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"Amoris laetitia":Radikal barmherzig

Vielleicht ist Sexualität doch nicht grundsätzlich schlecht? Vielleicht sind Priester mehr also nur "Kontrolleure der Gnade"? Warum das Schreiben des Papstes revolutionär ist - und wer ihn inspirierte. Ein Gastbeitrag von Hubert Wolf.

Was hatte man nicht alles erhofft oder befürchtet vom Schreiben "Amoris laetitia", mit dem Papst Franziskus aus seiner Sicht die Ergebnisse der beiden Bischofssynoden zu Ehe und Familie zusammenfasst: eine grundlegende Reform der Ehedoktrin, die Eröffnung der Möglichkeit einer zweiten Eheschließung nach dem Vorbild der orthodoxen Kirchen, die kirchliche Billigung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften vor dem Altar, eine positive Würdigung nicht ehelicher Beziehungen, zumindest jedoch die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion. Manche Kommentatoren haben im Vorfeld sogar das Schicksal von Franziskus' Pontifikat an diesen Text geknüpft: Entweder gelingt ihm hier endlich der große Wurf, die erste richtige Reform, oder es wird von diesem Papst nichts bleiben als ein neuer Stil der Bescheidenheit und eine Rhetorik der Barmherzigkeit.

Keine dieser Veränderungen in der Lehre ist eingetroffen. Auf den ersten Blick wird es vielen nicht weit genug gehen. Und in der Tat: Eindeutige juristische Formulierungen sucht man in dem Text vergeblich. Ist es den "Hardlinern" in der Kirche also doch gelungen, den Papst an die Leine zu legen? Schließlich hatten sie doch auf der Synode die Chuzpe, Franziskus belehren zu wollen, was er als Papst könne und was nicht.

Er nimmt die Allzuständigkeit Roms zurück: Für jedes Land gibt es eigene Lösungen

Eine derartige Infragestellung des ordentlichen päpstlichen Lehramts wäre unter seinen Vorgängern völlig undenkbar gewesen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese sich als besonders papsttreu inszenierenden Kurialen nur so lange für den Papst sind, solange er tut und sagt, was sie denken.

Aber der Papst ist von niemandem diszipliniert worden. Im Gegenteil: Franziskus hat einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in der päpstlichen Lehrverkündigung vollzogen, der nicht nur für den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen gilt. An der Doktrin als solcher änderte er nichts, aber bei ihrer Anwendung auf der Ebene der Disziplin und des seelsorgerlichen Handelns fordert Franziskus dezidiert zu neuen Wegen auf, von denen manche bis vor Kurzem noch mit dem Odium der Unkirchlichkeit behaftet gewesen wären.

Franziskus lehnt zwei Extreme grundsätzlich ab: das "ungezügelte Verlangen, ohne ausreichende . . . Begründung, alles zu verändern", genauso wie die starre und geistlose "Anwendung genereller Regelungen". Der springende Punkt seiner Argumentation ist jedoch, dass er als oberster Lehrer der Kirche die Sicht vertritt, dass "nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden" müssen. Vielmehr könne man gar keine solche Entscheidung von ihm erwarten. Daher seien "verschiedene Interpretationen" der kirchlichen Lehre durchaus legitim.

Wann hat man je einen solch befreienden Satz in einem päpstlichen Dokument gelesen? Die unterschiedlichen Kontexte in den einzelnen Ländern der Welt verlangten sogar - so Franziskus weiter - geradezu nach pluriformen und damit "besser inkulturierten Lösungen". Damit aber nimmt der Papst nicht nur die Allzuständigkeit Roms zurück, sondern fordert zugleich eine ernsthafte Anwendung des Subsidiaritätsprinzips auf die katholische Kirche selbst.

Weil die vielfältigen konkreten Situationen nach einer differenzierten Einzelfallentscheidung im Lichte des Evangeliums verlangen, sei es, so der Papst, nur möglich, eine "neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle".

Das ist der zweite entscheidende Punkt in Franziskus' Argumentation. Im Klartext: Wer dem Beispiel Jesu folgt, kann den Wert des Ehe-Sakraments als Ideal hochhalten. Zugleich können wiederverheiratete Geschiedene nach einer Prüfung des Einzelfalls, bei der das seelsorgerliche Gespräch und die Gewissensbildung eine entscheidende Rolle spielen, zur Eucharistie zugelassen werden. Zumindest theoretisch wären nach diesem Konzept auch weitergehende Konsequenzen denkbar, die der Papst aber nicht anspricht.

Schon einmal, im August 1993, hatten drei Bischöfe dieses heiße Eisen mutig angepackt

Um den Paradigmenwechsel, den Franziskus durch "Amoris laetitia" in der römischen Lehrverkündigung vornimmt, einordnen zu können, muss man sich die Geschichte der Diskussionen um wiederverheiratete Geschiedene vergegenwärtigen. Im August 1993 packten die Bischöfe der Oberrheinischen Kirchenprovinz dieses heiße Eisen mutig an. Oskar Saier aus Freiburg, Walter Kasper aus Rottenburg-Stuttgart und Karl Lehmann aus Mainz brachten in einem gemeinsamen Hirtenwort ihre Überzeugung zum Ausdruck, die Kirche müsse dringend neue Formen des barmherzigen Umgangs finden. Ein apodiktischer Ausschluss vom Sakrament der Eucharistie erschien ihnen ebenso unangemessen wie die römische Forderung an die in einer zweiten Ehe lebenden Partner, wenn sie zur Kommunion gehen wollten, dann müssten sie eben künftig "wie Bruder und Schwester zusammenleben" und auf jede Form sexueller Nähe verzichten.

