Amerikanische Literatur:Unter Null. Über Leben

Lesezeit: 5 min

Keiner hat die amerikanische Gegenwart elektrisierender beschrieben als Don DeLillo. Doch im neuen Roman "Null K" meditiert er wie ein Eisheiliger über die Unsterblichkeit.

Von Jörg Häntzschel

Der Eingang zur Ewigkeit liegt in Tscheljabinsk, irgendwo in der kasachischen Steppe. In Privatjets treffen hier Tag und Nacht unheilbar kranke Superreiche zum Sterben ein. Das heißt, sie sterben nur für eine Weile und auch nur ein bisschen. Ihre ausgeweideten Körper werden in flüssigem Stickstoff bei minus 273 Grad tiefgefroren, während Nanobots sich über Hirn und Organe hermachen und diese auf Ewigkeitsbetrieb umbauen. Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte werden diese kalten Mumien dort liegen. Bis die Wissenschaft Methoden entwickelt hat, die runderneuerten Menschen in ein Leben ohne Verfall und Tod zurückzuholen - oder wie man diese Existenzform dann nennen wird.

Don DeLillo hat 15 Bücher geschrieben, und der Tod ist geheime Hauptfigur in allen von ihnen. Doch so direkt wie in seinem neuen Roman "Null K", in dem es um seine Abschaffung geht, hat DeLillo ihm noch nie ins Auge gesehen.

Jeffrey Lockhart, der 34-jährige Ich-Erzähler, trifft, aus New York kommend, an diesem Weltende seinen Vater Ross wieder. Der milliardenschwere Finanzjongleur hat - "zusammen mit Geheimdiensten verschiedener Regierungen" - die "Konvergenz" finanziert, wie diese VIPNekropolis heißt. Gemeinsam wollen sie Ross' zweite Frau Artis Martineau in den vorläufigen Tod verabschieden, der kurz vor dem biologischen Ende eingeleitet wird, um die spätere Wiedergeburt zu erleichtern.

Handelt es sich bei dieser Meditation über das ewige Leben um eine übergroße Allegorie?

Doch bis "es" geschieht, vergehen Tage des Wartens, die Zeit kommt fast zum Stillstand. Und das Bewusstsein, in der Welt und im Leben zu sein, verflüchtigt sich. Immerhin erlaubt das eine Öffnung der drei füreinander, die vorher nicht möglich war: Zart deutet DeLillo an, wie sich der Berufszyniker Ross seiner Liebe zu der beeindruckenden, todkranken Artis bewusst wird und alle Lust verliert, ohne sie "zurück" zu gehen. Und wie Jeffrey über die Verehrung für seine Stiefmutter zum Vater findet.

Doch die am Rande von allerlei an Artis ausgeführten Vorbereitungsritualen gemurmelten Halbsätze füllen die Zeit nicht aus. Da es dort auch kein Wlan gibt, bleibt Jeffrey nur, benommen durch das Hightech-Zwischenreich zu driften. Es geht vorbei an Türen ins Nirgendwo; an Gemälden, die die Räume zeigen, in denen sie hängen; an lebensgroßen Skulpturen von Menschen mit oder ohne Kopf, gemacht aus diesen Menschen selbst. Sogar der Garten, in dem er Tageslicht sucht, erscheint wie gefriergetrocknet. Über die Steppe pfeift der Wind, doch hier regt sich kein Blatt. Man versinkt in diesen Kapiteln wie in einem schweren, verstörenden Traum.

Der amerikanische Autor Don DeLillo. (Foto: Loic Venance/AFP)

Wie einem Kafka-Helden begegnen Jeffrey in den weißen Korridoren obskure Offizielle: ein orakelnder Meister Yoda namens Mönch, die vage skandinavischen Stenmark-Zwillinge, die die Wartenden mit ihrer Keynote begeistern. Und schließlich die Führer, Wachen, Eskorten, die mit der Beflissenheit von Ministranten ihre Tätigkeiten performen - globalisierte Dienst-Menschen, deren Hautfarben und Akzenten keiner Weltregion zuzuordnen sind.

Handelt es sich hier um eine übermäßig detailreiche Parabel, irgendetwas wie das Schachspiel mit dem Tod aus Bergmanns "Siebentem Siegel", fragt sich der Leser. Ist das alles als groß angelegte Allegorie zu verstehen? Doch DeLillo lenkt in eine andere Richtung. Die Konvergenz ist bei ihm Bunker für den nahenden Weltuntergang, Techno-Ashram und Kathedrale. Die technischen Details der Kryostase lässt er im Vagen, ihn interessiert deren spirituelle Verbrämung.

Wie alle Kathedralen erzählt auch diese dem Besucher zwei Geschichten: Die eine handelt von der Mühsal des irdischen Lebens. Terror, Mord, Umweltkatastrophen, kurz: alles, was ein Hieronymus Bosch des 21. Jahrhunderts auf CNN und im Darknet zusammenklauben würde, flackert in Endlosschleife über Videoscreens, um die letzten Zweifel an dem Versagen der alten Welt auszuräumen. Die andere erzählt vom Glück, das die Kunden als "Bürger des Universums" in der postmortalen Zivilisation erwartet, in der "Welt, wie sie wirklich ist". Verkauft wird das ewige Leben mit der Aura des Heiligen, doch bezahlt wird nicht mit Demut, sondern mit Dollars: "Das ewige Leben gehört den atemberaubend Reichen", lässt er einen der Stenmark-Brüder verkünden.

