Süddeutsche Zeitung

Am Olympiasee:Sitztanz

An diesem Freitag startet das Sommerfest im Theatron, Münchens schönster Bühne für Rock, Pop und Klassik. Es gibt nicht nur spannende Bands zu entdecken, sondern auch einige behördliche Neuerungen, an die man sich gewöhnen muss

Von Michael Zirnstein

Im Theatron am Olympiasee wurde in diesem Jahr eine neue Kulturdisziplin geboren: das Heavy-Metal-Sitzkonzert - eine Erfindung des neuen "Rockavaria"-Festivals. Dabei tritt zum Beispiel der Kraftprotz Jesse Barnett von den Hardcore-Haudegen Stick to Your Guns an den äußersten Rand des Stegs, der über die für das Publikum gesperrte halbrunde Betonvorbühne führt, und die grimmig dreinblickenden Fans feuern ihn mit zum Himmel gereckten Fäusten an, den Hosenboden brav auf die Steinstufen geparkt. Manche fanden das grotesk, des Rock'n'Rolls unwürdig. Aber es gibt eben auch Fußball und Sitzfußball - je nach Einsatz macht beides Laune. Und voll war das Theatron trotz des Sitz-Befehls auch - am Zugang mussten die Ordner häufig Einlasssuchende wegen Überfüllung weiterschicken.

Falls so die Zukunft für alle Veranstaltungen in dem Seetheater ausgesehen hätte, wäre es das Ende gewesen für die angestammten Gratis-Open-Airs im Olympiapark: das Pfingstfestival und den Musiksommer im Theatron. Auf Drängen der städtischen Behörden und wohl auch angestoßen durch das kommerzielle Riesen-Event "Rockavaria" sollte das Sicherheitskonzept im Olympiapark auf den Stand von 2015 gebracht und schriftlich fixiert werden. Bei einer Ortsbegehung kam die Idee auf, das Theatron sei doch eine Versammlungsstätte und müsse als solche bei Veranstaltungen eingezäunt werden. Was beim kommerziellen "Rockavaria" gar nicht anders ging, weil Tickets kontrolliert werden und Zuschauerströme geleitet werden mussten, hätte das Aus für die kostenlosen Festivals bedeutet. "Die Umzäunung des Geländes wäre nicht realisierbar gewesen", sagt Antonio Seidemann, der zusammen mit Judith Becker den vierwöchigen Theatron-Musiksommer leitet. Wegen der Kosten für Zaun und Kontrolleure hätte man dann einen kleinen Eintritt verlangen müssen. "Das geht gar nicht", sagt Seidemann, "das würde den Charakter zerstören." Basis des Theatrons ist die Freiheit: hinradeln, reinhören und hockenbleiben, wenn's gefällt; wenn nicht, zieht man weiter zum Picknick auf den Rasenterrassen, zum Volksfest im Park oder nach Hause.

Genauso sieht das Klaus Joelsen vom Stadtjugendwerk, der das ebenfalls kostenlose Pfingstfestival veranstaltet und einen Teil des Musiksommers finanziert. "Der Olympiapark sollte von Anfang an für alle Bürger offen sein. Das Jugendkulturwerk hat das Theatron 1974 zum ersten Mal bespielt, um der Jugend freie Konzerte zu bieten, und in diesem Geist wollen wir es halten. Bevor wir es einzäunen, würden wir es lassen." Es ging dann eine Weile hin und her. Schließlich und zur großen Erleichterung aller Beteiligten kippte der Zaun für die Gratis-Festivals, auch, weil Olympiapark-Chef Arno Hartung sich dagegen stark machte. "Der hat auch richtig Lust auf das Festival", sagt Seidemann, "aber nicht in einem Hochsicherheitstrakt".

