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Altersfreigabe für "Keinohrhasen":Zuviel Sex ab sechs

"Keinohrhasen" empört sittsame Eltern: Der neue Film von Til Schweiger bekam von der FSK eine Altersfreigabe ab 6 Jahren - dabei wird im Film munter über Blow Jobs gefeilscht.

Für komische Effekte hat sich der Kampf zwischen Wirklichkeit und Abstraktion immer wieder bestens bewährt, wenn die rohe Materie sich den Versuchen einer gründlichen Klassifikation widersetzt. Wenn man etwas menschlich Krudes wie zum Beispiel einen Blow Job schön systematisch durchsprechen lässt und auch ansonsten Kategorien der Zungenfertigkeit diskutiert.

Til Schweiger ist sich keiner Schuld bewusst: Er hätte für "Keinohrhasen" eine Altersfreigabe ab 12 Jahren erwartet.

(Foto: Foto: dpa)

Das Beispiel findet sich im neuen Film von Til Schweiger "Keinohrhasen" und ist größtenteils verantwortlich für die erregte Diskussion, die sich um ihn entwickelte - nicht wegen der Frage, ob das komisch ist, sondern ob ein Blow Job, in seinen diversen Gestaltungen, in einen Film gehört, der ab sechs Jahren freigegeben wurde.

"Keinohrhasen" - eine romantische Komödie?

Til Schweiger kann nur bedingt etwas für die Diskussion, verantwortlich für die Freigabe ist die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), und an diese soll der Film nun zur Wiedervorlage zurückgehen. Das fordert die oberste Landesjugendbehörde Schleswig-Holsteins, sie will, dass der Film auf eine Freigabe ab zwölf hochgestuft wird, wegen sprachlicher Derbheit wie der Blow-Job-Sache - weitere Beispiele werden hier nicht mehr angeführt - und auch seiner Sexszenen wegen.

Seit vielen Jahren hat Til Schweiger einen Traum. Er will der Märchenonkel der Nation werden - aber er will die Realität dabei nicht aussparen. In "Knockin' on Heaven's Door" hat er also, vor zehn Jahren, zwei Todkranke auf einen letzten Erlebnis-Trip geschickt, vor zwei Jahren hat er dann in "Barfuss" eine kleine komische Romanze mit einem verhaltensgestörten Mädchen skizziert. In den softgedimmten Trailer-Bildern zu "Keinohrhasen" hat er die Wirklichkeit allerdings draußen gelassen, da wird eine echt romantische Komödie versprochen. So wie es sich gehört für einen Film, der vor Weihnachten startet, in den die Eltern mit den Kindern gemeinsam gehen - und an dem auch alle ihren Spaß haben.

Die Logik des Unbewussten

"Keinohrhasen", bei dem Schweiger als Hauptdarsteller, Produzent, Regisseur fungiert, macht das Kino zur Besserungsanstalt. Der lotterige Klatschreporter Ludo wird zu Sozialarbeit verdonnert, in einer Kindertagestätte, dort zeigt er der Kindergärtnerin Nora Tschirner, was das Leben zu bieten hat. Im FSK-Ausschuss sah man die Probleme, war aber überzeugt, die Sprüche wären ab sechs zu verkraften, "da sie zum einen gar nicht verstanden werden und zum anderen in der filmischen Erzählung und der Message des Films keine positive Entsprechung finden". Viel wichtiger und wertvoller: "die inhaltlich positive Orientierung des Films".

Dass dies nicht unbedingt der Fall ist, lehrt die Wahrnehmungpsychologie, die sich, seit Rudolf Arnheim, gerade mit dem Kino intensiv beschäftigt hat, seiner neurophysiologischen Komplexität, seinen Energien und Emotionsschüben. Die Wahrnehmung im Kino - und das gilt nicht nur für Kinder - folgt nicht der Oberflächendramaturgie, der subtilen Erzählung und Message, sondern einer tiefenpsychologischen Logik des Unbewussten, in der selektiv rezipiert wird - und markante Momente nachdrücklicher sich einprägen als etwa die von Til Schweiger intendierte romantic comedy.

"Ich war mir 100000-prozentig sicher, dass es eine Freigabe ab zwölf wird", spielt er den Unschuldigen. Und vermerkt, dass in Schule und Fernsehen die Kinder mit sehr viel härterem Material konfrontiert würden. Ein wenig unterschätzt er da doch den Impakt seines Mediums, des Kinos, das anders und intensiver wirkt. Am Samstag wird dieses Kino ihm nun erst mal seine Dankbarkeit zeigen, da kriegt Til Schweiger für seinen Film die Goldene Leinwand, für drei Millionen Besucher in Deutschland. Ab sechs, aber nicht nur.

© SZ vom 19./20.1.2008/kur
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