Amerikanische Lyrik:Kämpfen und singen

Als "zu sinnlich" verurteilt und gerade dafür tief bewundert: Die Kindheitserinnerungen der großen amerikanischen Dichterin Maya Angelou sind wieder auf Deutsch zu lesen.

Von Hubert Winkels

U.S. poet Maya Angelou speaks during a ceremony to honor South African Archbishop Emeritus Desmond Tutu in Washington

"Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt" lautet der Titel der Memoiren von Maya Angelou (1928-2014).

(Foto: Jim Young/Reuters)

Von den vielen Anekdoten, Lebensweisheiten und Gedichtzeilen, die von Maya Angelou zirkulieren, gilt eine der schönsten dem größten aller Dichter. Das schwer traumatisierte achtjährige Mädchen aus der abgelegensten Gegend von Arkansas hört Shakespeare-Verse aus dem Sonett 29: "When, in disgrace with fortune and men's eyes, / I all alone beweep my outcast state / And trouble deaf heaven with my bootless cries...". Sie hört darin ihr eigenes Leid. Und die erwachsene Maya Angelou, Autorin und politische Aktivistin, erzählt immer wieder davon, "ich dachte: Shakespeare ist ein schwarzes Mädchen". In seiner Rührung möchte der Leser ihr zurufen: Du hast ganz recht! Shakespeare ist ein kleines schwarzes Mädchen. Dichtung, und metonymisch der Dichter, sind Teil der Leserin, nur deshalb kann sie heilen und verwandeln.

Diese literaturfromme Episode steht nur in Umrissen in Maya Angelous berühmtestem Buch "I Know Why the Caged Bird Sings", 1969 in den USA publiziert und sofort ein Bestseller, dann ein Welterfolg; 1980 beim Verlag Stroemfeld / Roter Stern in der Übersetzung von Harry Oberländer auf Deutsch erschienen und jetzt unter dem Titel "Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt" bei Suhrkamp wieder aufgelegt, allerdings ohne Kommentar und Nachwort. Diese Lieblosigkeit ist umso befremdlicher, als Maya Angelou eine der berühmtesten kulturell und politisch aktiven Persönlichkeiten keineswegs nur der schwarzen Community der USA war. Sie ist geradezu eine emblematische Figur der politischen, literarischen und Unterhaltungskultur und der Bürgerrechtsbewegung im Besonderen.

Sieben Bücher umfasst ihre Lebensgeschichte, die sie selbst erzählt hat, und die auch eine Geschichte der Rassentrennung und des Widerstands dagegen ist. Sie setzt drei Jahre nach ihrer Geburt in St. Louis 1928 ein und reicht bis in ihre letzten Lebensjahre. 2014 ist Maya Angelou, Stimme des moralisch gebildeten, global informierten und liberalen Amerika, gestorben.

Der "gefangene Vogel" ist der populärste Teil ihres riesigen Memoirs. Er erzählt von Angelous Kindheit im Alter von drei bis fünfzehn Jahren. Jedes amerikanische Schulkind weiß, auch wenn es dies wegen des Jugendschutzes nicht hätte lesen können, dass es im Kern der Geschichte um eine Vergewaltigung geht. Die Achtjährige verstummt danach, weil sie sich selbst für schuldig hält am plötzlichen Tod ihres Peinigers. Eine mütterliche Freundin, die Bücher liebt und die Kraft der Poesie kennt, führt das Mädchen zur Sprache. Sie schenkt ihm ihre Stimme und die schöne Literatur. Darunter die Verse des kleinen schwarzen Mädchens namens Shakespeare.

Von dieser Mitte aus erschließt sich das Erinnerungsbuch. Mayas Weg führt, zusammen mit dem geliebten, ein Jahr älteren Bruder Bailey, von einer starken großartigen Frau zu einer anderen - eine maternale, ja eine matriarchalische Linie leitet das Mädchen durchs Leben. Die Kleinkinder landen, von den Eltern verlassen und in den Zug gesetzt, bei der Momma genannten Großmutter in Stamps, einem Kaff in Arkansas. Sie ist der gute Geist, die Kümmerin und Macherin, Hilfe für alle Beladenen. Ihr Sohn Willy ist gehbehindert und lässt sich von ihr aushalten.

Mayas Mutter hingegen ein "gelbbraunes", also hellhäutiges halbseidenes Geschöpf der Superklasse, eine aufgetuffte Saloonschönheit, tanzt und singt, leitet Spielsalons und Flüsterkneipen und schießt auch mal jemanden nieder, der sie Nutte nennt: "Mutters Schönheit war ihre Macht". Liebe und Gewalt sind nie weit entfernt. Später fällt Maya die Freundin des Vaters an, weil sie die Mutter so bezeichnet. In beiden Fällen verhaken sich die Kämpfenden unnachgiebig ineinander.

