Amerikanische Literatur Ehebetten, Kindersärge

Hat der kluge Erzähler seine Frau und seine Kinder umgebracht? Jason Schwartz nimmt mit seinem Roman "Johann, der Posthume" die Leser in die Mangel.

Von Vincent Sauer

Posthumus ist eine heute nicht mehr gebräuchliche Bezeichnung für einen Sohn, dessen Vater vor der Geburt gestorben ist. Ein historisches Beispiel ist Johann I. aus dem Geschlecht der Kapetinger. Er kam im November 1316 als einziger Sohn des schon im Juli verstorbenen Ludwig X. auf die Welt. Er war damit König von Frankreich - vier Tage lang, dann kam der Säugling, man weiß bis heute nicht wie, ums Leben. Der Schriftsteller Jason Schwartz, ein Schüler des berühmten Lektors Gordon Lish, der Raymond Carvers Kein-Wort-Zuviel-Kurzgeschichten sehr entscheidend prägte, hat sein zweites, bis dato letztes Buch nach diesem König kürzester Dauer benannt: "Johann der Posthume".

Aber Johann selbst ist nur eine beiläufige Notiz, eine wissenswerte Skurrilität für den Erzähler dieses Texts, der kein Roman ist, sondern eine lange Reihe bilderreicher, verdichteter Sätze, hinter denen sich Geschichten nur abzeichnen. Wir haben als Leser wenig Anhaltspunkte, wem wir hier folgen. Der Erzähler aber weiß genau, dass wir ihm folgen. Er wendet sich an uns, fragt, wie wir uns etwas vorstellen; entschuldigt sich dafür, etwas vergessen zu haben. Sein Stil wirkt aus der Zeit gefallen wie bei einem bemühten Dozenten. In seine Sätze baut er lange Einschübe, nutzt alte Redensarten, verwendet unterschiedliche Fachsprachen.

Der Text beginnt mit der Beschreibung einer Familie. Der Erzähler gibt alles Mögliche über sie wieder. Aufs Detail kennt er Situationen aus ihren Leben. Woher er das weiß, erfahren wir nicht. Was er sagt, klingt einmal nach der Beschreibung einer Fotografie, dann scheint er bei dieser Familie gerade zu Hause zu sein und sie aus nächster Nähe zu beobachten. Aber immer wirkt es so, als ob die Sprache das, wovon sie spricht, hinter eine Vitrine setzt. Der Satz "Die Großmutter väterlicherseits weint im Grün" steht allein zwischen einer Auskunft über eine Unterschrift und der Angabe des Wohnorts der Schwester dieser Frau. Alles wirkt wie tot. Und für den Erzähler gibt es immer etwas neues interessantes Totes. Unbeeindruckt vom ersten Gegenstand seiner Aufmerksamkeit, setzt er mit verschiedenen Übersetzungen von Bibelstellen fort: "Es ist besser zu heiraten, als zu verbrennen" oder "Es ist besser zu heiraten, als verbrannt zu werden".

Danach geht es um Strafen für Ehebruch. Man fürchtet, mit der Heiligen Schrift will er auf etwas hinaus, denn nebenbei werden eine Ehefrau und Töchter erwähnt. Die Ehefrau scheint den Erzähler betrogen zu haben, aber er verrät uns nichts Genaueres hierüber, sondern erläutert alte morbide Kinderspiele mit Tiernamen oder die Raumaufteilung von Häusern in Kolonialarchitektur in Bethlehem, Pennsylvania. Der Erzähler referiert aus einem absurden Register Verstorbener, das neben den Namen besondere Besitzgegenstände und typische Sprüche der Toten listet. Der Eindruck verdichtet sich, hier jemandem zuzuhören, der mit Lebendigem wenig anfangen kann. Er kommt ausführlich auf die Bauweise von (Ehe-)Betten und (Kinder-)Särgen zu sprechen. Abstruse etymologische Verwandtschaften werden alleweil behauptet, die nur eint, dass sie nichts Gutes verheißen: "Häuten" etwa hatte ihm zufolge einstmals "betten" bedeutet. Die Wörter "Hahnrei" und "gehörnt" tauchen immer wieder im Gewand von Fachjargon aus Pflanzen- oder Insektenkunde auf.

Im letzten Kapitel "Adulterium" werden die Leser - die immer allein mit ihm, ein "Du" sind - angeleitet, fachgerecht ein Herz auszuschneiden. Es wird ihnen erklärt, wie man den Mund einer Leiche vernäht. Da bleibt kaum eine andere Interpretation: Dieser Erzähler hat seine Frau, weil sie ihn betrog, umgebracht und seine Töchter vermutlich gleich mit. Er entlässt uns mit den Worten: "Zeig dich am Fenster - wie sie es tat - und verschwinde jetzt aus der Ansicht."

"Johann der Posthume" verstört. Aber die Angst wird nicht durch die Darstellung schrecklicher Gestalten oder Schockeffekte erzeugt, sondern durch die Tätigkeit des Lesens selbst, das uns zwingt, den Text des Erzählers mit eigener, innerer Stimme vorzutragen. Er nimmt uns so in eine beunruhigende Komplizenschaft, denn wir haben an etwas teil, lassen etwas mitentstehen, wogegen wir nichts einwenden, nichts tun können.

Dieser Mann weiß, dass wir da sind, aber nichts an seinem Text ändern werden, sondern mitspielen müssen. Und so folgen wir dem Familienmörder in seinen Ausführungen, lesen die Fährten, deuten etwas als Tatbeweis, ahnen pausenlos, aber bekommen weder ein Geständnis zu lesen noch springt die Erzählung auf eine andere Ebene und verschafft uns Klarheit über diesen Mann. Der Leser ist in der Mangel, wird zum Mitwisser.

Der Wust an Religions-, Architektur-, Sprachgeschichte ist blätterige Fassade, die kunstvolle Sprache ein Verschweigen. Es lohnt, sich darauf einzulassen, denn "Johann der Posthume" ist ein einzigartiges Werk, das derzeit virulente Begriffe wie Immersion, künstlerische Wissensvermittlung oder Erzählbarkeit auf eigenwillige Weise infrage stellt - und zwar durch Mittel, über die nur die Literatur verfügt.

Jason Schwartz: Johann der Posthume. Aus dem Englischen von Andreas L. Hofbauer. Diaphanes Verlag, Berlin 2019. 120 Seiten, 10 Euro.