bedeckt München 28°

Amerikanisches Kino:Der Einzelgänger und die Blockbuster

Lawrence Kasdan

Lawrence Kasdan, Drehbuchautor und Regisseur.

(Foto: Jordan Strauss/Invision/AP)

Er brachte die "Star Wars"-Serie und "Indiana Jones" in Schwung: Der Drehbuchautor und Regisseur Lawrence Kasdan wird siebzig.

Er war womöglich der wichtigste Mann im neuen Hollywood der Achtziger, der Meister der Maieutik, der mit seinen Freunden Steven Spielberg und George Lucas die zwei großen Mythologien des vorigen Jahrhunderts zur Welt brachte. Er schrieb die Geschichte jenes Archäologen, der vor allem ein Abenteurer war, eine Peitsche mit sich trug und den Namen von Georges Hund tragen sollte, der Indiana gerufen wurde. (Auch der bislang letzte Film von Lawrence Kasdan erzählt von einem Hund, Freeway, der eine wichtige Rolle spielt für den Zusammenhalt einer Familie.) Als er den Auftrag für den ersten "Indiana Jones"-Film gegeben hatte, sagte George Lucas dann etwas Unerwartetes: Kommt, wir wollen uns alle einen Handschlag darauf geben, das ist wohl ein historischer Moment.

Als Kasdan sechs Monate später das Drehbuch ablieferte, nahm ihn Lucas, noch bevor er einen Blick darauf geworfen hatte, zum Essen mit und erklärte ihm: Ich bin in Schwierigkeiten, wir wollen den zweiten "Star Wars"-Film anfangen und haben kein Drehbuch. Leigh Brackett, die Mitarbeiterin von Howard Hawks an seinen zwei größten Filmen, "Rio Bravo" und "Hatari", hatte eine erste Fassung geliefert, war dann aber gestorben. Kasdan setzte ihre Arbeit fort und machte aus dem wilden, nach einem Handbuch für Heldengeschichten zusammengekleisterten Geniestreich der Siebziger ein bewegendes Coming of Age und einen weitläufigen Familienroman (und setzte damit auch den Geist der Hollywood-Blockbusterwelt frei). Lucas machte ihm schon damals klar: Darth Vader ist der Vater von Luke Skywalker.

Kasdan schrieb auch den nächsten "Star Wars"-Film, "Return of the Jedi", danach wies er diverse Anfragen von Lucas ab und machte lieber seine eigenen Filme. Erst in den letzten Jahren kehrte er mit seinem Sohn Jake zurück in die Serie, die inzwischen neu nummeriert und etwas unübersichtlich geworden war. Seine Liebe gehört Han Solo, dem ruppigen Abenteurer, Harrison Ford, der die Helden aus Kasdans Jugend wieder aufleben ließ, Steve McQueen, "Die Glorreichen Sieben", und deren Vorläufer, "Die Sieben Samurai".

In seinen eigenen Filmen interessierte sich Kasdan eher für kleine intime Geschichten, von Einzelgängern, die sich mit anderen Einzelgängern zusammentun zu merkwürdigen, manchmal familiären Gruppen, als Akteure waren oft William Hurt, Kevin Kline oder Kevin Costner dabei. Einmal hat er diese Gruppe auch in einen Western gesteckt, in den Überraschungserfolg "Silverado".

Kasdans Einstieg ins Filmgeschäft war holperig gewesen. Sein erstes großes Drehbuch "The Bodyguard", für dessen Hauptrolle er sich Steve McQueen gewünscht hätte, wurde siebenundsechzigmal abgelehnt, bis Kevin Costner es sich nach vielen Jahren schnappte und verfilmte, mit Whitney Houston als Partnerin.

Der erste Film, bei dem Kasdan Regie selbst führte, war "Body Heat" (1981), mit William Hurt als unbedarftem Junganwalt, den die kühle Femme fatale Kathleen Turner in einem mörderischen Komplott ziemlich dumm aussehen lässt. Mit "Grand Canyon", in dem ein Erdbeben die Beziehungen einiger Menschen in Los Angeles auseinanderbrechen lässt, sodass sie sich neu zusammenfügen müssen, gewann er 1992 den Goldenen Bären der Berlinale. Amerikanische Filme handeln gewöhnlich vom Gewinnen und Verlieren, sagt Kasdan, "aber ich empfinde ambivalent über die Dinge, das ist die Geschichte meines Lebens".

"Grand Canyon" erzählt, wie man in zwei Richtungen zugleich empfinden kann. Kasdan macht Verlustfilme, Filme, die kein Geschäft mehr sein können in den Zeiten, da die Businessleute den Betrieb von Hollywood übernommen haben, aber auch Filme vom Verlust der Gefühle, der Zusammengehörigkeiten, der Werte.

Sein zweiter Film "The Big Chill" (1983) erzählt von einer Gruppe junger Leute, die sich von der University of Michigan (wo auch Kasdan studiert hat) kennen und zur Beerdigung ihres Freundes Alex noch einmal zusammenkommen, der Selbstmord begangen hat (Kevin Costner ist Alex, aber die Rolle wurde am Ende herausgeschnitten). Es gibt die Musik von früher, Creedence Clearwater Revival, Marvin Gaye, Aretha Franklin, und ein neues Spiel um Hoffnung, Annäherung, zweite Chancen. Wenn die Liebe Flügel hat, warum soll sie dann nicht flattern?

Von Jean Renoirs "Die Spielregel" sei "The Big Chill" inspiriert, sagt Kasdan. Eine alte Weisheit: "Es würde mir schon sehr viel weiterhelfen, wenn ich nicht mehr herausbekommen wollte, was gut und was böse ist. Denn eins ist fürchterlich auf dieser Erde: Jeder hat seine guten Gründe." An diesem Montag wird Lawrence Kasdan siebzig Jahre alt.

© SZ vom 14.01.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite