Amerikanische Satire Schamlose Freude

Dieser Roman aus dem Jahr 1935 klingt wie die Zeitung von heute: Sinclair Lewis schildert eine populistische Machtergreifung in den USA und den Rausch der Gemeinsamkeit.

Von Willi Winkler

Sinclair Lewis, das muss bei dieser Gelegenheit auch erwähnt werden, ist kein guter Schriftsteller. Seine Figuren sind wenig glaubhaft, sein schnurriger Humor nervt schnell, und seine Botschaft - dass der Kleinbürger dumm, faul, geldgierig und noch mal dumm ist und der Idealist am Idealismus verzweifelt - ist so schlicht, dass Lewis 1930 zu Recht als erster Amerikaner mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Sagenhaft produktiv war er, das stimmt, mit einem unheimlichen Gespür für alles, was unrecht, was falsch und verlogen ist. Schon als Anfänger konnte er dem weit bekannteren Jack London Ideen für Erzählungen verkaufen, seine eigenen satirischen Bücher "Babbitt" und "Main Street" waren ungeheuer erfolgreich, so erfolgreich, dass sein Horror-Roman "It Can't Happen Here" (1935) womöglich wirklich verhindert hat, dass sich der Faschismus "hier", in den Vereinigten Staaten, hätte durchsetzen können.

Zu Beginn der Dreißiger wurden Deutschland und Italien bereits totalitär regiert, in England marschierten die Blackshirts, Spanien wusste noch nicht, was ihm blühte, als in der Sowjetunion längst die Säuberungen begonnen hatten. Die großen Vereinigten Staaten lagen darnieder, der New Deal Franklin Roosevelts hatte die Wirtschaftskrise bisher nicht beenden können. Die Arbeitslosigkeit blieb hoch und das Wahlvolk war sich keineswegs sicher, dass es im kommenden Jahr Roosevelt wieder zum Präsidenten haben wollte. Dafür predigte im Radio Father Coughlin Christentum, Rassismus und Familienwerte. Im Bundesstaat Louisiana eiferte Huey P. Long, ein Linkspopulist, der in seinem Buch "Every Man a King" (Jeder ein König) dem einfachen Mann Gerechtigkeit und radikale Umverteilung versprach. 1935, noch ehe er gegen Roosevelt antreten konnte, wurde der Senator von einem Attentäter erschossen.

"Das ist bei uns nicht möglich", 1935 als Wahlkampfhilfe für Roosevelt entstanden, vierhundert Seiten, heruntergerissen in vier Monaten, als antifaschistisch und deshalb nur gut gemeintes Buch lange vergessen, gewann im vergangenen Herbst eine neue Aktualität, weil es so prophetisch wirkt: der Gauner mit dem aufwendigen Namen Berzelius Windrip, der seinen Wählern Lohn und Brot verspricht, Einkommensbeschränkungen für Reiche, aber eine Prämie von fünftausend Dollar für jeden Mitmacher, dieser politische Gauner liest sich heute wie eine Vorahnung des gnadenlosen Populisten Donald Trump.

Das Massenmedium ist noch nicht das Fernsehen, sondern das Radio, aus dem ein Bischof salbungsvoll von der Pflicht des weißen Mannes spricht. Für Windrip sind enge Wirtschaftsbeziehungen mit Russland unerlässlich, und natürlich gibt es unglaublich viel Geld für die Streitkräfte. Windrip hat sogar seinen eigenen "satanischen Sekretär im Hintergrund". Steve Bannon heißt hier Lee Sarason und ist jederzeit bereit, die Macht selber zu übernehmen. Roosevelt wird von seiner Partei nicht mehr als Kandidat aufgestellt, im Wahlkampf vermischen sich die "Grenzen zwischen den beiden Parteien". Der Volkstribun Windrip zieht im Triumph ins Weiße Haus ein und lässt sich, warum nicht, "Chef" nennen. Es ist aber vor allem der grundverlogene Populismus, der einem so bekannt vorkommt, die schamlose Freude daran, den Wähler zu verführen, sich und die Seinen zu bereichern, am Ende aus Verlegenheit Mexiko den Krieg zu erklären. (Mexiko? Ja, Mexiko.)

Ein Buch von gestern, dabei klingt es wie aus der Zeitung von heute, wenn es von Windrip heißt, er habe versprochen, alle reicher zu machen, und es "fertiggebracht, jedermann, ein paar Hundert Bankiers, Industrielle und Militärs ausgenommen, ärmer zu machen". Die Volksgemeinschaft der wahren Amerikaner heißt "Korpo"-Staat, und wehe dem, der nicht mitmacht.

