen, die nie und nimmer dem Zufall, sondern nur dem Kalkül eines inszenatorischen Genies zu verdanken sein können, reicht noch viel weiter. "The Matrix" kommt einem in den Sinn. Oder, ganz anderes Thema, die Szene in "Armageddon" mit Bruce Willis, wenn die Weltretter ins All aufbrechen. Olaf Scholz legt ja bisweilen schon frisurtechnisch eine Bruce-Willis-hafte Entschlossenheit an den Tag, die vom Yul-Brynner-haften Grimm aus "Die glorreichen Sieben" kaum zu unterscheiden ist. "Ocean's Eleven" ist wohl auch noch denkbar als Referenz. Möglicherweise sogar "Ocean's 8" - falls die in Berlin noch an der Frauenquote arbeiten, damit die Calamity Jane der Grünen nicht immer alles allein niederballern muss.

Münchner Geschichten

"Münchner Geschichten": In der Folge "Der lange Weg nach Sacramento" wollen Achmed (Towje W. Kleiner), Tscharli (Günther Maria Halmer) und Gustl (Frithjof Vierock) ihre Faschingsrollen nicht ablegen. Aber nicht alle drei halten durch.

(Foto: Intertel Television GmbH/Intertel Television GmbH)

Am liebsten ist einem aber die Parallele zu "Der lange Weg nach Sacramento". Das ist eine Episode der legendären 70er-Serie "Münchner Geschichten". Darin weigern sich Tscharli (Zorro), Gustl (Gringo) und Achmed (Zapata), ihre Faschingsrollen abzulegen - bis sie wegen Landstreicherei und offenem Feuer an der Isar verhaftet werden. So weit muss es nicht kommen in Berlin. Was wir jetzt brauchen in Deutschland: ein Happy End. Auf dem langen Weg nach Sacramento beziehungsweise in die Regierung halten übrigens zwei von drei Heroen ihre Rollen durch. Einmal aber kommt es zum Verrat. Genau, das ist jetzt der Cliffhanger. Schließlich ist diese Koalition ja als Netflix-Serie angelegt.

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