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Amerikanische Literatur:Die Verstecke des Körpers

Zu Unrecht ist der 1953 in Kalifornien geborenen Autor Dennis Cooper bei uns eher unbekannt. Sein verstörender Roman "Mein loser Faden" zeigt, warum seine Fans ihn bewundern.

Von Moritz Müller-Schwefe

Keiner schreibt auf so seltsame und unerträgliche Weise abgrundtief berührend wie Dennis Cooper. Es ist absurd, dass der 1953 in Pasadena, Kalifornien, geborene Autor in Deutschland immer noch fast unbekannt ist. Lediglich sein George-Miles-Romanzyklus, den Cooper nach dem Selbstmord seines langjährigen Liebhabers George Miles schrieb, wurde ins Deutsche übersetzt. Die fünf Bände sind inzwischen längst vergriffen. Vor zwei Jahren war auch hierzulande wieder mal von Cooper zu lesen. Denn als Google seinen viel beachteten, inzwischen wiederhergestellten Blog DC's ohne Angabe von Gründen löschte, meldeten sich Cooperfans weltweit zu Wort. In der taz warnte Clemens Setz vor der Beschneidung der Kunstfreiheit durch einige wenige, aber umso mächtigere Unternehmen und fügte hinzu: "Wenn ich mir eines wünschen dürfte, dann wäre es, in der Literatur so furchtlos, so eisklar und beseelt zu sein wie Dennis Cooper."

Schön, dass der Wiener Luftschacht-Verlag nun vier Romane Coopers zum ersten Mal auf Deutsch herausbringt. Zuerst erschien "God Jr.", die eigenartig brillante Geschichte eines Vaters, der am Tod des eigenen Sohnes schuld ist und nicht weiß, wie er um ihn trauern soll, bis er sich in einem Videospiel auf seine Spuren begibt. Über den zweiten Roman "Mein loser Faden", ebenfalls von Raimund Varga übersetzt, sagte der Autor in einem Interview kurz nach Erscheinen des Romans in den USA 2002: "There's no bullshit, there's no art, and there's no tricks." Für ihn sei der Roman vor allem "Dokumentation".

Dokumentiert wird von einem Icherzähler, nonstop und schonungslos. Larry geht auf eine Highschool, die vermutlich in Los Angeles steht, aber überall in Nordamerika verortet werden könnte. Die Schule ist dem Teenager ziemlich egal, Larry ist kein Eliteschüler, er kommt aus schwierigen familiären Verhältnissen. Der Vater hat Krebs, die Mutter trinkt, und Larry ist verwirrt. Was nicht so sehr an seinen Eltern liegt, sondern eher daran, dass er sich die Schuld am Tod seines besten Freundes Rand gibt. Der eigentliche Grund für Larrys Verwirrung und die möglicherweise tödlichen Schläge, die er Rand verpasst hat, aber liegt in dem, womit der ihn kurz vor seinem Tod konfrontierte. Er wusste vom inzestuösen Verhältnis Larrys zu seinem kleinen Bruder Jim.

Was Larry auf den folgenden etwa hundert Seiten aufzeichnet, ist eine unheilvolle Mischung aus Lügen, Wut, drastischer Sexualität und bodenloser Verzweiflung. "Worte", denkt er zu Beginn, "waren mein Ding, bis Rand gestorben ist und ich festgestellt habe, dass sie zu simpel sind." Seitdem lässt Larry Taten sprechen, und zwar vor allem, um seine Homosexualität zu verbergen. Mit seinem Freund Pete nimmt er den Mordauftrag des Anführers der "Highschool-Nazichic-Gruppe" an, der um jeden Preis an das Notizbuch eines Mitschülers kommen will, weil er darin Aufzeichnungen über seine Affäre mit dem Verfasser wähnt. Keiner spielt mit offenen Karten, keiner kann sich outen. Weder Larry noch seine Freunde und erst recht nicht Gilman, der Nazi-Cliquen-Anführer, der sich mit Auftragsmorden, Gewalt und seiner Verehrung der Columbine-Attentäter von seiner Innenwelt ablenkt.

Coopers Figuren sind gefangen in ihrer stummen Einsamkeit. Worte werden mit Psychopharmaka und Alkohol runtergeschluckt. Gefühle kommen nicht zur Sprache. Entsprechend schwierig ist es, sich durch das Geflecht aus halbwahren Stories zu schlagen. Auch weil sich Larry als unsicherer Erzähler entpuppt - und überhaupt, weil sich der Magen des Lesenden immer wieder auf Tablettengröße zusammenkrampft. Die lässig-trocken beschriebene sexuelle und körperliche Gewalt ist heftig. Wieder und wieder stößt Cooper seine Leser an die Grenze des Ertragbaren - doch nur, um sie im nächsten Moment zu Tränen zu rühren. Etwa, wenn er Larry ausgerechnet mit der Tochter seines Therapeuten endlich einmal offen reden lässt. Wenn er beschreibt, wie Larry versucht, mithilfe obskurer Geisterjäger Kontakt mit dem toten Freund Rand aufzunehmen.

Vor allem aber, wenn er seinen Protagonisten Sätze denken lässt, in denen die ganze Misere dieser Gefühlswelt für einen kurzen Moment "eisklar" aufscheint: "Ich will ihn so fest schlagen, dass er stirbt. Ich halte es nicht aus, mir zu wünschen, dass er mich auf diese Weise liebt und ich wünschte, er würde sich endgültig umbringen. Es ist so verwirrend. Ich glaube, ich werde ihn umbringen, wenn er mich nicht mehr liebt. Ich kann es nicht fassen. Ich werde ihm sagen, dass ich ihn so oder so liebe, dann uns beide umbringen, wenn er es nicht tut. Ich verstehe es nicht. Es ist mir egal, ob er mein Bruder ist."

Dass Worte nicht simpel sind, sondern beängstigend kraftvoll, wenn man mit ihnen umzugehen weiß, zeigt dieser Roman, der draufhält, nie nachlässt und dokumentiert, was immer noch allzu oft alltäglich ist: Körper und Sexualität als Sphären der Gewalt und Unterdrückung. "Mein loser Faden" ist eine offene Wunde, die brennt und an die man trotzdem ständig fassen muss.

Dennis Cooper: Mein loser Faden. Roman. Aus dem Englischen von Raimund Varga. Luftschacht Verlag, Wien 2018. 152 Seiten, 18 Euro

© SZ vom 07.03.2019
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