Wegen der Planungsunsicherheit konnten die Festivalleiter den Bands, die sie buchen wollten, anfangs nur unter Vorbehalt zusagen. Alle ließen sich darauf ein. "Da zeigt sich, was wir für ein gutes Standing haben", sagt Antonio Seidemann, "die Bühne ist einfach sehr beliebt bei den Musikern". Wer würde die Chance nicht nutzen (es taten schon Größen wie die Scorpions oder Sportfreunde Stiller), an einem lauen Sommerabend vor einer Wand aus Tausenden gut gelaunter Kulturfreunde zu spielen? So hat Seidemanns und Beckers Agentur Eurart zusammen mit Partnern wie dem Jazzclub Unterfahrt, dem Feierwerk, dem Kulturreferat, den A-Cappella-Spezialisten vom Spectaculum Mundi und den Streetworkern des Sozialreferats auch in diesem Jahr ein spannendes und vielseitiges Programm mit mehreren Konzerten täglich gepackt, begleitet von drei Kurzfilmabenden mit einem Best-of vom Deutschen Jugendvideopreis und den Festivals "Bunter Hund" und "Flimmern und rauschen" (9. bis 11. August, jeweils 22 Uhr).

Zum Auftakt am Donnerstag, 30. Juli, spielen die bayerischen Ska-Rocker Django S. und Monobo Son, das so bayerische wie weltoffene Projekt des La Brass Banda-Posaunisten Manuel Winbeck. Viel Picknick-tauglichen Folk aus München gibt es, etwa von der Moonband (mit Balloon Pilot am 11.8.) oder von Oda & Sebastian (mit Sarah Sophie und Young Chinese Dogs am 21.8.). Etliche Singer-Songwriter sind vertreten wie Karin Rabhansel (8.8.), Wendekind und Darcy (10.8.), der ehemalige Anajo-Sänger Oliver Gottwald (18.8.), Nick & The Rondabouts und Impala Ray (22.8.) sowie - wohl der prominenteste Künstler 2015 - Mathias Kellner mit seinem bayerischen Bluesrock (12.8.). Vor dem Straubinger spielen KRMA Music, die Seidemann mit ihrem Rap'n'Roll hingerissen haben und - so wie auch die gerade vom Metalhammer-Magazin gepriesenen Funk-Haudraufs Mr. Serious & The Groovemonkeys (15.8.) - aus dem zahlreichen Demo-Einsendungen herausgestochen hätten. "Anders als andere hören wir uns Bewerbungen ja noch an. Bei uns ist nichts fix, es gibt immer wieder Überraschungen." Gesetzt freilich ist der Klassik-Abend mit Hartmut Zöbeleys Orchester Sinfonietta, das sich heuer zusammen mit den Nostalphonikern "Die Wilden Zwanziger in Konzert, Tanz, Gesang und Malerei" vorknöpft (2.8.).

Gesetzt ist auch das Publikum. Denn einige der neuen Sicherheitsauflagen konnte und wollte man nicht abwenden. Auch wenn es in den vergangenen 41 Jahren keine nennenswerten Vorfälle gab, geht eben - schon versicherungstechnisch und nach der "Loveparade"-Katastrophe - 2015 nicht alles, was in den Siebzigern durchgewunken wurde. So haben sich seit drei Jahren die Kosten für die Ordner bereits verdreifacht. Von diesem Jahr an müssen die Alt-Hippies, die sich stets auf der halbrunden Vorbühne locker machten, einen anderen Ort für ihre Ausdruckstänze finden: Die Betonplatte bleibt fürs Publikum gesperrt, weil die Stufe zum Gehweg und damit die Sturzgefahr zu hoch sei. "Wir nehmen das mit Humor und lassen uns etwas einfallen", sagt Seidemann, der die Zuschauer auf den Rängen auch darauf hinweisen wird, Platz zu behalten. "Wenn man stehen dürfte, müssten Absturzsicherungen angebracht werden, und das steht finanziell in keinem Verhältnis", erklärt Tobias Kohler, Sprecher der Olympiapark GmbH. Nun wird sich zeigen, ob sich das Sitzgebot auch beim antreibenden Indierock der Lokalhelden Blek le Rock, beim Arschwackel-Hip-Hop von der Weltuntergäng oder Taiga Trece (19.8.) oder den Electro-Beats von Tubbe und Occupanther (20.8.) durchhalten lässt.

Theatron Musiksommer, Do., 30. Juli, bis So., 23. Aug., 19 Uhr, am Olympiasee, Eintritt frei

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Quelle:
SZ vom 30.07.2015
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