Amerikanische Literatur Warten auf die Zukunft

Als Prosaist war der große amerikanische Dramatiker Arthur Miller eher betulich. Das zeigen zwei Neuausgaben zum 100. Geburtstag.

Von Willi Winkler

Acht Mal mindestens ist sein Drama vom "Tod eines Handlungsreisenden" verfilmt worden, darunter von Volker Schlöndorff mit Dustin Hoffman in der Titelrolle. Beim ersten Mal, das war 1951, kurz nach dem Sensationserfolg am Broadway, graute der Filmgesellschaft so sehr vor dem eigenen Werk, dass sie eine Reihe willfähriger Professoren zusammentrieb und sie in einem extra produzierten Vorfilm erklären ließ, dass es solche Menschen wie Willy Loman in Amerika gar nicht gebe, dass die Arbeitsverhältnisse keineswegs so mörderisch seien wie vom Autor geschildert, dass es also schon überhaupt keinen Grund gebe, an Amerika und seinem Fortschrittsoptimismus zu zweifeln. Der arbeitslose Handlungsreisende brachte sich dennoch um - Willy Loman avancierte zur Kippfigur im amerikanischen Traum.

Der Dramatiker Arthur Miller brachte Henrik Ibsen nach Amerika und konnte sogar, noch vaterlandsloser, die Namen Sigmund Freud und Karl Marx fehlerfrei buchstabieren. Bis heute, gut zehn Jahre nach seinem Tod, werden seine Stücke weltweit aufgeführt. Loman ist Weltbürger geworden. Er kommt aber wie sein Erfinder aus den amerikanischen Dreißigern, der red decade, als es, nach Börsenkrach und Depression, selbst in den USA nicht mehr undenkbar war, im Sozialismus die Rettung zu sehen.

In der Zeit des Kalten Krieges arbeitete er wütend an der Abrüstung des amerikanischen Selbstbewusstseins: Arthur Miller, hier 1953 in New York.

(Foto: Roy Schatt/Polaris/StudioX)

Miller ist 1915 geboren, nur wenige Wochen nach dem gerade zum Hundertsten fast besinnungslos gefeierten Franz Josef Strauß. Strauß strebte als Verteidigungsminister die Aufrüstung Westdeutschlands an; Miller arbeitete mit ähnlicher Wut an der Abrüstung des amerikanischen Selbstbewusstseins. Der eine scheiterte mit seinem Ehrgeiz an der eben entdeckten Pressefreiheit, der andere wurde zum Märtyrer der guten Sache, als die Freiheit beinahe preisgegeben worden wäre. Als er 1956 vor den McCarthy-Ausschuss geladen wurde, um sich nicht etwa wegen unamerikanischer Umtriebe zu rechtfertigen, sondern um andere zu denunzieren, redete Miller wie eine seiner Figuren: "Mein Gewissen erlaubt mir nicht, dass ich die Namen anderer nenne." Miller wurde selber angeklagt, kam aber mit einer Bewährungsstrafe davon. Dass er zum Zeitpunkt der Anhörung mit dem Inbegriff amerikanischer Schönheit, mit Marilyn Monroe, verheiratet war, hat seiner gerechten Sache nicht geschadet.

Bereits im College hatte Miller Preise für seine Stücke gewonnen, doch den ersten Erfolg, Jahre vor dem Weltruhm, erlebte er mit einem Roman, der 1945 erschien und den tief eingewurzelten Rassismus zum Thema hatte. "Fokus" ist ein in jeder Hinsicht altmodischer Roman, dabei erschreckend aktuell, weil er vorführt, wie man jederzeit zum Opfer von Vorurteil und nackter Missgunst werden kann.

Weit effektvoller konnte er seine Anliegen auf dem Theater vortragen. Die Erzählung verstand er als "Vehikel für Gefühle und Geschichten", als "freundliches, familiäres (gemeint ist: vertrautes) Genre", mit dem er sich ebenso abgab, wie er sich als amerikanischer Schriftsteller mit eigener Hand eine Hütte baute und am selbstgezimmerten Tisch schrieb. Nur sieben der Erzählungen in dem neuen Band "Presence" erscheinen hier zum ersten Mal auf Deutsch; die anderen, drei Fünftel des Buches, gab es bereits 1967 in der Übersetzung von Hermann Stiehl bei Rowohlt, der (unter dem besseren Titel "Brennpunkt") auch "Fokus" herausgebracht hatte.

