Süddeutsche Zeitung

Am Set von "Thor":Wenn der Hammer fällt

Lesezeit: 6 min

Comics, Shakespeare und ein Donnergott: Wie Kenneth Branagh mit Natalie Portman und Anthony Hopkins in der Wüste New Mexicos "Thor" dreht. Ein Besuch am Set einer riskanten Comicverfilmung.

Roland Huschke

Eine Stunde dauert die Fahrt aus dem Künstlerstädtchen Santa Fe durch menschenleeres Gebiet, bevor am Horizont eine Stadt erscheint. Wie ein strahlendes Fort ragt sie aus der flachen Wüste, die Sandstürme und die Sonne New Mexicos haben den frisch gestrichenen Fassaden noch nichts anhaben können. Sonst gibt es meilenweit nichts als einsame Kakteen, Kadaver - und jede Menge Security-Sheriffs, die das Territorium gegen ungebetene Besucher verteidigen.

Ein Ranchgelände in Privatbesitz, das gern von Hollywood gemietet wird, seitdem lokale Steuersparmodelle die Produzenten anlocken. In der Vergangenheit ritten hier schon die Cowboys von Silverado, auch der Todeszug nach Yuma machte Station. Jetzt aber wurde rund um eine stillgelegte Eisenbahntrasse die fiktive Stadt Puente Antiguo errichtet. Wie in einem Gemälde von Edward Hopper erstrecken sich robuste Holzhäuser in Pastellfarben entlang der Hauptstraße. Das Diner wirbt mit "Fresh Milkshakes!" , durchs Fenster eines Frisiersalons blickt man auf Trockenhauben, jedes Detail wirkt wie aus den Fifties oder einem Americana-Museum.

Wäre dies ein Suchbild mit versteckten Fehlern, landete man angesichts des prächtigen Panoramas jedoch rasch bei zwei Männern, die gerade hinter der Kamera verschwörerisch die Köpfe zusammenstecken. Der eine ein graumelierter, distinguierter Brite im gebügelten Oberhemd, der die blasse Gesichtshaut mit breitkrempigem Strohhut und Pilotenbrille schützt. Neben ihm ein blonder Koloss mit feuerrotem Cape, dessen Muskeln fast den gepanzerten Brustschutz sprengen: Kenneth Branagh dreht Thor.

Der große Shakespeare-Regisseur und der gefürchtete nordische Donnergott, zusammen in Smalltown-Amerika: Thor ist das neueste 150-Millionen-Dollarprojekt aus dem Hause Marvel, das im April in die Kinos kommen wird. Eine der ungewöhnlichsten, vielleicht aber auch riskantesten Comicverfilmungen, die Hollywood in letzter Zeit unternommen hat. Hier wird mit Schauwerten und Effekten geklotzt, das machen schon die Kulissen klar. Die Bilder müssen teuer aussehen, aber sie müssen auch teuer sein. Nur so wahren die globalen Entertainment-Giganten ihren Vorsprung vor der Konkurrenz der lokalen Kinomärkte. Auch wenn Til Schweiger als Kuschelkomödiant Millionen anlockt - solcher Aufwand bleibt für deutsche Produktionen unerreichbar.

Was aber allein noch nichts hilft. Denn die Maschinerie läuft schnell ins Leere, wenn die Formeln allzu starr werden. Deshalb müssen Wagnisse her, kreative Kurzschlüsse, immer neue Köpfe. Da kommt ein Mann wie Kenneth Branagh, bisher Welten entfernt von jeder Comic-Kultur, gerade recht. Und anders als der junge Thor, der aus dem mythischen Königreich Asgard an diesen unwahrscheinlichen Ort verbannt wird, ist Branagh sogar freiwillig hier - er hat die Kleinstadt nach seinen Wünschen errichten lassen.

