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Amerikanische Literatur:Vom zielstrebigen Schlafwandeln

In vielen Interviews hat Joan Didion von ihrem Leben und Schreiben erzählt. Eine Sammlung von Gesprächen zeigt ihre Wandlung von der Schriftstellerin zur Reporterin und politischen Intellektuellen.

Von Frauke Meyer-Gosau

Wenn man Joan Didion auf dem Umschlagfoto als junge Frau von Mitte 30 lässig im Fenster ihres offenen Sport-Coupés lehnen sieht - den Kopf aufgestützt, in der Rechten die eben angezündete Zigarette, ostentativ blasierter Blick -, würde man von dieser Person alles mögliche erwarten. Das Bekenntnis "Ich koche gern, ich nähe gern. Das sind geruhsame Beschäftigungen, und sie sind Ausdruck von Fürsorge" gehört eher nicht dazu. Und ist doch in seinem Widerspruch zur visuellen Selbstinszenierung gerade charakteristisch für die 1934 in Sacramento geborene amerikanische Ausnahmeautorin: Ein einfacher Nenner für Joan Didion ist nicht zu finden, bestimmend sind vielmehr ihre Lust an inneren Gegensätzen, und die Neugier auf die eigene Entwicklung.

Fünf Romane hat sie geschrieben, seit 1996 jedoch nur noch nicht-fiktionale Texte. Ihre Reportagen machten sie seit Ende der Sechzigerjahre zur Ikone des New Journalism, ihren weltweiten literarischen Durchbruch allerdings erlebte sie erst 2005, im Alter von 71 Jahren, mit dem Trauerbuch "Das Jahr magischen Denkens". Knapp vier Jahrzehnte lang hatte sie ihrer staunenden Leserschaft die amerikanische Gesellschaft und Kultur mit entschieden subjektivem Blick vor Augen geführt - nun wendete sie sich mit der Erzählung vom Tod ihres Ehemanns John Dunne (wie dann noch einmal sechs Jahre später mit "Blaue Stunden", einem Memoir für ihre 2005 gestorbene Tochter Quintana) dem Privatesten und Persönlichsten zu. Und erlebte damit ihren größten Erfolg.

Von der immer wieder überraschenden Genese dieser Autorin erzählt der Band "Dinge zurechtrücken" auf indirekte Weise: in Gesprächen mit Joan Didion aus vierzig Jahren. Sie beginnen etwa zu der Zeit, in der das eingangs beschriebene Foto entstand, und decken die Zeit bis 2013 ab. Dabei springt die Abfolge der Interviews hin und her - auf 2003 folgt 1978, von 1977 geht es zu 2012 -, ohne dass man verstünde, was das Vor und Zurück erbringen soll.

Vogue 1972

Die Autorin Joan Didion in ihrer Küche in Malibu. So war sie 1972 in der „Vogue“ zu sehen.

(Foto: Henry Clarke)

Auch lernt man unterschiedlichste Typen von Interviewern kennen und staunt, was alles Autorinnen und Autoren über sich ergehen lassen müssen, um in der Öffentlichkeit zu Wort zu kommen. Fragen wie "Glauben Sie, dass Ihre Ängste und Befürchtungen realistisch sind, oder würden Sie sich selbst als neurotisch bezeichnen?" (Didion: "Ich verwende den Begriff Neurose nicht mehr. Für mich gibt es nur noch die ausgemachte Psychose oder normales Verhalten. Also, dass man im Alltag klarkommt.") Und es gibt aggressive Eitelkeit, wenn etwa ein Interviewer der inzwischen 78-Jährigen anstelle von Fragen Zitate zuwirft, als wäre sie ein Seelöwe im Zoo, der zur Gaudi des Publikums sein Futter aus der Luft zu schnappen hat. Wenn Didion, die nicht wissen kann, dass es sich um ein Zitat handelte, die "wunderbare Formulierung" einer Frage lobt, wird ihr vom Frager kühl beschieden, die entstamme einem Roman von Don DeLillo.

