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Amerikanische Literatur:Mein Held, der Wald

Richard Powers erzählt in "Die Wurzeln des Lebens" vom Leben der Bäume mit den Menschen. Aber hat sich die Menschheit nicht längst für den Ruin der Natur entschieden?

Jetzt stehen sie doch noch, die Bäume im Hambacher Forst, vielleicht sogar eine ganze Weile. Nachdem ein Rodungsstopp durchgesetzt wurde, darf RWE den Wald nicht abholzen, um Braunkohle zu fördern und die Naturschützer nehmen das Gelände wieder in Besitz. Ihr Kampf würde Richard Powers gefallen. Sein neuer Roman "Die Wurzeln des Lebens", mit dem er für den Man Booker Prize nominiert war, ist ein Hohelied auf Bäume und Wälder, ein Menetekel für eine Menschheit, die um eines kurzfristigen Nutzens willen bereit ist, ihren größten Schatz zu verschleudern. Außerdem ein Heldenlied auf neun tapfere Bürger, die sich um diesen Schatz sorgen und ihn zu schützen suchen.

Aber predigt Richard Powers, gerade in deutscher Übersetzung, nicht zu den Bekehrten? Steht nicht "Das Leben der Bäume" des Försters Peter Wohlleben seit drei Jahren auf der Bestsellerliste und hat Nachahmer zuhauf gefunden? Hat nicht schon Elias Canetti im Wald das Nationalsymbol der Deutschen entdeckt? Baumbücher lesen und zum Waldenthusiasten zu werden ist leicht, die Konsequenzen daraus ziehen eine ganz andere Sache. Dieses Dilemmas ist sich Powers bewusst, er inkorporiert es sogar in sein Werk: "Das Leben hat so viel mehr Gesichter, und die Welt scheitert, gerade weil es keinem Roman gelingt, das Ringen um die Welt so interessant zu machen wie das Ringen zwischen ein paar verlorenen Menschen." Das hat Ray begriffen, eine der neun Hauptfiguren des Buches, ein ehemaliger Patentanwalt, der nach einem Schlaganfall gelähmt im Bett liegt und sich von seiner Frau Dorothy die Weltliteratur vorlesen lässt. Bis sie beide immer stärker von dem abgelenkt werden, was sich draußen in ihrem Garten tut.

Richard Powers, ein Mann von geradezu erschreckender Bildung, die zwischen klassischem Operngesang und Computertechnologie alles umfasst (oder sich einverleiben kann), schreibt seit 30 Jahren dicke Romane, die meist zwei Wissenschaften oder Wissensgebiete miteinander kombinieren. Im "Echo der Erinnerung" etwa waren es Hirnforschung und der Schutz der heimischen Vogelwelt, in "Orfeo" die Entwicklung der modernen Kunstmusik und Genetik. Auch "The Overstory" (so der bezeichnende Originaltitel des neuen Romans) stellt dem Thema der bedrohten Wälder ein zweites gegenüber, verkörpert durch den querschnittsgelähmten Inder Neelay, einen genialen Computergameerfinder, der mit "Mastery" eine Art Zivilisationsspiel erfunden und damit viele Millionen verdient hat.

Neelay lebt nerdmäßig von Bits und Bytes, Pizza und Kräckern und erlebt eine Art Epiphanie, als er bei einer Fahrt über den Campus von Stanford in den Dunstkreis der Bäume gerät. Dunstkreis ist wörtlich zu nehmen: Bäume senden Duftstoffe aus, Signale aneinander, aber auch ätherische Öle, die dem Menschen wohltun. Neelay inspirieren sie, sein Spiel der Wirklichkeit anzupassen, die digital geschaffene Welt mit begrenzten Ressourcen und unbegrenztem Wachstum kämpfen zu lassen, in der Hoffnung, seine Gamer könnten Auswege finden, die die Menschen in ihrer "kognitiven Blindheit" nicht sehen (wollen).