Den Vater, Bailey senior, erleben wir im Vollsuff in mexikanischen Bodegas. Maya, noch Kind ohne Kenntnis und Führerschein, muss ihn mit dem Auto nach Hause transportieren, ein seitenlanger Actionklamauk. Das starke Mädchen, die nächste starke Frau in der Kette wird hier erkennbar, die selbständige schwarze Frau in einer weiß dominierten Welt, mit dem Talent zum Tun, zur konkreten Aktion.

"Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt" ist ein Frauenbuch ersten Ranges, handlungsstark, äußerst konkret und markig, in der Metaphorik superlativisch, grob, laut und überwältigend. Dafür ist das Spiel mit den Variationen der Motive sehr subtil, die Kapitel antworten einander, oft über hundert Seiten hinweg. Die erwachsene Erzählerin ist ohne jede Verrenkung nah am kindlichen Erleben: Wenn etwas nur aus der Distanz sagbar erscheint, ist sie auch mal klüger. Alles wirkt ungezwungen, wie mündlich erzählt. Und doch sind die Kapitel Gleichnisse, tragen ein kirchliches Erbe in sich, lassen sich als Exempla lesen, aber ohne das Tremolo der folgenden Predigt. Ihr Pathos ist in sinnlicher Präsenz gelöst, als Vibration im Hintergrund zu merken. Selbst in rotzigen Wendungen spürt man den heiligen Ernst. James Baldwin spricht von einer "biblischen Studie des Lebens inmitten des Todes".

"Der gefangenen Vogel" ist Biografie und schöne Literatur. Maya Angelou erzählt episodisch, in sechsunddreißig zugespitzten Stationen. Jede hat symbolisch das Zeug, pars pro toto zu stehen und die Verhältnisse der Zeit vor und während des zweiten Weltkriegs erhellen zu können. Es hört sich falsch an, das Geschehen so zu datieren, weil die Erfahrung aller Personen in der Segregation gegründet ist. Das zählt.

Die Weißen leben in einer Welt voller Reichtum und Macht, und wehe, wenn sie über die schwarze Gemeinschaft kommen, sie kommen mit Bosheit und Gewalt. Maya Angelou referiert das nicht, die Konflikte werden über den Körper in Aktion und konkretem Leiden erzählt. Nichts ist bloß Gedanke und Papier, alles ist Geruch und Klang und Farbe, getragen von warmem Urin und heißen Plätzchen, von Blut und Wunden, Predigt, Gebet und Ekstase, von harter Arbeit, Schmutz, Schmerz und Elend, von Tanz und Gesang und alles immer von der Hingabe an den Augenblick des Erlebens.

Schon im ersten Kapitel fühlt sich die kleine Maya während des Gottesdienstes, in dem sie österliche Gebetsverse ergänzen soll, buchstäblich so unter Druck, dass sie, dem Urin freien Lauf lassend, auf Knien aus der Kirche stürzt. Sie wird die Baumwollpflücker in ihrer morgendlichen Kraft und in ihrer abendlichen Erschöpfung beobachten, sie wird in den kirchlichen Chorälen und in den Songs der schmutzigen Honky Tonks dieselbe Sehnsucht hören. Im Lebensmittelladen ihrer patenten Superheldenoma wird sie in Mehl, Wurst, Ölsardinen und Essiggurken waten, sie wird in die Frühlingslüfte aufsteigen vor Verlangen. Als Maya und Bailey zu den Eltern nach Kalifornien geschickt werden, haut sie von ihrem Herumtreiber-Vater ab und wird selbst eine, lebt eine Weile mit den Outcasts auf dem Autofriedhof. Und doch ist sie wissbegierig und lernt. Sie wird die erste schwarze Straßenbahnschaffnerin von San Francisco, dann hält sie sich plötzlich für lesbisch, schnappt sich im Vorübergehen einen Halbstarken als Probe darauf und bekommt sofort ein Kind von ihm. Am Ende des Buches ist sie in Panik, sie könnte ihren neugeborenen Sohn im Schlaf ersticken. Der letzte Satz des "gefangenen Vogels" heißt: "Ich streichelte meinen Sohn und schlief wieder ein."

Die handlungsgebundene sinnliche Gegenwärtigkeit, dazu der schnelle nahe Zoom, das In-die-Szene-Stürzen, die vielen Zeitsprünge bestimmen den Ton des Buches. Der Stil war sogar der Grund für seine Verbannung aus vielen Klassenzimmern: Das Buch sei "too graphic" lautete der Vorwurf, was hier bedeutet: zu sinnlich, anschaulich. Genau das macht den Reiz des Memoirs aus.