Von derart unerfreulichen Impressionen abgesehen, entwickelt der Band vor allem ein aufregend schillerndes Bild der Schriftstellerin. Von Didions eigenwilliger Charakterisierung des Schreibens im Jahr 1978 als "feindseligem Akt", mit dem der Autor versuche, dem Leser "seine Sicht der Dinge aufzuzwingen", ist in späteren Jahren keine Rede mehr, ebenso wenig von dem politischen Snobismus, der die 43-Jährige sagen lässt, zur Wahl gehe sie nur "hin und wieder. Ich bin über die großen Themen nur schlecht informiert". Sie fügt hinzu: "Mein persönliches Ideal von Politik ist anarchistisch. Weg mit den Gesetzen. Schluss damit. Noch einmal ganz von vorn anfangen. Das ist sehr romantisch". Da zeigt sich dieselbe offensiv-sorglose Blauäugigkeit wie einst im Wunsch der Schulabgängerin, Ozeanografin werden zu wollen, ohne auf der High School auch nur einen der notwendigen naturwissenschaftlichen Kurse besucht zu haben (sie studierte dann englische Literatur). Oder auch im Plan der 32-Jährigen, ihre soeben adoptierte Tochter auf eine Reportagereise nach Vietnam mitzunehmen - sie hatte dem Kleinkind sogar schon einen entzückenden kleinen Seidenschirm gekauft. 45 Jahre später sieht Didion ihr glücklicherweise nicht zustande gekommenes Vorhaben mit mildem Erstaunen: "In meiner Vorstellung würden wir im Cercle Sportif Tee mit einem Spritzer Zitrone trinken. Ich übersah völlig, dass es hier um Krieg ging - und zwar um einen sehr schlimmen Krieg, es war das Jahr 1966." Dass sie einen Säugling bei sich gehabt hätte, war ihr offenbar genauso wenig bewusst.

Vielleicht erlaubt aber gerade die ironisch kultivierte Unbedarftheit der im Leben weich Gebetteten als Reporterin in den kommenden Jahrzehnten ungeschützte Blicke ins Innerste ihres Landes, die ihren Leserinnen und Lesern die Augen übergehen lassen. Ihrer Fähigkeit, alles Vorfindliche erst einmal als gegeben hinzunehmen, entspricht eine ausgeprägte Begabung zu staunen, intensiv hinzuschauen und das Gesehene schließlich bündig in Worte zu fassen.

Joan Didion: Dinge zurechtrücken. Gespräche aus vierzig Jahren. Aus dem amerikanischen Englisch von Georg Deggerich. Zusammengestellt von Ann Kathrin Doerig. Kampa Verlag, Zürich 2018. 212 Seiten, 20 Euro.

Schon zur Mitarbeiterin der Vogue war sie nach Abschluss ihres Studiums in Berkeley eher wie eine zielstrebige Schlafwandlerin avanciert, noch Jahrzehnte später erinnert sie sich im Gespräch an amüsanteste Details des dortigen Arbeitslebens. Tags Redakteurin, schrieb sie des Nachts an ihrem ersten Roman - vor allem "aus Heimweh", wie sie rückblickend vermutet, denn die Geschichte spielte in Kalifornien, das sie sich im hektischen und kalten New York herbeifantasierte. So ergab sich von Anfang an eins aus dem anderen, geschah alles scheinbar einfach so.

Was auch immer Joan Didion als Autorin im Laufe der Jahrzehnte an Neuem ausprobierte, welche neuen Erzählformen sie für sich entwickelte, welche ihr zunächst fremden Themenbereiche sie eroberte - in ihrer Art der kulturellen Unterwasserforschung blieb sie der Ozeanografie in gewisser Weise treu: "Ich wollte immer herausfinden, wie tief es da unten ist."

Mit ihrem Ehemann verfasste sie Drehbücher, zugunsten der Reportagen gab sie das Romanschreiben auf, weil sie erstaunlicherweise im Nicht-Fiktionalen "mehr Raum" für ihre Art zu schreiben und zu denken fand, und ließ sich in den Siebzigerjahren von Bob Silvers, dem legendären Mitbegründer und Herausgeber der New York Review of Books, dazu animieren, Essays über Hollywood, Woody Allen, Patty Hearst und, dann als politische Reporterin, über San Salvador oder den Nominierungs-Parteitag der Demokraten zu schreiben. Silvers' Vertrauen in ihre Fähigkeiten als politische Intellektuelle hat Didion, so sieht sie es selbst, in ihrer Eigenheit gekräftigt: "Er hatte wohl das Gefühl, dass ich in genügendem Maß eine Außenseiterin war."

Das Schreiben ist ihre Brücke geblieben, zu den gesellschaftlichen Verhältnissen wie zu den Individuen, die deren Akteure sind. "Ich schreibe ausschließlich, um herauszufinden, was ich denke, was ich betrachte, was ich sehe und was es bedeutet. Was ich will und was ich fürchte" - indem sie diesem unverhohlen egozentrischen Impuls nachgibt, ist Joan Didion seit nun 50 Jahren eine der genauesten Seismografinnen der amerikanischen Kultur.

© SZ vom 06.02.2019

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