"In unserer Story", erklärt er, während sich die Stimme vor Erzählfreude überschlägt und die Arme durch die Luft sausen, "fällt Thor auf die Erde und muss lernen, die Menschen zu begreifen und mit ihnen zu koexistieren. Anfangs war Manhattan als Schauplatz vorgesehen, doch die Anonymität einer Metropole schien mir ungeeignet, um intime Verbindungen zwischen Besucher und Bewohnern aufzubauen."

Techniker, Beleuchter und Kamerateam bereiten gerade eine Massenszene vor. Die Bewohner der Kleinstadt müssen in den nächsten Takes fliehen, weil dann ein (bisher noch unsichtbarer) Roboter sein Unwesen treibt und eine Panik auslöst. Natalie Portman, der weibliche Star des Films, und der australische Thor-Darsteller Chris Hemsworth, der als Zwilling von Brad Pitt in Troja durchgehen könnte, bereiten sich derweil auf eine intimere Szene vor, die nebenan gedreht werden soll - "ein hartes Stück echter Schauspielarbeit", wie Branagh ankündigt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wem das Casting missfiel.

Man spürt das Bewusstsein, dass der Film, der hier entsteht, nicht unbedingt ein Selbstläufer werden dürfte. Schon die archaische Figur des Thor, mit wallender Mähne, Wikingerhelm und klobigem Hammer als Waffe, zählt im Superhelden-Universum eher zu den Exzentrikern.

"Uns war immer bewusst", sagt Marvel-Chef Kevin Feige, "dass wir auf einem schmalen Grat wandeln und das Ganze leicht lächerlich aussehen kann." Um dies zu verhindern, wurde Branagh eingekauft. "Keine Frage", gibt etwa Natalie Portman zu, die anders als in Black Swan wie das blühende Leben strahlt und den Thor-Job im Vergleich für Urlaub hält, "ich wäre nicht hier ohne Ken, weil ich mir nicht entgehen lassen wollte, was so ein Regisseur aus so einem kommerziellen Stoff macht."

Tatsächlich galt es in der Filmbranche als beträchtliche Überraschung, dass Marvel den Nordiren verpflichtete, der zuletzt noch Harold Pinter adaptierte oder im Fernsehen als Kommissar Wallander zu sehen war. Er selbst habe nicht damit gerechnet, sagt Branagh, noch einmal einen aufwendigen Studiofilm zu übernehmen, nachdem er letztmals Mitte der Neunziger bei Mary Shelleys Frankenstein in vergleichbarem Rahmen inszenierte.

Aus reiner Neugier sei er der Einladung gefolgt, unverbindlich über einen Thor-Film zu plaudern. Was niemand außer ihm wusste: Schon als Kind hatte Branagh die Comics mit dem blonden Hünen verschlungen. Auch jetzt referiert er so kenntnisreich über "psychedelische und gotische Versionen" in der Entwicklung der Figur und über Thors kuriosen Sprachrhythmus als "Kreuzung zwischen Shakespeare-Englisch und Bibelsprache", dass er als Autor eines Comicfanzines in Frage käme.

An Material mangelte es nicht. In seiner gezeichneten Inkarnation erblickte der Halbgott mit dem Hammer erstmals im August 1962 das Licht der Welt, geschöpft von den Marvel-Pionieren Stan Lee und Jack Kirby. In der nordischen Mythologie jedoch reichen die Wurzeln bis ins 7. Jahrhundert zurück.

Die erste direkte Nennung Thors verzeichneten Forscher auf einem in Bayern ausgegrabenen Schmuckstück, das eine Gravur des Namens in germanischer Form trug. Hernach huldigten ihm die Wikinger - die älteste Statue steht im schwedischen Uppsala und entstand im 11. Jahrhundert.

Ablesen lässt sich der Einfluss bis heute am Kalender. Wo im englischen Sprachraum aus Thor der Thursday erwuchs, ist unser Donnerstag dem einstigen Glauben geschuldet, dass sein Hammer Sturm, Blitz und Donner erzeugen kann. Leider kann sich nicht einmal eine Gottheit ihre Bewunderer selbst aussuchen. Als publik wurde, dass einer von Thors Halbbrüdern vom dunkelhäutigen Schauspieler Idris Elba ( The Wire) übernommen wurde, gingen im Netz kurzzeitig amerikanische Rechtsausleger und Thor-Steinar-Träger auf die Barrikaden.