Camping unter Mammutbäumen in Kalifornien: Menschen und Bäume, erfährt man in Powers’ Roman, teilen immerhin ein Viertel ihrer Gene. Ihre Evolution ist erst vor anderthalb Milliarden Jahren auseinander gegangen. Heute leben sie in verschiedenen Dimensionen nebeneinander her.

(Foto: mauritius images)

Neun Hauptfiguren hat Powers' Roman und jede bekommt ihr Baumerlebnis. Das Baumthema zieht alles an sich wie ein gigantisches grünes Loch. Selbst die Struktur des Buches ist ihm geschuldet. Zwar schreibt Powers nicht wie die barocken Poeten, die ihre Verse bisweilen baumförmig anordneten, aber in großen Kapiteln, die "Wurzeln", "Stamm", "Krone" und "Samen" heißen. So streben die verschiedenen Biografien der Hauptpersonen anfangs aufeinander zu, wie Wurzeln, bis sie sich im Stamm des Romans zu einem gemeinsamen Anliegen erheben und sich hoch oben in den Ästen der Krone wieder verzweigen.

Das gemeinsame Anliegen ist der Kampf um die Mammutbäume im Nordwesten Amerikas, über tausend Jahre alte Riesen, die gefällt und zu Holz verarbeitet werden sollen im Auftrag eines "Finanzhais aus Texas, der nie in seinem Leben Mammutbäume erblickt hat, sie aber allesamt abschlachten will, um damit den Kredit abzubezahlen, den er aufgenommen hat, um sie zu erwerben". Zu den Baumschützern gehört Douglas Pavlicek, ein kriegsbeschädigter Veteran, der jahrelang Baumschösslinge gepflanzt hat, bis er begriff, dass man ihn reingelegt hat. Durch die Pflanzaktion hatte die Holzfirma die Schlagquote ausgewachsener Bäume erhöhen dürfen. Oder die Ingenieurin Mimi Ma, sanftmütige Tochter chinesischer Einwanderer, die sich radikalisiert, als in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Bäume vor ihrem Büro umgehauen werden, unter denen sie sich immer erholt hat. Dann Adam, ein Psychologie-Professor, der erforscht, warum "die Menschen das Offensichtliche nicht sehen", nämlich dass sie die eigenen Lebensgrundlagen zerstören. Die Abholzung der Wälder, ergänzt Powers, trage mehr zum Treibhauseffekt bei als der gesamte Verkehr auf der Welt. Den höchsten Einsatz wagen Nick und Olivia. Nick ist der Nachfahre eines norwegischen Immigranten, der mitten in Iowa eine Kastanie gepflanzt und ihr Wachsen allmonatlich durch Fotografien dokumentiert hat. Später haben seine Nachkommen diese Aufgabe übernommen. Sein Ururenkel Nick verfügt so über hunderte von Fotos, die, wenn er sie wie in einem Daumenkino durch die Finger rattern lässt, die Entwicklung der Kastanie im Schnelldurchlauf zeigt. Ein bestechender Einfall Powers', der gewissermaßen die Baumzeit in Menschenzeit übersetzt.

Olivia wiederum, eine flippige Studentin, überlebt einen Stromschlag durch eine defekte Zimmerlampe und lebt fortan in einer anderen Dimension, in der ihr Geister Nachrichten zuflüstern. Auf deren Geheiß nimmt sie an einer waghalsigen Rettungsaktion teil: Gemeinsam mit Nick besteigt sie einen der bedrohten Mammutbäume und richtet sich in 60 Meter Höhe ein Lager ein, um seine Fällung zu verhindern. Hier befinden wir uns botanisch in der Krone, literarisch aber im Kern des Buches. Mimas - die Baumpersönlichkeit hat auch einen Namen - beherbergt Nick und Olivia fast ein Jahr lang. Ab und zu bringt man ihnen Essen, aber eigentlich sorgt Sequoia sempervirens für sie. In luftiger Höhe gibt es eine ganze Welt: Es wachsen Heidelbeeren, in Wassertümpeln schwimmen Fische. Die Baumbesetzer legen ihre zivilisatorischen Gewohnheiten und Verformungen ab, sie leben "in einem Rhythmus, der keinen Rhythmus hat".

Durch das Studium der Natur - und einiger biologischer Bücher, die Vorgänger hinterlassen haben - steht ihnen konkret vor Augen, was Powers eine andere Figur erst erklären lässt: Die exzentrische Zoologin Patricia Westerford hat als erste entdeckt, dass Bäume miteinander kommunizieren. Dass sie "einander heilen". Dass sie das, was sie produzieren, aus den Quellen von Licht, Wasser und Erdboden schöpfen, mit ihrer Umgebung teilen und unzählige andere Lebewesen ernähren.

Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens. Roman. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer, Frankfurt 2018. 618 Seiten, 26 Euro.

Powers' Zoologin und ihre Prosa ähneln Peter Wohlleben und seinem Bestseller, der übrigens auch in den USA verbreitet ist und in mehreren Rezensionen zu "The Overstory" zitiert wird. Powers, ganz von der Zoologin angesteckt, die er erfunden hat, entwirft mit dem Wald eine Gegenzivilisation, eine Ökonomie der Großzügigkeit und Freigiebigkeit, eine andere Zeitrechnung, die auf Nachhaltigkeit setzt und in Jahrtausenden denkt. Das Maß der Dinge ist nicht der Mensch, sondern der Baum, Wälder sollen Vorbilder für menschliche Gemeinschaften sein. Der Begriff "Natur" soll nicht nur mit dem Tierreich verbunden sein, dem Fressen-und-Gefressenwerden, das als Vorwand für menschliche Untaten herhält. Sondern auch mit dem Pflanzenreich, in dem friedliche Koexistenz herrscht, ein Geben und Nehmen, sogar über den Tod hinaus, denn ein toter Baum dient wiederum unzähligen anderen Lebewesen als Nahrung und Wohnstatt.

Menschen und Bäume, so Westerford und Powers, teilten immerhin ein Viertel ihrer Gene; ihr Weg habe sich erst vor anderthalb Milliarden Jahren getrennt. Die Schwärmerei läuft Gefahr, in Esoterik abzugleiten, und Powers, bei aller Begeisterung, bei aller Beschreibungsgrandiosität, die man immer wieder findet, entgeht der Gefahr nicht. "Die Wurzeln des Lebens" könnte durchaus zu jenen Büchern gehören, nach deren Lektüre mancher sein Leben ändert - so wie nach Jonathan Safran Foers "Tiere essen" der eine oder andere zum Vegetarier wurde.

Das Leben des Autors hat es schon geändert. Richard Powers ist aus der Stadt in den Wald gezogen, statt in Palo Alto lebt er jetzt in den Great Smoky Mountains in den Appalachen. Nun hat er aber einen Roman geschrieben und kein Traktat. Und Romane handeln von Menschen, nicht von der Menschheit. Die Natur liefert keine literaturfähigen Helden, mögen sie auch Mimas heißen und Staunenswertes vollbringen.

Die menschlichen Helden bleiben blass in diesem Buch, schon weil sie die Guten sind und die anderen die Bösen, sie die Wissenden und die anderen die Ignoranten. Eine solche klare Aufteilung ist nie gut für die Literatur. Auch die Spannung, die Powers gekonnt schürt, bei einigen Schlachten zwischen Waldschützern, Holzarbeitern und der (mit enormer Brutalität vorgehenden) Polizei, verfliegt schnell. Denn keine diese Schlachten kann gewonnen werden. Und selbst wenn: Das große Spiel ist schon entschieden, die Sache ist verloren, die Menschheit hat dafür optiert, sich zugrunde zu richten. Daran besteht für den Romancier kein Zweifel. Die daraus entspringende Melancholie, die sich über den Roman legt wie ein emotionaler Grauschleier, hält die bald handelnden, bald verzweifelnden Personen in ihrem Bann. Dass nach Maßstab der Bäume die Zeit der Menschen nur eine Episode sein wird, ist kein Trost. Powers' Weg zum Baum mag richtig sein - literarisch ist es ein Holzweg.

© SZ vom 24.10.2018

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