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Amerikanische Literatur:Schlimmer als das Zerbrechen der Ehe ist das Ausharren in ihr

"Licht und Zorn" schildert die kleinen, aber nicht minder dramatischen Abgründe im Alltag. Wie Lotto nach 18 Jahren Ehe der Ausdruck "meine Frau" eher in den Sinn kommt als ihr Name Mathilde und wie sich beide im grausamen mittleren Alter des Lebens voneinander entfernen: "Seit einiger Zeit blieb er nach dem Weckerklingeln einfach liegen und wartete, bis Mathilde zum Joggen aufgebrochen war oder zu ihrem Yogakurs oder einer ihrer ausgedehnten Radtouren, damit er sich noch einmal umdrehen und weiterschlafen konnte." Es geht nicht um das Zerbrechen dieser Ehe, sondern um das Ausharren in ihr.

Doch dann stülpt sich die Geschichte "wie ein Vampirtintenfisch" einmal komplett um. Das Heimliche in Mathilde wird zum Unheimlichen. Es offenbart sich, was die Erzählstimme "das Paradox der Ehe" nennt: "Man kennt jemanden nie ganz und kennt ihn doch in- und auswendig." Hier, in der Mitte des Romans glüht ein Punkt, auf den alles zuläuft und von dem aus es sich wieder ausbreitet: Denn im Alter von 46 Jahren endet für Mathilde ihr Leben mit Lotto. Danach ist nichts mehr wie es vorher war: "Die nackte Mathilde ignorierte die Türklingel, wachte auf der falschen Bettseite auf und suchte dort nach Wärme, die nicht mehr da war, ließ das Essen auf der Veranda vergammeln, ließ die Blumen auf der Veranda vergammeln, sah den Hund mitten in die Küche pinkeln und briet dem Tier ein Rührei, als kein Trockenfutter mehr da war, dann gab sie ihm das letzte Gemüse-Chili, das Lotto gekocht hatte, und sah zu, wie sich der Hund den Po leckte, der von den Gewürzen brannte."

In der zweiten Hälfte des Romans wird die Wahrheit der ersten infrage gestellt

In Mathilde brennt kein Licht, sondern Rache - nicht an ihrem Mann, sondern an denen, die schuld sind, dass er sie für immer verlassen hat. Die Geschichte "von der Frau, die einen anderen braucht, der ihren Schaltkreis schließt und sie in ihrem hellsten Licht erstrahlen lässt", erzählt Groff nur zum Schein. Die zweite Hälfte des Romans nämlich bietet sich als Dekonstruktion der ersten an. Beide Teile schieben sich wie Lamellen ineinander und ergeben zusammen ein Gemälde in Chiaroscuro.

Groffs Erzählstimme, die in der ersten Hälfte in ihrer ungestümen Metaphorik stellenweise unglaubwürdig war - wobei sie zu gut erzählt, als dass man denken könnte, diese Fehler seien ihr einfach unterlaufen -, schildert im zweiten Teil vielschichtig, wie die Trauer in Mathilde wütet. Wie in ihrer Kindheit wird ihre Einsamkeit so groß, "dass sie die Gestalt des oberen Flurs annahm, dunkel und voller verschlossener Türen".

"Licht und Zorn" erzählt also viel mehr als die Geschichte einer Ehe aus zwei Blickwinkeln. Der Roman erzählt zwei komplett andere Geschichten. Denn die Ehe besteht am Ende nicht darin, dass zwei Menschen sich unterschiedlich an das gleiche Leben erinnern, sondern dass sie sich an unterschiedliche Leben erinnern.

Lauren Groff: Licht und Zorn. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Verlag Hanser Berlin, München 2016. 432 Seiten, 24 Euro. E-Book 17,99 Euro.