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Amatrice:Schwankender Grund

Amatrice - Zona Rossa, Pressebild Enrico Fontolan/Bibliotheca Hertziana

Ein Schotterfeld: die Überreste von Amatrice.

(Foto: Enrico Fontolan/Bibliotheca Hert)

2016 verwandelte eine Serie von Erdbeben die italienische Stadt Amatrice in ein Schotterfeld. Jetzt erkundet eine Ausstellung in Rom, wie es mit ihr weitergehen kann. Klar ist nur: Einen Wiederaufbau an gleicher Stelle wird es nicht geben.

Von Thomas Steinfeld

Im Spätsommer 2016 wurde die Stadt Amatrice, hoch in den Abruzzen gelegen, in einer Serie von Erdbeben zerstört, wobei fast dreihundert Menschen den Tod fanden. Von der kleinen, mittelalterlichen Altstadt, die bis dahin die größte Attraktion eines Feriengebiets gewesen war, blieben nur Schutthaufen übrig. In der allgemeinen Bestürzung, die auf die Katastrophe folgte, kehrten zwei Formeln immer wieder, unter Politikern wie unter Intellektuellen. Die eine war ein Versprechen und lautete: "com'era sarà" - "so wie es war, wird es sein". Die andere wurde die Rede vom gebrochenen oder verletzten "Rückgrat" Italiens. Letztere war für Nichtitaliener nicht leicht verständlich, handelte sich bei den betroffenen Regionen doch um abgelegene Berglandschaften, die schon immer dünn besiedelt waren und nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest von großen Teilen der Bevölkerung verlassen wurden. Indessen besitzt diese Gegend, historisch wie spirituell betrachtet, eine große Bedeutung für Italien: Hierhin gingen die Mönche, als sie mit der Christianisierung des gesamten Landes begannen, und in fast jedem Dorf, in fast jeder Kirche gibt es noch heute ein Heiligtum, das die Bevölkerung an diesen Ort bindet, auch wenn diese längst nach Rom übergesiedelt sein sollte.

Die Bibliotheca Hertziana, das Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom, hat nun eine Ausstellung ins Netz gestellt (unter galerie.biblhertz.it), in der nach knapp vier Jahren eine Bestandsaufnahme unternommen wird: Was war Amatrice? Und was wird von Amatrice bleiben? Im Mittelpunkt dieser Ausstellung befinden sich sechzig Fotografien aus dem Herbst vergangenen Jahres, denen man keinen Text hinzufügen müsste, um zumindest die zweite Frage zu beantworten: Amatrice ist eine leere Fläche, aus der zwar noch zwei (fest eingerüstete) Türme hervorragen mögen, die aber ansonsten keine Zukunft hat. Weil die Ausstellung aber historische Fotografien der Stadt zeigt, insbesondere zu ihren Kunstwerken, und weil sie darüber hinaus die Frage nach dem zukünftigen Umgang mit den kunsthistorisch bedeutsamen Trümmern stellt, verknüpft sich diese bittere Feststellung mit Anliegen, wie sie nur von einer medial aufgerüsteten Kunstgeschichte bewältigt werden können: Die bildliche und intellektuelle Rekonstruktion der Stadt vom einen Ende (dem Kloster der Augustiner) bis zum anderen (dem Kloster der Franziskaner) ist die Voraussetzung für einen angemessenen denkmalgeschichtlichen Umgang mit ihren Fragmenten. Letztlich fällt so der Fotografie die Aufgabe zu, die Stadt für die Nachwelt zu konservieren.

Weil die Kuratoren der Ausstellung ihrer Bestandsaufnahme zu Amatrice kleinere Dokumentationen zu vergangenen Erdbeben in Italien hinzufügen - Messina 1908, Marsica 1915, Friaul 1976, Assisi 1997 -, entsteht so zugleich wenn nicht eine Kultur- und Kunstgeschichte der seismischen Erschütterungen, so doch zumindest ein Anfang zu einem solchen Unternehmen. Auch von anderer Seite gibt es Untersuchungen, die in eine solche Richtung weisen, so etwa in Gestalt vom Marco Armieros Forschungen zur Bedeutung der Berglandschaften für das italienische Nationalbewusstsein: Der nicht nur unfruchtbare, sondern auch schwankende Grund, auf dem mehr als die Hälfte aller Italiener leben, mag auf ganz andere Weise in Gesellschaftsformen und Kultur eingegangen sein, als man sich das gemeinhin vorstellt: als Merkmal regionaler und familiärer Bindungen zum Beispiel, oder in der Bereitschaft zu Improvisationen und vorläufigen Lösungen. Deshalb wird Amatrice, auch wenn die Stadt jetzt nur noch ein Schotterfeld darstellt, nicht verschwinden, sondern, vielleicht an einem verschobenen Ort, vielleicht unter verschobenen Bedingungen, eine Fortsetzung finden.

© SZ vom 12.06.2020
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