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American Gothic:Versinken im Morast

Game of Thrones Lord Ned Stark

Auch hier geht's am Ende um Transzendenz: Lord Eddard "Ned" Stark (Sean Bean) in der Serie "Game of Thrones".

(Foto: HBO)

Was die Heavy-Metal-Band "Mastodon" mit gotischer Architektur und der Fernsehserie "Game of Thrones" verbindet? In den USA greift American Gothic um sich - das umfasst alles, was nicht der Wilde Westen ist.

Der an der University of Iowa lehrende Kunsthistoriker Robert Bork hat vor ein paar Jahren in einem Aufsatz über "Gotische Architektur, Geometrie und die Ästhetik der Transzendenz" ein paar bemerkenswerte Gedanken zu Dinosauriern und Heavy Metal geäußert. Der Umstand, dass Bork als Kind Saurier mochte und als Jugendlicher gleichermaßen von der Kathedrale in Reims fasziniert war wie von Bands mit wuchtigen Gitarren, führte ihn zu der Frage nach der inneren Verwandtschaft dieser ästhetischen Präferenzen, und die Antwort beginnt schon mit den Ähnlichkeiten in der Rezeption.

Das Urteil der italienischen Renaissance über den vermeintlich barbarischen Baustil aus dem Norden korrespondiert hier einerseits mit dem alten Verdikt, die Saurier seien schon aufgrund ihrer Primitivität nicht modernisierungsfähig gewesen, andererseits mit der immer noch oft zu hörenden Ansicht, dass Metal ein Druckablassventil für bierbäuchige Kindsköpfe sei, keinesfalls aber Musik auf allerhöchstem Niveau.

Mastodonten waren die Mammuts Amerikas - und so massiv klingt auch diese Musik

Dabei zielten Bork zufolge der Metal wie auch der Kathedralenbau auf nicht weniger als Transzendenz - es geht um die Flucht aus dieser Welt, es geht hinein in die Dimensionen von Himmel und Hölle. Die Mittel zu diesem Zweck seien ebenfalls die gleichen: Virtuosität und Komplexität. Virtuosität ist demnach der gemeinsame Nenner, der ein Gitarrensolo von K. K. Downing mit der Turmspitze des Straßburger Münsters verbindet; Überdehnung und Verzerrung sind Dinge, die sich mit den Maßstäben von Kirchenräumen genauso veranstalten lassen wie mit dem Klang von elektrischen Gitarren.

Die alte Diskussion darüber, ob das Bonmot von der Architektur als gefrorener Musik - und von der Musik als geschmolzener Architektur - nur ein "keckes Witzwort" ist, wie Schopenhauer meinte, oder tatsächlich strukturelle Verwandtschaften entbirgt, ist damit wieder einmal eröffnet. Und sie geht einem doch gehörig im Kopf herum, wenn man jetzt "Once More Round The Sun" in den Händen hält, das neue Album von Mastodon.

Mastodonten waren die amerikanische Variante der Mammuts, sie sind vor 9000 bis 12 000 Jahren ausgestorben - keine Saurier, aber doch ziemlich dicht dran. Der Transzendenz-Effekt des Prähistorischen, des zeitlich Inkommensurablen, ist mindestens so stark wie der des Blasphemietricks, mit dem Bandnamen wie Judas Priest oder Black Sabbath operieren. Der Name Mastodon vermittelt außerdem recht gut, wie die Musik der Band klingt: schwer, massiv und festfleischig.

Die vier Männer aus Atlanta in Georgia, alle jetzt um die vierzig, sind vom amerikanischen Metal-Altadel aus Metallica und Slayer schon vor Jahren als einzig würdige Thronerben ausgerufen worden, wobei die Frage ist, ob Heavy Metal nicht ein viel zu kleiner Begriff ist für das, was diese Band tut. Freunde des Prog Rock von King Crimson sind inzwischen genauso gut bei Mastodon-Konzerten aufgehoben wie sogar Jünger von Karl-Heinz Stockhausen: Schütteln des Haupthaars oder gar Tanz sind da schon aus purer Angst, etwas zu verpassen - eine Rhythmuseskapade, eine Harmonie-Attacke, einen Übergang von Wolfsgeheul zu quasigregorianischem Satzgesang - gar kein Thema; es sind ehrfürchtige Andachten im Geräusch, Bestuhlung wäre angemessen.