bedeckt München

Amerikanische Literatur:Nach der Party

Stewart O'Nan erzählt in seiner Romanbiografie "Westlich des Sunset" von den letzten Lebensjahren F. Scott Fitzgeralds, als der Schriftsteller nach Hollywood gegangen war.

Von Ulrich Baron

Der 1961 in Pittsburgh, Pennsylvania, geborene Stewart O'Nan hat Bücher wie "Halloween" (2004) und "Alle, alle lieben dich" (2009) geschrieben, einige der bemerkenswertesten Gegenwartsromane aus der amerikanischen Provinz. Das Glamouröse aber liegt ihm fern. So wundert man sich zunächst über Palmen und Sternenhimmel auf dem Cover seines jüngsten Buchs "Westlich des Sunset" - und mehr noch über dessen Protagonisten F. Scott Fitzgerald und den Schauplatz Hollywood.

Doch wie schon früher ist es ein Unglück, das O'Nans Helden in den literarischen Fokus gerückt hat. Zusammen mit seiner Frau Zelda hatte Fitzgerald die Roaring Twenties perfekt verkörpert. Während sie mit wilden Partys und freimütigen Interviews Furore machten, verdankten beide ihren Lebensstil einer letzten Blütezeit der Printmedien. Zeitungen zahlten Tausende Dollars für eine Fitzgerald-Geschichte aber im Jahre 1937, als O'Nans Roman einsetzt, ist das längst vorbei. Zelda lebt geisteskrank in einer Spezialklinik. Scott weiß nicht, wie er die Kosten für sie und ihre gemeinsame Tochter Scottie bezahlen soll und verkauft sich an die Tretmühle Hollywood. Dort soll er schlechte Drehbücher filmreif machen, aber er ist Alkoholiker, und auch seine letzte Liebe, die Klatschreporterin Sheilah Graham, kann seinen Untergang nicht aufhalten.

Viel Stoff für einen Roman also, doch O'Nan beginnt erst, als der Glanz schon verblasst ist. Bei einem letzten gemeinsamen Urlaub in Kuba müssen sich Scott und Zelda dann endgültig eingestehen, "dass sie kein unterhaltsames Paar mehr waren". Wenn sie in Hotels randalieren, ist das nicht mehr spektakulär, sondern nur noch peinlich. Doch es geht nicht um eine indiskrete Geschichte, die Biografen schon ausführlicher erzählt haben, sondern um eine Sichtweise, die implizit auch erfasst, was verloren gegangen ist. O'Nan hat dazu einmal auf einen Ratschlag verwiesen, den ihm John Gardners "The Art of Fiction" gegeben habe: "Beschreibe ein Gebäude so, wie es von einem Mann gesehen würde, dessen Sohn gerade im Krieg getötet worden ist. Erwähne nicht den Sohn, den Krieg, den Tod oder den Mann, während er das Gebäude betrachtet."

Portrait of F. Scott Fitzgerald by Carl Van Vechten

Francis Scott Fitzgerald 1937.

(Foto: Alamy/mauritius images/GL Archive)

So wird hier nicht groß herausgestellt, dass es sich bei "Ernest" um Hemingway handelt und bei "Bogie" um Humphrey Bogart, der es dem "Scheißkerl" Fitzgerald nicht mehr nachträgt, dass er ihm damals im Cocoanut Grove die Lippe aufgeschlagen hat. So betrunken sein Protagonist oft ist, so nüchtern schaut O'Nans Erzähler ihm über die Schulter. Und so subtil überhöht er dessen Figurenperspektive zu einer Sichtweise, die vor allem Scott selbst zum Betrachtungsobjekt macht.