Ein ganzes Kapitel gilt einer Runde begieriger Hörer, die sich vor dem Radio im Lebensmittelgeschäft der Momma versammelt. Tobend verfolgen sie den Boxkampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen dem "Schwarzen Bomber" Joe Louis und dem Weißen Primo Carnera. Sie sind aus dem Häuschen vor Glück, Stolz und Selbstbewusstsein, wenn Joe Louis am Ende den Gegner auf die Bretter schickt: "Champion. Ein schwarzer Junge. Der Sohn einer schwarzen Mutter war der stärkste Mann der Welt. Es war wie Weihnachten". Die schwarzen Hörer sind Joe Louis, so wie Maya Angelou, das schwarze Mädchen, Shakespeare war.

Wenige Seiten später folgt das Kapitel über den Abschluss des Schuljahres. Ein bedeutendes Fest, auf dem ein weißer Redner von der fernen Schulverwaltung nur die Sportler von Mayas schwarzer Schule rühmt. Die Schüler sind zornig: "Weiße Jugendliche hatten die Chance, Galileos und Madame Curies zu werden, unsere Jungen durften versuchen, Jesse Owens und Joe Louis zu werden (...), wieso hatte ein Schulbürokrat im weißen Himmel von Little Rock das Recht zu bestimmen, dass diese beiden Männer unsere einzigen Helden zu sein hatten?"

Man muss nicht wissen, welche außergewöhnliche Person Maya Angelou wurde, um das Buch über ihre Jugend zu mögen und wertzuschätzen. Es ist mitreißend in jedem Fall. Aber es ändert doch etwas, zumal in Deutschland, wo man Maya Angelou seltsamerweise so gut wie gar nicht kennt. In aller Kürze also ein sagenhaftes Leben: Die erste farbige Schaffnerin der Straßenbahn von San Francisco tingelt bald mit großem Erfolg auf den Spuren ihrer Mutter als Tänzerin und Calypso-Sängerin durchs Land. Mit dem Musical "Porgy and Bess" geht sie auf Europatournee, wird zum Broadwaystar, taucht in die schwarze Literaturszene von Harlem ein, wo sie ihren Freund und Mentor James Baldwin kennenlernt.

Sie schreibt Gedichte, die Bill Clinton bewegen, sie zu seiner Inauguration als Präsident zu laden. Zur Trauerfeier für Michael Jackson schreibt sie ihr Gedicht "We had him", das Queen Latifah vorträgt. Sie unterstützte erst Hillary Clinton, dann Barack Obama im Präsidentschaftswahlkampf 2008. Früher schon war sie die Vertraute von Martin Luther King, organisierte sein Büro, die öffentlichen Auftritte und die "marches". Da hatte sie bereits als Journalistin in Ghana Malcolm X kennengelernt und auch mit ihm gearbeitet. Kurz vor ihrem Tod, als sie schon zu schwach ist zu reisen, werden ihre Gedichte beim Begräbnis von Nelson Mandela vorgelesen. Für ihre jüngere Freundin Oprah Winfrey ist sie Mentorin und "Mutterfigur": Für die Jüngere war es ein Erweckungserlebnis als sie als schwarzes amerikanisches Mädchen den "gefangenen Vogel" in der Schule las. In den Schulen und Universitäten des Landes gehört das Buch seit Jahrzehnten zu den Pflichtlektüren, besonders geeignet, um die Differenz von Autobiografie und Fiktion exemplarisch zu diskutieren.

In Internetvideos kann man die Ausstrahlung der Dichterin bei zahlreichen Lesungen und Gesprächen noch heute erkennen. Man findet dort auch das Gedicht "Caged Bird". Maya Angelou liest die ersten Verse des Gedichts, dann folgen weitere, vorgetragen von Wynton Marsalis, von Außenminister John Kerry, von Nile Rodgers und vielen anderen. "A poem about the struggle for freedom" kündigt die amerikanische Nachrichtensprecherin an:

"A free bird leaps

on the back of the wind

and floats downstream

till the current ends

and dips his wing

in the orange sun rays

and dares to claim the sky.

But a bird that stalks

down his narrow cage

can seldom see through

his bars of rage

his wings are clipped and

his feet are tied

so he opens his throat to sing."

Maya Angelou: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt. Aus dem Englischen von Harry Oberländer. Suhrkamp Verlag, Berlin. 325 Seiten, 12 Euro.

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