Hier kann nicht passieren, was in Europa passiert, Amerika ist ein freies Land

Aber es ist doch nur ein Roman oder war es, 1935. Die Nachrichten, die täglich aus Europa einliefen, wurden noch verschärft durch das, was Dorothy Thompson berichten konnte. Schon 1931 hatte sie Hitler interviewt und ihn als "kleinen Mann" unterschätzt. Lewis hatte die Journalistin in Berlin kennengelernt und schnell geheiratet. Der kleine Mann wurde Reichskanzler, Dorothy Thompson als erste ausländische Reporterin aus dem neuen Deutschland ausgewiesen.

Hier bei uns kann nicht passieren, was in Europa passiert, geht der Refrain, denn Amerika ist ein freies Land. Windrips Gegenspieler, der aufrechte Amerikaner, heißt Doremus Jessup und ist - wie könnte es anders sein? - Journalist, also ein recht schmeichelhaftes Selbstbildnis des Autors. Bei einer der vielen Dramatisierungen seines Romans stand Lewis selber als sein Held auf der Bühne. Dieser Jessup ist von einer etwas anstrengenden Gemütlichkeit, hat das Großvateralter von sechzig Jahren erreicht, drei Kinder, einen Enkel, eine gutmütige Frau und eine heimliche Geliebte, die nicht bloß frauenbewegt ist, sondern auch seinen Idealismus anstachelt. (Das dürfte auch das Werk der Co-Autorin Dorothy Thompson sein.)

Sinclair Lewis: Das ist bei uns nicht möglich. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans Meisel. Mit einem Nachwort von Jan Brandt. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 444 Seiten, 24 Euro. E-Book 18,99 Euro.

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Jessup neigt zum Spott; seine Gegner finden ihn "liberal bis zum Erbrechen" und wiederholen, dass so was wie in Europa nicht passieren könne. Doch verlangen von ihrem Mitbürger, er müsse "wieder zur alten Familie stoßen", müsse dabei sein beim Aufstehen gegen die Juden, die Schwarzen, die Wohlfahrtsempfänger und strammstehen bei dem, was Jessup nur als "epidemischen Patriotismus" wahrnimmt. "America first!", hieß es dann 1940, als sich die Antisemiten Charles Lindbergh und Henry Ford gegen Roosevelt zusammenfanden.

Doremus, der skeptische Intellektuelle, der Zweifler, der Geistesmensch erlebt, dass für ihn mit einem Mal sogar die Bücher "versagen", weil einfach zu furchtbar ist, was passiert und in welcher Geschwindigkeit alle, fast alle mitmachen, ergriffen werden von dem Volksgemeinschaftsgerede, den Paraden, dem Feiern der eigenen Größe, dem Rausch der Machtteilhabe.

Der Rausch der "Korpos" entlädt sich gegen Schwächere, gegen bewährte Minderheiten, gern auch gegen die wenigen Intellektuellen. Da er sich das "Recht anmaßt, ein paar Tausend Lesern zu erzählen, was los ist", sagt sich Jessup, habe er auch die "priesterliche Pflicht, die Wahrheit zu sagen". Aber was heißt schon Wahrheit? Jessup wird vors Volksgericht gestellt, eines Leitartikels wegen, mit dem sich der Volkszorn reizen ließ. Er wird beschimpft, verleumdet, verlacht, geschlagen. Er muss erleben, wie sein Schwiegersohn vor dem gleichen Gericht den Mund aufmacht gegen die Gewalt und deshalb umstandslos hinausgeführt und erschossen wird. Er kommt unter Beobachtung, versucht mit seiner Familie nach Kanada zu fliehen und wird schließlich in ein Konzentrationslager gesperrt.

Der Chef-Staat greift als Staatsmacht um sich. Jessup spricht dem Autor nach, wenn er eine "Biologie der Diktatur" entwickelt: "Die allgemeine Furcht, die angstvolle Verleugnung jeder Überzeugung, dieselben Verhaftungsmethoden - plötzliches Pochen an der Tür spätnachts, Polizei dringt ein, die Schläge, die Durchsuchung, die unflätigen Redensarten gegen die erschrockenen Frauen, das Verhör dritten Grades, ausgeführt von einem jungen Laffen in Offiziersuniform" - die Beschreibung des Totalitarismus, der seine Bürger zu Untertanen und die Untertanen zu Komplizen im "Korpo-Staat" macht.