Die drei Bischöfe verlangten ein "sehr differenziertes pastorales Engagement". Sie hielten dabei selbstredend an der Sakramentalität und Unauflöslichkeit der Ehe fest, machten aber deutlich, dass die kirchliche Tradition nicht nur allgemeine Normen, sondern für ihre "konkrete Anwendung" auch die Prinzipien der kanonischen Billigkeit kenne, um jedem Einzelfall möglichst gerecht zu werden. Deshalb sollten die Betroffenen seelsorgerlich so begleitet werden, dass sie zu einer reifen Gewissensentscheidung gelangen, ob sie zur Kommunion hinzutreten wollen oder nicht.

Mit ihrem Vorschlag griffen die drei Bischöfe einen Gedankengang Joseph Ratzingers von 1972 auf, der den Pfarrern und Gemeinden sogar die Kompetenz zugesprochen hatte, nach Prüfung jedes Einzelfalls eine offizielle Zulassung zur Kommunion auszusprechen. Als Begründung führte er ähnliche Argumente wie die oberrheinischen Bischöfe ins Feld: "Unterhalb der Schwelle der klassischen Lehre", heißt es dort, "hat es offensichtlich immer wieder in der konkreten Pastoral eine geschmeidigere Praxis gegeben, die zwar nicht als dem wirklichen Glauben der Kirche ganz konform angesehen, aber doch auch nicht schlechthin ausgeschlossen wurde."

Das ist etwas gewunden formuliert nichts anderes als der Grundsatz der situativen Billigkeit. Franziskus nennt diesen mit Rekurs auf den heiligen Thomas von Aquin "die mildernden Umstände in der pastoralen Unterscheidung".

Diese Argumente ließ Joseph Ratzinger 1994 als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre allerdings nicht mehr gelten. In einem Schreiben an die Bischöfe der Weltkirche bezeichnete er es als "irrige Überzeugung", wiederverheiratete Geschiedene aufgrund einer persönlichen Gewissensentscheidung zum Tisch des Herrn zuzulassen. "Wahres Verständnis und echte Barmherzigkeit" dürften niemals "von der Wahrheit getrennt" werden, heißt es da.

Franziskus verabschiedet sich von der Vorstellung, dass Sexualität grundsätzlich schlecht ist

Er formulierte ein kategorisches Nein zum Vorstoß der oberrheinischen Bischöfe, ohne diese namentlich zu nennen. Es komme allein "dem universalen Lehramt der Kirche zu, in der Treue zur Heiligen Schrift und zur Tradition das Glaubensgut zu verkünden und authentisch auszulegen", schrieb Joseph Ratzinger an die Bischöfe, also immerhin an die Nachfolger der Apostel. Überdies rief er die Norm in Erinnerung, dass wiederverheiratete Geschiedene "sich in einer Situation" befänden, "die dem Gesetz Gottes objektiv widerspricht" und als "solche den Hinzutritt zur heiligen Kommunion unmöglich macht".

Franziskus schwenkt dagegen auf die 1972 von Ratzinger und 1993 von den drei Bischöfen vorgezeichnete Linie ein. Er verabschiedet sich in "Amoris laetitia" von einem lehramtlich-verkrusteten Sprachduktus und einem unbarmherzigen, in Beton gegossenen Wahrheitsbegriff, von einer mechanisch-deduktiven Anwendung von Normen ohne Blick auf die konkreten Umstände, unter denen Menschen leben und leiden.

Er verabschiedet sich von einem negativen Menschenbild im Geiste des augustinischen Pessimismus und einer einseitigen Konzentration auf Sexualität als etwas grundsätzlich Negativem. Allgemeine Normen seien ein wichtiges Gut, aber sie könnten "unmöglich alle Sondersituationen erfassen". Ein wirklicher Hirte dürfe sich nicht damit zufrieden geben, "nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien sie Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft. Das ist der Fall der verschlossenen Herzen, die sich sogar hinter der Lehre der Kirche zu verstecken pflegen", schreibt Franziskus und kritisiert eine "unerbittliche Pastoral" sowie eine "kalte Schreibtischmoral" in seiner Kirche.

Stattdessen solle künftig eine pastorale Unterscheidung voll "barmherziger Liebe" gelten, die immer geneigt sei, "zu verstehen, zu verzeihen, zu begleiten, zu hoffen und vor allem einzugliedern". Franziskus macht offenkundig auch hier Ernst mit seinem immer wieder verkündeten Programm der Barmherzigkeit.

Wenn dieses neue kirchliche Leitbild ernst genommen wird, könnte die Zeit der Unbarmherzigkeit nicht nur für wiederverheiratete Geschiedene endgültig vorbei sein, sondern auch für zahlreiche andere Menschen, die sich in ihrem Gewissen außerstande sehen, eine sittliche Norm zu erfüllen. Die Kardinäle, die Bischöfe, die Priester und alle Männer und Frauen in der Seelsorge dürfen sich - wenn sie dem Papst in der Freude der Liebe gehorsam sind - nicht länger als "Kontrolleure der Gnade" verstehen, die ihre Kirche als eine "Zollstation" begreifen.

Der Grad ihrer Barmherzigkeit wird für Franziskus zum "Kriterium" der Gotteskindschaft. Vielleicht werden Liebe, Leben und Glauben in der katholischen Kirche doch noch zu einer Angelegenheit nicht endender Freude, eben von Amoris laetitia.

Hubert Wolf ist Theologe und lehrt an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Zuletzt erschien von ihm "Krypta" (Verlag C. H. Beck).