Kein amerikanischer Schriftsteller hat Irrsinn und Schönheit der Gegenwart so sinnlich und konkret geschildert wie Don DeLillo. Keiner hat die Welt so gnadenlos seziert und sie dabei mit so viel Freundschaft betrachtet. "White Noise", "Libra" und vor allem sein Großwerk "Underworld" von 1997 waren vor Komplexität strotzende Romane, in denen man beim Umblättern Stromstöße bekam.

Doch dann kam die Jahrtausendwende, und DeLillo unterwarf sich erzählerischer Askese. Mit den schmalen Bänden "The Body Artist", "Falling Man" und "Point Omega" schrieb er plötzlich Kammermusik statt Symphonien. Auch der Ton änderte sich. DeLillo wurde innerlicher und abstrakter, auch kühler. Aus Analyse wurde Andacht, aus Präzision Überhöhung. Noch der letzte Spüllappen schimmerte wie eine Reliquie. Virtuosen der Weltflucht bevölkerten nun seine Romane. Lauren Hartke, die Protagonistin von "The Body Artist", betrachtet stundenlang Webcam-Videos einer leeren Straße in Finnland. Keith Elster, der ehemalige Militärberater aus DeLillos letztem Roman "Point Omega", meditiert über Raum und Zeit in einer Hütte "südlich der Sonora-Wüste oder vielleicht war es die Mojave-Wüste oder eine ganz andere Wüste". Er sagt Sätze wie: "Wir träumen alle davon, Steine in einem Feld zu werden."

Liegt es daran, dass DeLillo mit "Underworld" eine Breite und Dichte erreicht hat, die nicht mehr zu übertreffen ist? Liegt es an der Dotcom-Krise, 9/11 und dem Ende des unendlichen Spaßes der Neunzigerjahre? Oder ist es das Alter - DeLillo wird im November 80 -, das hinter diesem schriftstellerischen Eremitentum steht?

Mit "Null K" kommt diese poetologische Konversion zum Abschluss. Erstaunlich ist nur, dass diese in Andachtslautstärke geflüsterte, bewegende und tiefernste Meditation über Leben und Sterben nicht in einem Pflegeheim in New Jersey oder einer Altbauwohnung an der Upper West Side angesiedelt ist, sondern an dem wohl irrsten Schauplatz, den sich DeLillo je ausgedacht hat: einem Setting, das einen fortwährend an Filme wie "Gattaca" oder "Ex Machina" denken lässt. Das hatte man von einem Alterswerk wie diesem zuallerletzt erwartet.

Vor zwanzig Jahren hätte DeLillo in dieser Kulisse eine Satire über jene Milliardäre aus dem Silicon Valley spielen lassen, die tatsächlich an das Leben nach der Kryostase glauben, Millionen in Projekte wie die Konvergenz investieren und die Verträge für das Einfrieren ihrer eigenen Körper lange unterschrieben haben. Er hätte seine glänzend weiße Unterwelt so detailversessen durchdesignt, um die Übergeschnapptheit der "Vision" nur umso deutlicher zu machen.

Man verliert ihn bald aus den Augen, den Erzähl-Charon, der einen über den Styx führt

Doch hier geschieht das Gegenteil. DeLillo bläst so viel heiligen Ernst in das Konvergenz-Projekt - und damit in einen Sci-Fi-Plot, der jedem anderen Autor zu groteskem Trash zerfallen wäre - dass man sich von ihm willig über den Styx führen lässt, dort seinen Charon aber bald aus den Augen verliert. Ja, der erste innere Monolog einer Tiefgefrorenen in der Literaturgeschichte ist berührend. Aber nimmt DeLillo damit die Unsterblichkeitsfantasien der Kryogeniker nicht ein bisschen zu ernst?

Jeffrey ist der Einzige, der sich seine Skepsis gegenüber der esoterischen Tiefkühlsekte bewahrt hat, doch als Verteidiger konventionellen Lebens und Sterbens hätte DeLillo keine weniger überzeugende Figur erschaffen können als ihn, der als "Human Resources Manager - globale Mobilität" oder "Forschungsmanager für neue Lösungen - Simulationsmodelle" Unverbindlichkeit zu seinem Beruf gemacht hat. Der glühenden Jenseitssehnsucht der Sektenmitglieder hat er nichts entgegenzusetzen.

Als Jeffrey nach Manhattan zwischenzeitlich zurückkehrt, um es doch noch einmal mit dem Leben zu versuchen, scheint er der alten Welt hoffnungslos entfremdet. Und auch DeLillo selbst scheint hier nicht bei der Sache zu sein. Routiniert beklagt er die Anonymität von Flughäfen und die Gefahren von Smartphones. Doch wer wollte jetzt, nach 150 Seiten zwischen Leben und Tod, etwas davon wissen? Bald geht es zurück nach Kasachstan.

Beim Schreiben, so sagt DeLillo immer wieder, folge er lediglich der Sprache selbst. Doch in einem Roman, der inhaltlich so viel einsetzt wie "Null K", kommt dieses Prinzip an seine Grenzen. Vielleicht liegt es in der Natur der Sache, dass ein bestürzend ernstes Buch über den Tod und darüber, was er sein könnte, wenn er kein Ende ist, selbst kein Ende finden kann.

© SZ vom 18.10.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: