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Amerikanische Literatur:Land der Vergessenen

Philipp Meyer: Rost. Roman. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012. 464 Seiten, 11,90 Euro

Von Wolfgang Krach

Er hat einen Mann umgebracht. In Nothilfe. Um seinen Kumpel Billy zu retten. Deshalb ist Isaac, 20, jetzt auf der Flucht. Er will fliehen aus diesem gottverlassenen Tal in Pennsylvania, dessen Herz früher der Stahl gewesen ist. Er will fliehen vor seinem tyrannischen, pflegebedürftigen Vater, der einst im Stahlwerk geschuftet und dem er jetzt 4000 Dollar geklaut hat. Er will fliehen vor der Polizei. Und er will fliehen aus seinem alten Leben, in dem er, Isaac English, der klügste Junge im Tal, Billy Poe Mathe-Nachhilfe gegeben und ein Studium der Astrophysik in Yale angestrebt hat, womit er gescheitert ist. Philipp Meyer hat "Rost" 2009 geschrieben, lange bevor Donald Trump ins Amt kam. Doch den Boden, auf dem Trump Präsident werden konnte, beschreibt Meyer grandios. Es ist die Mischung aus Armut, Gewalt und Hoffnungslosigkeit, die der Zusammenbruch der Stahlindustrie im "Rustbelt" hinterlassen hat - dort, wo Isaac aufgewachsen und Trump Präsident geworden ist, weil ihn die Verzweifelten gewählt haben. "Rost" erzählt das Sterben von Industrie und Mensch im "Rostgürtel" wie ein Roadmovie, und doch ist seine Geschichte mehr: eine weitsichtige Parabel auf "Trumpland", die man, trotz Trump (er kommt im Buch nicht vor), mit Genuss lesen kann.

© SZ vom 28.07.2018
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