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Amerikanische Storys:Eine 8,2 auf der Schwarzheitsskala

Nana Kwame Adjei-Brenyahs gefeierte Storys stilisieren die Mechaniken rassistischen Hasses zu grotesken Dystopien. Doch so gut wie in Jordan Peeles Film "Get out" funktioniert das hier nur selten.

Von Hanna Engelmeier

Nana Kwame Adjei-Brenyah, Pressebild von randomhouse

Der Autor Nana Kwame Adjei-Brenyah.

(Foto: Levene/Guardian/Eyevine/Inter Topics)

Apokalyptik scheint sich als Modus und Thema für das Jahr 2020 aufzudrängen, dessen Nachrichten bislang durch Buschbrände, rassistischen Terror und nun eine Pandemie dominieren. Es ist zu erwarten, dass das auch die literarische Produktion der kommenden Jahre prägen wird. Dabei gab es schon vor der momentan grassierenden Pandemie Autorinnen und Autoren, die gute Gründe hatten, die soziale Lage als durch externen Zwang und Gewalt bestimmt zu beschreiben. Ein in den USA hochgelobtes Debüt, das diesen Weg einschlägt, ist die Storysammlung Friday Black von Nana Kwame Adjej-Brenyah, die bereits 2018 in englischer Sprache erschien und nun von Thomas Gunkel ins Deutsche übersetzt wurde.

Das Buch beginnt mit der Geschichte "Die Finkelstein Five", einer Gruppe von schwarzen Kindern, die von einem weißen Familienvater auf einem Parkplatz ermordet werden, weil er sich allein durch ihre Präsenz bedroht fühlte. Der Protagonist der Erzählung, einer junger Mann namens Emmanuel, kämpft gegen Traumbilder der mit einer Kettensäge enthaupteten Kinder. In seinen wachen Stunden bewirbt er sich um Jobs, die ihm versagt werden, weil dem Arbeitgeber in letzter Minute auffällt, dass dadurch, dass schon ein gewisser "Jamal" in der Firma arbeite, die nicht noch einen weiteren Mitarbeiter brauche, der dem Unternehmen einen "urbanen" Anstrich verleiht.

Emmanuel bewegt sich in einer Welt, die voller nicht mal besonders subtiler Codes und offener Rassismen ist, und ihm in keiner Minute seines Lebens erlaubt, sich von dem, was in der Story "Schwarzheit" genannt wird, zurückzuziehen. Diese misst er selbst auf einer Skala von 1 bis 10, bis auf eine Kommastelle genau. In einem Bekleidungsgeschäft, in dem er sich für ein Vorstellungsgespräch ein neues Hemd kaufen will, schnellt die "Schwarzheit" auf 8,1, als er am Ausgang nach der Quittung für das gerade eben bezahlte Kleidungsstück gefragt wird, im Bus, in dem er einen Freund trifft, steigt sie 7,6, nachdem ihm zuvor gelungen war, sie auf 2,9 zur drücken.

Die Geschichte "Friday Black" ist eine steile Abfahrt Richtung Zombieapokalypse

Adjej-Brenyah gelingt es gleich in dieser ersten Geschichte, die existenzielle Dimension des Rassismus auf nur sehr wenigen Seiten absolut beklemmend zu beschreiben: Emmanuel hat kein Außen zu dieser Kondition, er kann sich selbst nicht aus der unaufhörlichen Feststellung seiner "Schwarzheit" entlassen, so lange er überhaupt auf der Welt ist. Die Story setzt sich zusammen aus Szenen aus Emmanuels Alltag und solchen, in denen der Gerichtsprozess gegen den Mörder der Finkelstein Five geschildert wird, der auf Notwehr plädiert: er habe nur seine Kinder schützen wollen. In der Folge kommt es bei Emmanuel und seinen Freunden zu einem Gewaltausbruch, der sich dieses Mal gegen Weiße richtet - und daran ist nichts Gerechtes, nichts Erleichterndes, "Die Finkelstein Five" ist eine Geschichte von den Zwangsläufigkeiten rassistischen Hasses.