Im Studio zählt Fitzgerald oft zu den wenigen Prominenten, die aus Geldmangel dort auch im Restaurant essen - umwimmelt vom Zwergen und fliegenden Affen, weil nebenan gerade der "Zauberer von Oz" gedreht wird. Unter Zwergen und fliegenden Affen liegt der Gedanke nahe, dass es in amerikanischen Erfolgsgeschichten keinen zweiten Akt gibt, und tatsächlich bildet eine solche Formulierung Fitzgeralds das erste der beiden Motti des Romans. Das zweite, ihm ebenfalls entliehene aber lautet: "Nichts war ausgeschlossen, alles fing eben erst an." Die Hoffnung auf einen Neustart wird Scott bis zu seinem "letzen hilflosen Gedanken" nicht verlassen, den O'Nan seinem sterbenden Helden eingegeben hat: "Aber ich bin noch nicht fertig."

Bis fast zuletzt wird diese Hoffnung auch durch die Liebe zu Sheilah Graham genährt, die Fitzgerald an die junge Zelda erinnert, doch das wird von O'Nan subtil konterkariert als "eine aus der Vergangenheit zusammengestückelte Zukunft". Man kann dies als Beschreibung von Fitzgeralds scheiterndem Versuch lesen, an alte Zeiten anzuknüpfen, aber auch als Reflex jener immer wieder neu zusammengestückelten Filmprojekte, mit denen er sein Talent vergeudet. Und wie so oft gehen die Reflexionen des Protagonisten und des Erzählers hier ineinander über.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman bietet der Verlag hier an.

Während Fitzgerald sich noch bemüht, aus dem Vergangenen eine neue Zukunft zusammenzustückeln, streut O'Nan Hinweise auf einen heraufdämmernden neuen Weltkrieg und bald auch erste Kriegsmeldungen ein, auf eine neue große Veränderung, die Fitzgerald nicht mehr erleben wird: "Du kannst es nicht wissen", schreibt er an seine Tochter Scottie; "aber 1920 und 1939 haben mehr gemeinsam als 1913 und 1919, genauso wie nach dem bevorstehenden Krieg 1939 wie eine verlorene Welt erscheinen wird." Diesem Epitaph lässt er eine Würdigung seiner Leistungen aus Autor folgen: "Ich hatte das Glück, schon so alt zu sein, dass ich die neue Welt klar sehen und deshalb das Bewundernswerte und das Törichte einordnen konnte."

Für die Annahme aber, dass diese klare Sicht mit dem Alter noch zunehmen werde, hat sein Leben keinen Beleg erbracht. "Westlich des Sunset" ist ein lebenskluger Roman über die Unwiederbringlichkeit des Glücks, des Erfolgs, des Lebens, der historische Dimensionen gewinnt, indem er zeigt, dass der Ausdruck "verlorene Generation" nicht nur auf die der Fitzgeralds und Hemingways zutrifft.

In seinem Arbeitszimmer auf und ab gehend, scheinen da einmal die Dielen unter Scott nachzugeben, und es ist nicht sein krankes Herz, das ihm diesen Streich spielt. Er hat vielmehr sein erstes Erdbeben erlebt, doch im Studio zeigt sich niemand beeindruckt. Ein Dutzend aus Latten und mit Segeltuch zusammengefügter Kulissen liegt zertrümmert in einer Schlammpfütze und auch ein stoischer Buddha. Risse in dessen Jadehaut zeigen, dass er aus Schaumstoff besteht. Drei Bühnenarbeiter diskutieren über das weitere Schicksal des Religionsstifters: "Sie waren Techniker, Männer der Tat. Die Platten des Kontinentalsockels, ja, die Welt hatte sich verschoben, und die oberste Sorge dieser Männer war es, alles wieder an seinen Platz zustellen", heißt es da: "Er hätte ihnen sagen können, dass es sinnlos war, hatte aber ein Leben lang das Gleiche getan." Ganz ohne gelehrte Anspielungen gelingt es Stewart O'Nan hier, das barocke Vanitas-Motiv neu zu bebildern und aus Illusionen, haltlosen Hoffnungen und falschen Träumen Wahrheit zu destillieren.

Stewart O'Nan: Westlich des Sunset. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 416 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 16,99 Euro.

© SZ vom 26.04.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite