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Amerikanische Literatur:Eugenik im Weltraum

Superstruktur aus der Zukunft: Die Wiegen-Stadt am Raum-Haken.

(Foto: Weta workshop)

Neal Stephenson lässt in seinem neuen Roman "Amalthea" den Mond auf die Erde stürzen und die Menschheit ins All fliehen - einige kommen zurück. Sie sind sehr verändert.

Von Bernd Graff

Neal Stephenson hat irrwitzige Roman-Ideen, die er als Autor akribisch, fast manisch, bis in die feinsten Verästelungen hinein entfaltet. Seine Bücher sind auch darum immer ganz besonders dick. Das neueste, "Amalthea" (im Original "Seven Eves"), überschreitet souverän die 1000-Seiten-Marke. Es geht aber auch los mit dem schlimmsten Urknall der Literaturgeschichte: "Der Mond explodierte ohne Vorwarnung und ohne erkennbaren Grund." Danach malt er den Teufel einer kosmischen Apokalypse al fresco an die Wand, von der sich die Menschheit, jedenfalls die uns bekannte, nicht mehr erholen wird. Stephenson siedelt die Mond-Katastrophe in einer unserer Gegenwart ähnlichen Zeit an, hebt dann aber gleich davon ab und schießt dann ins Reich einer Spekulation, die wie errechnet wirkt, zwangsläufig und unausweichlich: ein plausibles Szenario des Untergangs.

Zunächst wird auf Erden noch spekuliert, ob wohl ein "Schwarzes Loch" den Mondkern durchschossen habe, Schulkinder vergeben putzige Namen für die dicksten Mondbrocken, die erst noch lustig umeinander tanzen, Populärwissenschaftler bevölkern mit ihren Mutmaßungen die Talkshows. Das Übliche eben. Doch interessieren die Ursachen der Mondzertrümmerung schon bald niemanden mehr, als klar wird: Diese Mondtrümmer zermalmen sich gegenseitig, die gigantischen Brocken werden mit verheerender Wirkung auf die Erde stürzen. So kommt es auch: Die Erde verbrennt in einer Feuerhölle, fast die gesamte Menschheit wird darin ausgelöscht.

In der knappen Spanne von zwei Jahren, die der Menschheit vor dem errechneten Einsetzen des Trümmerregens bleiben, wird hastig die Besatzung der internationalen Raumstation ISS aufgestockt, das Raumschiff zum Behelfs-Stern umgebaut, auf dem tiefgefrorene Genproben von Flora und Fauna eingelagert werden: Die ISS wird zur Arche. So "realistisch" und gegenwärtig dieser Umbau beschrieben wird, setzt Stephenson allerdings den Einsatz einer fast autonom agierenden künstlichen Intelligenz und Robotik voraus, die unsere Gegenwart allenfalls erahnen kann.

Sei's drum, die Erweiterung gelingt, 1500 von den Nationen der Erde ausgesuchte Personen mit Zukunftspotential werden auf die ISS geschickt. Dort, zwischen Mond und Erde, sind sie allerdings dem "Harten Regen", wie der Hagel des Trabanten genannt wird, ebenso ausgesetzt. Die ISS, hier liebevoll Izzy genannt, hat einen Meteoriten im Schlepptau, den Metallbrocken "Amalthea", den man für Forschungszwecke eingefangen hatte. Nun soll er als Schutzschild gegen diese Mondbrocken dienen. Das klappt. Aber nur fast. Izzy wird getroffen, teilweise zerstört - es sterben viele Astronauten.

Mehr als 5000 Jahre umfasst Stephensons Recherche dieses fiktiven Weltuntergangs, an dem auch die Elitemenschen im All zu knabbern haben. Erst ab Seite 691 kehrt der Leser mit den Nachkommen der gerade mal sieben weiblichen Überlebenden - der sieben Evas aus dem amerikanischen Titel - aus der Weltraumdiaspora wieder zurück auf eine völlig veränderte Erde. Doch auch die Menschheit und ihre Technologien haben sich im All völlig verändert. Klar, dass Stephenson die Verfahren der synthetischen Befruchtung und Gen-Optimierung molekülgenau beschreibt. Es hat nichts anderes als eine Eugenik im Weltall stattgefunden.