Leseproben

Einen Auszug aus "Fokus" stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Einen Auszug aus "Presence" stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Kaum politisch sind diese Geschichten, sondern eher schon versuchte Wunscherfüllung

Als Erzähler fehlte Miller die Kühnheit eines Donald Barthelme, aber auch die Empfindsamkeit John Updikes, der sich mit einer pornografischen Liebe zum Detail dem weiblichen Körper widmen konnte; erst recht die Besessenheit John Cheevers, von der manischen Wortsucht von David Foster Wallace ganz zu schweigen. Die Erzählungen sind von einer gewissen Betulichkeit, die einen gerührt an die längst verschwundenen Westermanns Monatshefte denken lässt. Es geht, wie könnte es anders sein, ums Erwachsenwerden, um die Liebe also, ums Schreiben und nicht schreiben können, um Ideale und verlorene Illusionen.

Kurzgeschichten, aber das ist banal, müssen in wenigen Worten nicht bloß Stimmungen erzeugen, sondern ganze Leben erfinden, pointillistisch fein sein und doch den Leser hinüber zur nächsten Seite tragen. So wie in der Geschichte von den Welpen, Bulldoggenwelpen möglicherweise, die in einer Anzeige zu haben sind, drei Dollar das Stück, um die es aber gar nicht geht, sondern um die Frau, die sie zum Kauf angeboten hat, um ihre raue Stimme, ihre langen schwarzen Haare und darum, dass sie einen offenen Morgenmantel trug, aus dem "Brüste wie halb volle Ballons" hervorkamen, so dass nach bewährter Weise eins zum anderen kommt. Der dreizehnjährige "er", dem so viel Gutes widerfährt, weiß natürlich nicht, wie ihm geschieht, außer "in ihr drin gewesen zu sein, wo es heiß war". Abgesehen davon, dass auch der New Yorker eine solche Geschichte heute nicht mehr drucken würde, weil es sich (trotz Moravia, Nabokov, Proust und wem nicht alles) technisch um Kindesmissbrauch handelt, schafft Miller in dieser so wenig überraschenden sexuellen Erweckungsgeschichte immerhin einen ironischen Schnitt, den er sich sonst in seinem ganzen Werk nicht gestattet: "Gerade, als er in sie hineinglitt nämlich, hatte sie die Augen aufgemacht und gesagt: 'Ich heiße Lucille'. Seine Mutter holte eine Schale mit Nudeln vom vorigen Abend heraus und setzte sie auf den Boden."

Arthur Miller: Presence. Sämtliche Erzählungen. Aus dem Englischen von Uda Strätling. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 416 Seiten, 22,99 Euro. E-Book 19,99 Euro.

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Unvermeidlich werden bei der Übersetzung kleinliche Einwände fällig, von denen die Übersetzerin nichts mehr hat, aber muss das "homely girl" wirklich mit "unansehnlich" wiedergegeben werden, wenn doch "unscheinbar" gemeint ist und auch genügt hätte? Dieses Mädchen, deren Leben da erzählt wird, heißt Janice und ist selbstbewusst genug, ihren Mann, mit dem sie auf politischer Genossenschaftsbasis und sonst kaum verbunden war, zu verlassen, um dann doch mit jedem ins Bett zu gehen, weil sie sich so unerfreulich, so gewöhnlich findet. Sie bewundert die marmorgleichen Züge von Greta Garbo und träumt von der Zukunft, als es "in den alten Zeiten nichts anderes gegeben" hatte. Die Zukunft hat die verheerende Eigenschaft, umso weiter zurückzuweichen, je näher man ihr zu kommen glaubt. Aber dann kommt das Glück auch zu Janice, sie lernt einen Blinden kennen, der sie achtet, bewundert, der sie heiratet.

Diese Geschichten sind kaum politisch, aber auch Wunscherfüllungen, dass es also mit dreizehn wirklich eine Frau mit langem offenen Haar gegeben hätte, die einen wortlos zum Beischlaf nötigte, oder dass der leergeschriebene Autor sich per Anzeige eine junge Frau suchen kann, um auf ihrem nackten Leib aus dem Stand eine vollständige Kurzgeschichte zu pinseln. O beim Hl. Sankt Franz Kafka! Dieser Blödsinn mag im puritanischen Amerika noch als frivol durchgehen, und vielleicht hilft eine solche Fantasie ja beim Schreiben, aber sie ist so altjüngferlich wie die Szene morgens am Strand, als der Erzähler Zeuge einer sandigen Kopulation wird und an eigene bessere Tage zurückdenkt.

Arthur Miller: Fokus. Roman. Aus dem Englischen von Doris Brehm. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 224 Seiten, 9,99 Euro.

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Statt des Blicks in die Zukunft, optimistisch und glücksbereit, bieten Millers Geschichten einen Blick unvorstellbar weit zurück, als solche Nervendramen sich noch in aller Gemütsruhe abspielten. "Wir saßen da, sahen uns an und warteten darauf, dass die Zukunft begann", schreibt Miller in seinen Erinnerungen. Es wäre auch höchste Zeit dafür.