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Amerikanische Literatur:Whiskey, verdünnt

Mit seinem Erstling "Nichts als die Nacht" war der amerikanische Autor John Williams unzufrieden.

Von Nicolas Freund

Zu ihrem Frühwerk haben viele Autoren ein gespaltenes Verhältnis. Der harmlosere Fall ist, wenn es einem Schriftsteller sein Leben lang nicht gelingt, an die Veröffentlichungen seiner Jugend anzuknüpfen. Dagegen kann wenigstens noch angeschrieben werden, denn bis zuletzt besteht ja die Chance, sich selbst doch noch zu übertreffen. Schwieriger wird es, wenn ein Autor die alten Texte nicht mehr los wird, wenn sie ihm peinlich werden und einen trüben Schatten auf das glänzende Spätwerk werfen. Denn dagegen lässt sich kaum etwas unternehmen.

So ging es John Williams mit seinem 1948 erschienen Debüt "Nichts als die Nacht". Williams war dreißig Jahre lang, von 1955 bis 1985, Professor für Englische Literatur und Kreatives Schreiben an der Universität von Denver, in dieser Zeit schrieb er drei weitere Romane, die wie sein frühes Debüt zu ihrem Erscheinen wenig Beachtung fanden. Erst Anfang des neuen Jahrtausends wurde sein 1965 veröffentlichter Roman "Stoner" wiederentdeckt und gleich mehrfach neu aufgelegt, es folgten Lizenzverkäufe ins Ausland sowie die Neuauflagen des Anti-Western "Butcher's Crossing" und des historischen Briefromans "Augustus". Sein Debütroman stand immer etwas abseits dieser Trias, auch weil Williams selbst mit seinem frühen literarischen Versuchen später nichts mehr zu tun haben wollte und den Roman teils vehement verleugnet haben soll.

John Williams: Nichts als die Nacht. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Mit einem Nachwort von Simon Strauß. dtv, München 2017. 157 Seiten, 18 Euro. E-Book 15,99 Euro.

Dabei muss er für den jungen Williams wenigstens für einige Jahre von geradezu existenzieller Bedeutsamkeit gewesen sein. 1942, gerade zwanzig Jahre alt, trat er noch vor dem Studium in die Armee ein und wurde im Rang eines Sergeant in Indien und Birma eingesetzt. Die Transportmaschine, auf der er als Funker diente, wurde im Dschungel über Birma abgeschossen, alle Passagiere bis auf ihn und zwei andere kamen dabei ums Leben. Noch an der Absturzstelle, während er verletzt auf Hilfe wartete, soll Williams an "Nichts als die Nacht" geschrieben und den Text während der langweiligen Stunden in den Zeltlagern der amerikanischen Armee irgendwo im Urwald wieder und wieder überarbeitet haben.

Der Text des jungen Autors, der dabei entstand, erzählt gerade nicht vom Krieg, über den sich Williams auch auf Nachfragen hin sein ganzes Leben lang kaum äußerte. "Nicht als die Nacht" handelt auf knappen 148 Seiten von zwölf Stunden im Leben des wohlhabenden Studenten Arthur Maxley und klingt darin wie ein radikaler Gegenentwurf zum eintönigen und bedrückenden Soldatenleben.

Dieser Maxley weiß nicht, was er mit sich und den unterdrückten Erinnerungen an den Selbstmord seiner Mutter anfangen soll, er streift durch San Francisco, trifft einen Freund, den Vater und eine schöne Unbekannte, und alle diese Begegnungen enden im Streit und in Gewalt. Hinter allem scheint ein unbewältigter Schmerz zu lauern. Selbst die Gedanken sind ein "dämmriges Trauma", Autos schießen wie Projektile durch die Straßen, und manchmal bricht Maxley einfach "Mutter, Mutter, Mutter" stammelnd zusammen. Es ist alles ganz schlimm, aber gegen das, was man hinter diesen Problemen vermutet, wogegen Williams angeschrieben zu haben scheint, wirken sie fast banal, was auch an der Sprache liegt, wenn festgestellt wird, dass die schöne Unbekannte "durch ihre private Gedankenwelt von ihm getrennt" war.

"Sie scheiterten schon im Ansatz, und sie wussten um dieses Scheitern."

"Nichts als die Nacht" ist das Werk eines Autors, der sich erst noch ausprobieren musste und noch nicht gelernt hatte, dass das, was nicht erzählt wird, oft genauso wichtig ist wie das, was ausformuliert wird. So dauert es fast eine Seite, bis sich Maxley ein Glas Whiskey eingeschenkt hat, so mitgerissen scheint der Erzähler von den eigenen Möglichkeiten zu sein, in umständlichen Beschreibungen, steifen Dialogen und groben Psychologisierungen unbedingt jedes Detail ausleuchten zu wollen. Das wirkt aber nur traurig leblos, als gäbe es nichts zu berichten, als das Einschenken eines Whiskeys.

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Dagegen zieht sich durch den Text ein Motiv der Körper, der tanzenden, der erotischen und der verletzlichen Leiber, das Arme in Schlangen und Fleisch verwandelt und eine Gruppe von Tänzern in ihrer Bewegung erstarren lässt. "Vielleicht aber waren sie auch tatsächlich jene holzleibigen, tongesichtigen Marionetten seiner ersten Fantasie, die sich verzweifelt bemühten, etwas dem Leben ähnliches darzustellen, doch sie scheiterten schon im Ansatz und wussten um dieses Scheitern." Hier scheinen der Krieg und die Toten auf einmal wieder durch den Text zu schimmern und der Erzähler weiß ganz genau, was nicht erzählt werden muss. Der Roman zeugt heute von einem großen Talent, das aber sein Medium noch nicht immer unter Kontrolle hat.

John Williams war sich der Schwächen seines ersten Romans offenkundig bewusst. Der Grund, warum er sich von dem Werk distanzierte und der es aber in Relation zu seinen späteren Romanen noch immer lesenswert macht, war wahrscheinlich nicht zuletzt die motivische Nähe zu seinen anderen, sehr viel besseren Büchern. Die Körper und der Tod sind auch Leitmotiv in "Butcher's Crossing" und seine reiferen Helden, vor allem William Andrews und Stoner, sind aus dieser frühen Erzählstimme geboren, auf die John Williams durch sie immer wieder zurückkam.

© SZ vom 10.10.2017

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