Amoklauf in München:Noch geben Tatort und Lektüre Rätsel auf

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Nun ist es ja verstörend, dass solch ein Buch, das eindeutig als Präventionsbuch geschrieben wurde, im Zimmer des Täters gefunden wird. Was meinen Sie, warum hat er es gelesen?

Ja, darüber bin ich selbst sehr erschrocken. In dem Buch werden die zehn Fälle - aus aufklärerischer Hinsicht ist das ja auch sinnvoll - sehr detailliert beschrieben. Der Münchner Mörder hat möglicherweise in den Schulattentätern Leidensgenossen gesehen. Oder er hat sich angeschaut, wie man es am besten macht. Was wiederum eine These von Langman selbst bestätigen würde: Alle Attentäter haben sehr genaue Analysen bisheriger Übergriffe gemacht und alles ganz genau rekonstruiert um zu sehen, was sie davon als Modell für ihr eigenes Handeln herausgreifen können. Aber es bleibt sehr unheimlich und schockierend, dass ein informatives Sachbuch, das zur Aufklärung von Lehrern, Therapeuten, Pädagogen, Eltern gedacht war, um zu vermeiden, dass solche Amokläufe geschehen, auf dem Tisch eines solchen Täters gefunden wird.

Besonders perfide an den Münchner Morden war ja anscheinend, dass der Täter über einen gehackten Facebook-Account Jugendliche an den Tatort gelockt hat mit dem Versprechen, sie zum Essen einzuladen.

Das gab es noch nie und man sieht daran, dass solche Taten immer auf der aktuellen Schwelle von Technologie und Kommunikation laufen. Aber weil Sie den Tatort gerade erwähnen: Im Unterschied zu allen Schoolshootings hat dieser junge Mann ja nicht an seiner Schule zugeschlagen.

Das stimmt. Aber er hat gezielt Jugendliche durch die Facebookfalle an den Tatort gelockt. Und er scheint auch gezielt auf Gleichaltrige geschossen zu haben: Acht der neun Ermordeten waren zwischen 14 und 20 Jahre alt.

Trotzdem ist noch erklärungsbedürftig, warum das nicht an der Schule stattfand. Vielleicht weist es darauf hin, dass er nicht an seiner Schule gekränkt wurde.

Weil Sie das Thema der Kränkungen gerade ansprechen: Inwieweit ist das Opfergefühl zentral bei Amokläufern?

Solch ein Amoklauf macht vorne und hinten nach unseren normalen Kategorien keinen Sinn. Der Täter ist natürlich daran interessiert, der Tat eine Sinnkomponente zu geben. Ich bin ein Opfer der Gesellschaft. Oder ich muss für Gerechtigkeit sorgen. Deshalb ist es ja auch für viele Gewaltattentäter so attraktiv, ihre Tat religiös oder politisch zu verbrämen. Obwohl das gar nicht der eigentliche Antrieb ist. Insofern bin ich auch erleichtert, dass diese Tat eindeutig keinen Hintergrund im religiösen oder politischen Kulturspannungsverhältnis hat. Es liegt uns nahe, solche Taten mit unseren Kategorien zu verstehen oder einzuhegen, aber Langman zeigt ja gerade, dass das nicht geht. Er schreibt, es bleibe bei jeder der noch so detailliert rekonstruierbaren Taten ein großes schwarzes Loch: Die psychische Störung, der Wahn.

Trotzdem nochmal zu der Frage nach dem Opfergefühl: Der Täter sagte in dem Video, das ein Augenzeuge drehte, er sei gemobbt worden und habe sich deshalb eine Waffe besorgen müssen. So als sei das eine ganz logische Reaktion. Ich armer Hanswurst bin zu kurz gekommen, jetzt muss ich eben morden. Findet sich solches Opfergerede in vielen Bekennerschreiben?

Es gibt Täter, die gemobbt und erniedrigt wurden und dann racheartige Handlungen vollzogen haben. Aber Langman zeigt, dass es eben nicht so einfach ist: Es gibt Täter, die waren erfolgreich und beliebt in der Schule. Da hängt die Persönlichkeitsstörung an irgendeinem anderen Faktor. Was sie eint, ich wiederhole mich: Alle Täter waren oder sind zum Tatzeitpunkt in psychologischer oder psychiatrischer Behandlung.

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