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Amerikanisches Kino:Die eigene Wirklichkeit erschaffen

Brian De Palma bei der Marriage Story Film Premiere am 29.08.2019 im Rahmen vom Filmfestival in Venedig Filmfest Venedi

Schreckt vor nichts zurück: Brian De Palma bei den Filmfestspielen in Venedig im vergangenen Jahr.

(Foto: imago images/APress)

Er hat den Ruf, vor nichts zurückzuschrecken: Der Exzentriker und Filmemacher Brian De Palma wird 80 Jahre alt.

Von Fritz Göttler

Das Unvermögen, irgendwie zurückzuschrecken, irgendetwas zurückzuhalten, rühmte ein Kritiker an ihm. Brian De Palma war nicht willens, Grenzen anzuerkennen, nicht fähig, Kompromisse einzugehen. "Be Black, Baby!" heißt eine legendäre Sequenz in seinem Film "Hi, Mom!" von 1970. Eine Gruppe Schwarzer versucht in einer aberwitzigen Performance, einer Gruppe weißer Mittelständler und Mittelständlerinnen zu vermitteln, was es bedeutet, ein Schwarzer zu sein in der amerikanischen Gesellschaft. Die Weißen haben die Gesichter geschwärzt und werden verächtlich anquatscht von den Schwarzen, die haben sich als Whitefaces zurechtgemacht, mit weißen Gesichtern, und traktieren die andere Gruppe. Das Chaos wächst mit jeder Sekunde, die Kamera hastet eifrig, in einer einzigen Einstellung, durch die Turbulenzen, am Ende beendet ein junger Cop den ganzen Spuk. Er wird verkörpert von Robert De Niro, den Brian De Palma in diversen Filmen einsetzte, lang bevor er für seinen Kumpel Martin Scorsese den ikonischen "Taxi Driver" spielte.

"Hi, Mom!" steht am Ende der wilden New Yorker Jahre De Palmas, in denen er gern ein amerikanischer Godard geworden wäre, um Filme auf den Straßen der Stadt zu drehen wie die "Außenseiterbande". Danach ging er nach Hollywood, drehte einen Film mit Orson Welles, "Get to Know Your Rabbit", einen nach einem Drehbuch von Paul Schrader - eine Variation auf Hitchcocks "Vertigo" und die imaginär wiederbelebte geliebte Frau -, einen Film nach Stephen King, "Carrie" mit Sissy Spacek und John Travolta, und einen, der Angie Dickinson durchs Metropolitan Museum of Art schickt, sie mit einem Unbekannten ins Bett gehen lässt - dann wird sie von einer schwarz gekleideten Frau im Aufzug mit einem Rasiermesser abgeschlachtet -, eine ziemlich schamlose Variation von Hitchcocks "Psycho".

Ob seine Filme monotone Kopien von Hitchcocks Erfolgsfilmen sind oder deren Motive kreativ fortspinnen, das war Jahrzehnte die Frage, mit der die Kritiker sich beschäftigten. Film ist Lüge, sagt Brian De Palma inzwischen, vierundzwanzig Mal in der Sekunde. Er versucht, Hollywood mit dessen eigenen Mitteln zu schlagen, seine Filme sind kunstvoll gebaut aus subjektiven Einstellungen, langen Kamera- und Kranfahrten. Eine moderne Topografie des Blicks - "The Responsive Eye" hieß ein früher Dokumentarfilm von ihm, über eine Ausstellungseröffnung im Museum of Modern Art.

Er hat immer darunter gelitten, dass er als Filmemacher nicht so ernst genommen wurde wie Scorsese oder wenigstens wie Spielberg, dass man in seinen Filmen nichts sehen wollte als Fantasien zielloser Gewalt und Etüden in Voyeurismus. "Body Double", klagt er, wurde von den Kritikern geschlachtet, auf dem Höhepunkt des Feminismus - eine Frau wird von einem Mann per Teleskop beobachtet, wird gestalkt und brutal gekillt. Doch immer sind in seinen Filmen die Spuren der Sechziger und ihres Aufruhrs zu spüren - Bürgerrechtsbewegung, Vietnamkriegproteste, Jugendrevolte. "Blow Out" erzählt von einem Tontechniker, gespielt von John Travolta, der nachts Tiergeräusche aufnehmen will und dabei Zeuge eines Unfalls wird wie der, in den Edward Kennedy auf Chappaquiddick Island verwickelt war. "Domino" erzählt von Terroristen des IS, die explizit mit dem Instrument des Voyeurismus arbeiten. Zurzeit arbeitet er an einem Drehbuch für einen Film über einen Aggressor in Hollywood, "Predator", gemeint ist Harvey Weinstein. "Redacted" handelt davon, wie amerikanische Kriege sich darstellen lassen für die Amerikaner daheim und in der Weltöffentlichkeit.

Brian De Palma liebt die Extravaganza - das ist im Englischen ein Begriff, in dem Bewunderung und Kritik mitschwingen. "Ich hab mich immer interessiert für Burschen, die ihre eigene Wirklichkeit schaffen", sagt er. "Wenn man eine gehörige Menge Geld hat, kann man seine exzentrischen Vorstellungen ausbauen, wie man will, und die bizarrsten Auswüchse seines Wahnsinns fertigkriegen." Das sagt er zu Ludwig II. von Bayern, den er in Viscontis Film gesehen hat, eine seiner heimlichen Filmvorlieben. Es gilt natürlich genauso für Howard Hughes oder den überdrehten, drogenberauschten Tony Montana in "Scarface", verkörpert von Al Pacino. Und natürlich auch für Filmemacher Brian De Palma selbst, der an diesem Freitag achtzig Jahre alt wird.

© SZ vom 11.09.2020

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