Wer danach weiterliest, darf nicht auf Erholung hoffen. Die Storys in "Friday Black" lassen sich grob in zwei Genres einteilen. Zunächst sind da die Dystopien: "Die Alte Zeit" ist eine Science-Fiction-Erzählung, in der Schulkinder eine Droge namens "Glück" injiziert bekommen, um ihren nach eugenischen Prinzipien organisierten Schulunterricht durchzustehen, in "Zimmer-Land" verdingen sich junge Schwarze in einem Virtual-Reality-Spiel, in dem sie sich wieder und wieder von zahlenden Kunden (alle weiß) erschießen lassen. Der Erzähler in "Lark Street" trifft auf die lebendig gewordenen abgetriebenen Embryos seiner Freundin, die ihm mit aufmüpfigen Gesprächen und Appellen an seine Moral das Leben schwer machen.

Das zweite Genre, dem sich einige der Storys zuordnen lassen, ist das der konsumkritischen Groteske. Die titelgebende Geschichte "Friday Black" ist eine steile Abfahrt Richtung Zombieapokalypse: Ein Verkäufer beobachtet, wie Kundinnen und Kunden eines Geschäfts für Funktionskleidung bei dem Versuch ausrasten, sich Jacken der Marke PoleFace™ zu sichern. Überhaupt spielt der Verkauf von Markenprodukten eine wichtige Rolle: Die Erzähler wissen dabei genau was sie tun, sie sind hyperkompetente Verkäufer sowohl von Bekleidung, als auch ihrer eigenen Performance als Servicepersonal. Der Witz geht auf Kosten derjenigen, die das nicht durchschauen und in größter Selbstzufriedenheit nur eines wollen: Mehr haben, Preis egal.

Haarsträubenden Gewalt rassistischer Gesellschaften in grotesken Horrorstorys

So kurz zusammengefasst klingt das etwas schematisch, und die schlechte Nachricht ist, dass das leider daran liegt, dass die Storys in vielen Fällen - "Die Finkelstein Five" ist eine der Ausnahmen - auf sehr schematischen Grundideen beruhen. Zum Eindruck der hölzernen oder etwas plakativen Plots trägt allerdings ganz wesentlich die Übersetzung bei.

Es ist eine enorm herausfordernde Aufgabe ein Amerikanisch zu übersetzen, das von sich in Dystopien bewegenden Figuren gesprochen wird, oder das von Ausdrücken durchsetzt ist, die das Gesamtgewicht der Schwarzen Kultur in Amerika tragen. Es treten dann aber Figuren auf, die "Scheibenkleister" sagen und "Mein Bro Manny hatte die richtige Idee". Die Schwierigkeit der Übertragung einer bestimmten Haltung, die sich in Sprache ausdrückt, wird insbesondere bei Rap augenfällig. Die Kongruenz von sozialer Lage und Stil, um die es dabei geht, und die auch in Adjei-Brenyahs Storys zum Tragen kommen soll, geht zumindest in diesem Deutsch verloren.

Während man für die Übersetzung aber vielleicht lediglich etwas Geduld haben muss, braucht es für die Lektüre aber zusätzlich Offenheit fürs Genre. Adjei-Brenyahs Versuch aus der realen, haarsträubenden Gewalt rassistischer Gesellschaften groteske Horrorstorys werden zu lassen, setzt auf kurz verdichtetes Gemetzel und Erzählungen aus einer Zukunft, in der Glück lediglich eine unglaubwürdige Erinnerung der wenigen, und nicht ein Zustand ist, der prinzipiell erreichbar scheint. Die Verbindung von Horror und Komik hat zuletzt vor allem Jordan Peele in seinem Film "Get Out" mobilisiert, um die Bigotterie eines weißen, sich als antirassistisch-aufgeklärten juste milieu zu demonstrieren.

Was auf Spielfilmlänge und von Schauspielern ausagiert gelingt, gerät in den Short Storys von Adjei-Brenyah jedoch immer wieder zum Strohfeuer. Wenn auf nur einer halben Seite ein kollektiver Black-Friday-Kaufrausch so eskaliert, dass sich Leichenberge auftürmen, über die von PoleFace™ besessene Kundinnen klimmen, ist das als Idee, nun ja, vor allem: ausbaufähig.

Nana Kwame Adjei-Brenyah: Friday Black. Storys. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Penguin, München 2020. 240 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 22.05.2020
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