Amazon-Buchhandlungen:Das Könnte-Ihnen-auch-gefallen-Prinzip

Das ist keine bahnbrechende Idee, sie ist vor allem ökonomisch rätselhaft, weil dadurch bei einer Verkaufsfläche von 700 Quadratmetern nur Platz für etwa 6000 Bücher ist, etwa ein Drittel von dem, was ähnlich große Buchhandlungen sonst bieten. Die Anordnung passt allerdings zum Könnte-Ihnen-auch-gefallen-Prinzip des Unternehmens, durch das der unübersehbare Literatur-Kosmos für den Leser auf wenige Spitzentitel reduziert wird. Diese im Internet so erfolgreiche und für den stationären Handel so fatale Strategie wird hier übernommen. Es gibt kaum verborgene Schätze zu entdecken und auch kein Lager, aus dem überraschend Bücher hervorgekramt werden. Was der Kunde hier sieht, ist alles, was er bekommt.

Dazu passt, dass zu jedem Buch die Kurzrezension eines Amazon-Kunden und die Anzahl der von den Amazon-Lesern vergebenen Sterne am Regal aufgehängt ist. In diesem Laden ist kein Buch zu finden, das weniger als 100 Bewertungen hat und mit weniger als 4,5 Sternen ausgezeichnet ist. Etwas wirklich Unbekanntes oder Überraschendes findet der Besucher deshalb nicht - er ist höchstens hin und wieder verblüfft darüber, welche Bücher tatsächlich derart positiv bewertet werden.

Ist Amazon ein Monster? Oder die Rettung?

Dieser Laden, das wird einem bereits nach wenigen Minuten klar, steht symbolisch für die Debatte, die gerade geführt wird: Ist Amazon ein monströser Konzern, der mit seiner Strategie großen Schaden in der Literatur anrichtet? Ist das nun mal die neue Welt, in der Musik und Filme immer öfter gestreamt werden - und weswegen jene Läden, die von den Menschen einfach nicht mehr frequentiert werden, wirtschaftlich kaum noch Sinn machen? Oder ist Amazon die Rettung, weil es auf der Internetseite alle Titel gibt - also auch jene kleinen und abseitigen Bücher, die in stationären Buchhandlungen wegen der mangelnden Verkaufsaussichten nicht mehr geführt werden?

Der Laden in Seattle liefert eine mögliche Antwort: Ja, alle Bücher der Welt sind lieferbar oder als E-Books downloadbar, doch hier gibt es eben nur jene 6000 Bücher, die Amazon für verkaufenswert erachtet. Das soll alles sein, was der Leser heutzutage braucht.

The Amazon e-trader's new logistics center

Bisher beschickte Amazon die Welt aus gigantischen, automatisierten Logistikzentren wie diesem im polnischen Sady.

(Foto: Jakub Kaczmarczyk/dpa)

"Das ist mein Buch für Sie", sagt Andrea und drückt einem einen 400-Seiten-Wälzer mit eingelegten Blättern und Kritzeleien auf den Seiten in die Hand: "Es ist ein Buch im Buch, eine Mischung aus Mystery-Rätsel und Liebesgeschichte." Sein Titel: "S." Okay, Andrea, das war einfach. J. J. Abrams, der Erfinder von "Lost" und Regisseur des letzten "Star Wars"-Films, hat sich dieses Buch ausgedacht, der Stil seines Co-Autors Doug Dorst erinnert ein wenig an Palahniuk.

Dies stellt der Besucher auf der Bank vor der riesigen Fensterwand fest, er könnte auch in einem der Sessel in der Mitte des Ladens fläzen und auf einem Kindle lesen. Fehlen eigentlich nur Kamin und Kaffee. Wer den Preis für ein Buch erfahren will, der muss es unter einen der Scanner halten - das Unternehmen garantiert, im Store genauso viel zu verlangen wie im Internet und sorgt dadurch für teils gewaltige Rabatte.

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