Auch wenn er sich bald mit einer SA-artigen Leibgarde und den herrschaftsüblichen Speichelleckern umgibt, hat der Geschäftemacher, Hochstapler und Betrüger Windrip mehr Freude daran, seine Gegner auszutricksen und über den Tisch zu ziehen als an Unterdrückung und Gewalt. Deshalb reicht es bei seiner Biedermännlichkeit dann doch nicht zum Hitler oder Mussolini, eher ist er ein weiterer Babbitt, ein sabbelnder, großsprecherischer Kleingeist. Von diesem Kleingeist ist auch der Autor nicht ganz frei, wenn er seinen Konkurrenten Upton Sinclair, den realen Autor des "Dschungel", jenes berühmten Buches über die Zustände in den Fleischfabriken von Chicago, immer wieder unter den fiktiven Parteigängern des nicht ganz und gar erfundenen Volksverführers Windrip erwähnt.

Wie einflussreich auch Lewis war, für wie gefährlich man ihn hielt, zeigte der ganz und gar echte Filmzensor Joseph Breen, ein glühender Katholik und ebenso glühender Antisemit, der "Das ist bei uns nicht möglich" "zu antifaschistisch" fand. Die geplante Verfilmung wurde hintertrieben; in Hollywood war es dann doch wichtiger, Rücksicht auf den deutschen Markt zu nehmen.

1936 erschien im Querido-Verlag in Amsterdam die deutsche Übersetzung von Hans Meisel, die jetzt, nach über achtzig Jahren, neu herausgekommen ist. So sehr der Aufbau-Verlag dafür zu preisen ist, dass er diese erschreckende und deshalb so grandiose Fantasie neu herausbringt, so wenig erfreulich ist die alte Übersetzung. Angeblich wurde sie überarbeitet, aber trotzdem heißt der Filmregisseur wie bei ahnungslosen Übersetzern "Direktor", Football wird mit Fußball gleichgesetzt, der Ghostwriter wurde in den Dreißigern eben hilflos mit "schreibender Geist" wiedergegeben. Und weil das noch nicht genug ist, gab es schon 1984 eine Bearbeitung, als die Übersetzung bei Kiepenheuer in Leipzig herauskam. Davon bewahrt die jetzige Neuauflage das Kürzel "v. u. Z.", vor unserer Zeitrechnung, womit die atheistische DDR-Schriftleitung die im Westen übliche Datierung vor und nach Christi Geburt eskamotieren wollte.

Anfang 1937 wurde der Roman im Deutschen Reich verboten

Anfang 1937, zum vierten Jahrestag der Machtergreifung, wurde der Roman im Deutschen Reich eines anderen Chefs, der sich Führer nennen ließ, verboten. Es ist aber nicht einmal ausgeschlossen, dass die Endlöser der Judenfrage das Buch als Anleitung gelesen haben. Jahre, ehe die deutsche SS-Propaganda eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes zur Besichtigung in ein blitzsauber hergerichtetes Theresienstadt einlud, kommt Lewis auf die Idee, einen ausländischen Journalisten, der einer Führung durch ein Korpo-KZ teilhaftig geworden ist, von den gutgenährten Insassen und ihrem "geradezu poetischen Interesse" an der Arbeit schwärmen zu lassen.

Arbeit, hieß das dann in Dachau und Auschwitz, Arbeit macht frei. Noch grauenerregender die Szene, in der eine Synagoge luftdicht verschlossen und dann Kohlenmonoxid eingebracht wird, um die neunzehn eingesperrten Juden zu töten. Möglich wurde das nicht in Amerika, aber in den von Deutschen besetzten Ländern.

Franklin Roosevelt, der bis 1945 US-Präsident blieb, ließ nach dem Überfall auf Pearl Harbor die Mitbürger japanischer Herkunft internieren, aber weiter ist der Faschismus in den USA nie gekommen.

Dafür ist der Volkstribun, wie ihn Sinclair Lewis geschildert hat, achtzig Jahre nach seiner erschreckenden Fantasie tatsächlich an die Macht gekommen. So schlecht Vorhersagen von Journalisten und Schriftstellern sonst sind, hier ist dem kleinen Meister Lewis ein großes visionäres Irrsinnsgemälde voller Wahrhaftigkeit gelungen.