Neal Stephenson ist ein Mann von Ursache und Wirkung: Hier konzentriert er sich auf die Gesetze von Astrodynamik und Orbitalmechanik, denen die Menschen im All schutzlos ausgeliefert wären, wenn sie nicht die Naturgesetze gebimst hätten, deren Kenntnis ein klein wenig Erwartbarkeit in den kalten Kosmos bringt.

So entsprechen die beschriebenen Ellipsen der Planetenbahnen und künstlichen Satelliten auch den Ellipsen der Stephensonschen Erzählweise, im Orbit des Romans nähern und entfernen sich die Handlungsraketen immer mal wieder von ihrem Zentrum, verlieren scheinbar den Fokus, geraten ins Trudeln, um dann doch glücklich - auch überraschend - immer wieder dort anzudocken, wo das letzte Überleben möglich ist. Dabei ist es nicht so, dass sich die Schicksalsgesandten der Erde untereinander durchweg grün wären.

So will, nachdem der Hagel eingesetzt hat, ein letztes Raumschiff an der ISS andocken - allein, dieses Schiff war für die Rettung nicht vorgesehen. Es erfordert komplizierte Steuerungsmanöver, die Kapsel einzufangen. An Bord dieser letzten Fähre befindet sich dann die US-Präsidentin, eine machtversessene Frau, hier im All ist sie aber ohne Einfluss und Apparat - und ohne menschheitsdienliche Fähigkeiten: Sie ist für das Projekt Zukunft völlig unnütz. Unterkühlt wird sie denn auch von der ISS-Kommandantin Ivy empfangen: "Sie sind illegal hier oben. Sie haben gegen alle Bestimmungen verstoßen und trotzdem einen Weg gefunden, sich hier heraufbefördern zu lassen, und so wie es aussieht, haben bis dahin jede Menge Schweinereien stattgefunden. Sie haben das Leben aller hier oben gefährdet und Izzy gezwungen, wertvollen Treibstoff zu verbrauchen. Wir haben ein hohes Risiko in Kauf genommen, um das Durcheinander in Ordnung zu bringen, das Sie durch ihre feige und ehrlose Tat hervorgerufen haben. Aus diesen Gründen befehle ich Ihnen kraft meiner Autorität als Kommandantin dieses Raumfahrzeugs zu schweigen." Klar ist: Die beiden Frauen werden keine besten Freundinnen mehr. Und klar ist auch, dass die Ex-Präsidentin keine Ruhe geben wird. Tatsächlich wird sie eine grausame Rebellion anzetteln.

Der Autor Neal Stephenson hat schon in seinem Roman "Snow Crash" (1991) den Cyberspace erkundet, die Dechiffrierung der deutschen Enigma-Maschine im Zweiten Weltkrieg ist Gegenstand von "Cryptonomicon" (1999), Nanotechnologie, künstliche Intelligenz, und Robotik bestimmen "Diamond Age" (1995), den Barock des Isaac Newton und die Entstehung von Wissensgesellschaften malt er in der "Quicksilver"-Trilogie (2004) plastisch aus.

Doch geht sein Faible für Naturwissenschaft und Technik mit einem tiefen Interesse an Geschichte und Anthropologie einher. So stellt er nicht nur die Frage, wie Menschen etwas tun, sondern auch, warum sie überhaupt etwas tun in einer Welt, die sich ihnen und ihren Ambitionen gegenüber indifferent verhält, gleichgültig gegenüber Hoffnung und Moral, gegenüber Gerechtigkeit, Liebe und Freundschaft. Wenn der gottlos leere Himmel lediglich den kalten Gesetzen der Astrophysik folgt, so fragt Stephenson also, wie und warum nehmen die Menschen dann trotzdem den Kampf ums nackte Überleben auf sich und sogar den Krieg aller gegen alle? Die Antwort findet sich am Ende von "Amalthea": Die Menschen wissen gar nichts, sie glauben nur. Sie wollen leben und sicher wissen, dass ihre Nachkommen leben werden.

Sieben Stämme finden schließlich zurück auf die Erde. Doch sie ist keine Heimat, keine Rettung, keine Zuflucht mehr. Ein Planet. Mehr nicht.

Neal Stephenson: Amalthea. Roman. Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl. Manhattan Verlag, München 2015. 1056 Seiten, 29,99 Euro. E-Book 23,99 Euro.

© SZ vom 13.04.2016

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