Lesen Sie weiter auf Seite 3, unter welchem Druck Branagh steht.

"Natürlich jagen wir die Mythen und Legenden durch unseren Marvel-o-Meter", sagt Branagh und grinst, "damit am Ende zeitgemäße Popkultur herauskommt. Ansonsten gehe ich diesen Stoff an wie jeden anderen auch - ich nehme ihn extrem ernst. Jeder Clown mit einem Computer ist wahrscheinlich inzwischen in der Lage, tolle Spezialeffekte zu basteln, doch die Dynamik von Figuren kann man unmöglich programmieren."

Immer wieder verweist Branagh, der seine Kinokarriere 1989 mit einer gefeierten Adaption von Heinrich V begann, auf die Parallelen von Thor zu Shakespeare-Stoffen. In Wahrheit, sagt er, drehe er nämlich ein Familiendrama über Machtkämpfe am himmlischen Hofe Asgards, bevor Odin (Anthony Hopkins) als strenger Herrscher seinen Sohn strafe, indem er ihn auf die Erde verbanne.

Am Thor-Set kämpft Branagh hingegen mit Zeit und Logistik. Im Gegensatz zu früheren Begegnungen wirkt der 51-Jährige aufgekratzt wie ein Teenager, wenn er zeitgleich bis zu vier Sequenzen vorbereitet, Komparsenheere dirigiert und tausend Fragen pro Minute zu beantworten hat. "Anfangs habe ich mich ein wenig mit Thor identifiziert, weil er auf die Erde geschleudert wird wie ein Fisch aufs Land, während ich mich erst an die Dimensionen der Produktion zu gewöhnen hatte. Glücklicherweise spüre ich den Stress vor lauter Adrenalin gar nicht mehr. Erst abends im Bett schrecke ich manchmal hoch und frage mich verzweifelt, ob wir auch wirklich alle Motive optimal eingefangen haben, denn ein Film ist nur so gut wie die schwächste Szene."

Dann erzählt Branagh eine Anekdote aus der Steinzeit, als er sich für die Hauptrolle in David Lynchs Dune - Der Wüstenplanet bewarb. Lynch habe dem jungen Nobody damals erzählt, dass Dreharbeiten der frustrierendste Teil des Filmemachens seien, weil im Schneideraum garantiert die Erkenntnis warte, dass man nicht genug Bilder eingefangen habe. "Diese Lektion habe ich nie vergessen. Es ist nicht schwer, sich zusammen mit vielen klugen Leuten in einem Konferenzraum auf einen außergewöhnlichen Film zu einigen. Doch wenn man dann in dieser hinreißenden Kulisse steht und langsam die Sonne untergeht, ist man allein dafür verantwortlich, alles in den Kasten zu bekommen."

Unmöglich zu prognostizieren für den Zaungast, ob Thor am Ende mit der selben Wucht einschlägt wie der junge Donnergott, als er vom Himmel auf die Erde stürzt. Dass sie einen Mann für Theater- und Literaturklassiker statt des üblichen Videoclip-Nachwuchsregisseurs wählten, spricht zumindest für den Willen, nicht nur auf gewohnte Erfolgsformeln zu setzen.

Branagh weiß um diese Hypothek und denkt einstweilen gar nicht daran, sich seiner Sache zu sicher zu sein. "Seit ich diesen Film drehe, klingelt plötzlich dauernd das Telefon mit Anfragen für ganz große Filme. Doch daran, oder gar an eine 'Thor'-Fortsetzung, denke ich keine Sekunde. Die ganzen verdammten Einstellungen hier im Kopf zu behalten, ist schon schwer genug."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1075817
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 23.03.2011
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.