Reisebuch "Auf Basidis Dach":Zu Gast in der Heimat

Lesezeit: 3 min

Reisebuch "Auf Basidis Dach": Die engen Gassen der Altstadt von Fès sind Ausgangspunkt vieler Erkundungen von Mona Ameziane.

Die engen Gassen der Altstadt von Fès sind Ausgangspunkt vieler Erkundungen von Mona Ameziane.

(Foto: Mosa'ab Elshamy/AP)

Mona Ameziane erzählt vom marokkanischen Teil ihrer Familie in einem Reisebuch, das sie quer durch das Geburtsland ihres Vaters führt.

Von Stefan Fischer

Die Journalistin Mona Ameziane hat eine deutsche Mutter und einen marokkanischen Vater. Abgesehen von einem Schuljahr in Agadir hat sie ihre Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet verbracht. Inzwischen arbeitet sie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, moderiert unter anderem die Büchersendung "Stories" bei WDR 1Live.

Wie viel ihrer marokkanischen Herkunft steckt in ihr? Diese Frage beschäftigt die 27-Jährige seit Längerem. Sie wird den Gedanken nicht los, dass, wann immer sie nach Marokko reist, sie wie alle Übrigen auch lediglich eine Touristin ist, obwohl sie dort Verwandte hat, voran ihren inzwischen verstorbenen Basidi - ihren Großvater - und die nach einem Schlaganfall stumme Großmutter. Geht es ihr dort also wie ihrem Vater hierzulande? Er ist Architekt und lebt seit 30 Jahren bestens integriert in Deutschland. Trotzdem fühlt er sich in seiner neuen Heimat lediglich als Gast.

Sie sei, schreibt Mona Ameziane in ihrem Buch "Auf Basidis Dach", dennoch beides: Marokkanerin und Deutsche. Und trotzdem gebe es ein Gefälle: In Deutschland ist sie geboren und aufgewachsen, hat das gesamte Bildungssystem durchlaufen, arbeitet für deutsche Medien. "Marokko war dagegen lange Zeit nicht mehr als ein Ferienziel für mich." Sie beneide ihre Kollegin Dunja Hayali, die stets selbstbewusst von ihrem Migrationsvordergrund spricht. Bei ihr, so Ameziane, sei Marokko immer vieles gewesen, "aber selten im Vordergrund".

Manchmal kommt die Autorin sich wie eine Möchtegern-Marokkanerin vor

Ihr Buch nun ist ein spannender Hybrid, weil es sich um Identitätsfragen dreht, indem es eine für Deutschland immer typischer werdende Familiengeschichte erzählt. Und weil es zugleich ein Reisebuch ist aus der Perspektive einer Autorin, die im Vergleich zu vielen ihrer Leserinnen und Lesern einen deutlichen Vorsprung hat in ihrem Wissen über und ihrem Gespür für dieses Land und seine Gesellschaft. Auch wenn sie immer wieder hart mit sich selbst ins Gericht geht und befürchtet, als eine Menge Klischees verbreitende Möchtegern-Marokkanerin angesehen zu werden von den Menschen in Fès und Marrakesch.

In Wahrheit ist sie eine genaue Beobachterin, gerade weil die wenigsten Dinge in Marokko für sie selbstverständlich sind und einige davon auch durchaus befremdlich. Weil sie neugierig ist und ihre eigene Haltung immer wieder hinterfragt. Und sie gleichwohl etliche kulturelle Codes kennt, vieles also einordnen kann - und das wiederum in eine Beziehung setzt zur Welt außerhalb von Marokko.

Das Land zählt zu jenen, die in einer besonderen Touristenfalle sitzen: Besucher schätzen vor allem Eindrücke von einem ursprünglichen, traditionellen Lebensstil, sei es in den Basaren der großen Städte, sei es bei Exkursionen ins Rif- oder Atlasgebirge. In dieser Logik ist Marokko nur so lange eine Reise wert, solange sich das Land nicht zu stark entwickelt.

Die Dachterrasse des Großvaters ist ein idealer Ausgangspunkt für Erkundungen

Ein Kapitel widmet Mona Ameziane ihrem - nun ja: Auslandsaufenthalt, als sie im Alter von 16 Jahren zehn Monate bei einer Gastfamilie in Agadir verbracht hat. Diese Familie gehört der reichen Oberschicht an. Einerseits habe sie in dieser Zeit Marokko viel besser verstanden, überdies erst richtig Arabisch gelernt. Andererseits "beschlich mich nach und nach das Gefühl, mit vergoldeten Scheuklappen am Großteil von Marokko vorbeizuleben". Und sie fügt hinzu: "Vielleicht tue ich das manchmal noch heute." Der Wert von "Auf Basidis Dach" ist jedoch, dass Ameziane viele Aspekte darstellt, nicht nur das, was die Tourismuswerbung herausstreicht.

Vollends kompliziert wird es, wenn Ameziane über den letzten Geschichtenerzähler auf dem Djemaa el Fna berichtet, dem zentralen Platz von Marrakesch. Es gab noch einige von ihnen, als sie ein Kind war, daran erinnert sie sich. Nun droht diese Tradition auszusterben. Ein digitales Projekt steuert dem entgegen - es sind Europäer, die es betreiben und, ohne das Land in einer technischen Rückständigkeit belassen zu wollen, eine alte Kulturtechnik womöglich bewahren helfen.

Die Dinge sind vielfältig, teilweise verworren. Es gibt, wie beinahe überall, eine Gleichzeitigkeit sehr differenter, sich mitunter sogar widersprechender Entwicklungen. Mona Ameziane nimmt viele davon in den Blick, Ausgangspunkt ist oft Basidis Dach, dort steckt sie mittendrin im marokkanischen Alltag und überblickt ihn zugleich. Ihr Buch ist eine Einladung, sich gewissermaßen neben sie zu setzen auf diese Terrasse in der Altstadt von Fès. Und sich einzulassen auf die Eindrücke und die Erzählungen. Gerade dann, wenn man lediglich zu Gast ist.

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