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Altern in Japan :Mit zugenähten Hosentaschen

Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie. Roman. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018. 170 Seiten, 20 Euro. E-Book 17,99 Euro.

Milena Michiko Flašar, Tochter einer Japanerin und eines Österreichers, entwirft in "Herr Kato spielt Familie" einen Kosmos fernöstlicher Einsamkeiten und liebevoller Schrulligkeiten.

Von Christoph Schröder

Das Retired Husband Syndrome (RHS) ist ein in der Wissenschaft erst seit wenigen Jahren erforschtes Phänomen. Männer, die nach starker beruflicher Belastung ins Rentenalter eintreten, erweisen sich nicht selten als sozial inkompetent und auch unfähig, familiäre Angelegenheiten mit der nötigen Empathie zu bewältigen. Studien in Japan haben ergeben, dass die Scheidungsrate in den Jahren nach der Pensionierung signifikant steigt.

Gäbe es das RHS nicht tatsächlich bereits, wäre es denkbar, dass Milena Michiko Flašar es erfunden hätte. Die 1980 in St. Pölten geborene Schriftstellerin ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Ihr viel beachteter, 2012 erschienener Roman "Ich nannte ihn Krawatte" spielt in Japan und erzählt von der zunehmend vertraulichen Beziehung eines dezidierten Leistungsverweigerers zu einem Geschäftsmann, der seine Arbeit verloren hat und aus Scham, dies vor der Familie zuzugeben, seine Tage in einem Park verbringt. Und auch Flašars neuer Roman ist in Japan angesiedelt und erkundet einen Kosmos fernöstlicher Einsamkeit.

Da ist ein Mann, einen Namen wird er erst später bekommen, und es wird nicht sein richtiger sein, der aus dem Berufsleben ausgeschieden ist. Gemeinsam mit seiner Frau lebt er in einer Wohnung über der Stadt, ein wenig anstrengend zu erreichen im Alter. Die Kinder sind aus dem Haus; die Frau hat ihn zur Herzuntersuchung geschickt. Alles so weit in Ordnung, mit den üblichen kleinen Stolperern. Jedenfalls behauptet er selbst das. Und Flašar bleibt sehr eng an ihrer Hauptfigur, der wiederum nicht zu trauen ist, weil sie sich jederzeit und binnen eines einzigen Satzes in eine Parallelwunschvorstellung hineinbegeben kann.

"Herr Katō spielt Familie" verschiebt die Realitätsebenen permanent; es ist ein Spiel aus Vorstellung und Selbsttäuschung. Einen Hund, einen weißen Spitz, hätte der Mann gerne, doch dazu wird es nicht kommen, obwohl der Spitz schon einen Namen hat. Und einem ehemaligen Kollegen erzählt er begeistert von einer Parisreise, die nicht stattgefunden hat.

Während der Mann sich durch die Tage treiben lässt, fängt seine Frau an, Tanzunterricht zu nehmen. Viel zu sagen haben die beiden sich nicht. Das RHS eben.

"Was ist schon wahr und was nicht? Kein Zaun trennt das eine vom anderen."

Milena Michiko Flašar hat ganz offensichtlich ein Faible für die kleinen, schrulligen Liebenswürdigkeiten, für die Malaisen zugenähter Hosentaschen und die Sucht nach Tubenmayonnaise. Aus der schmeichelnden Kantenlosigkeit ihres Tonfalls und der scheinbaren Harmlosigkeit der Alltagshandlungen tritt erst allmählich die Gewissheit zutage, dass es Flašar um Existentielleres geht: Einsamkeit, Alterstraurigkeit, soziale Isolation.

Auf einem Friedhof lernt Flašars Protagonist eine junge Frau kennen, die ihm eine sinnvolle Betätigung anbietet: Ihre Agentur vermittelt Laiendarsteller an Familien, um innerhalb dieser Familien kurzzeitig bestimmte Rollen einzunehmen. Der erste Auftrag: Die Verkörperung eines Großvaters, der seinen Enkel angeblich noch nie zu Gesicht bekommen hat, weil er mit der Mutter gebrochen hat. Der Name des Großvaters: Herr Katō. Nun hat er einen Namen.

Unsicher bewegt er sich in seiner Rolle als Familienmensch, weil er sie im realen Leben verlernt hat. Und doch geschieht etwas mit ihm. Um und in ihm verschieben sich die Verhältnisse unmerklich. Herr Katō spielt einen unerträglichen Ehemann, den Chef, und sein Zweitleben gerät in Deckungsgleichheit zu seinem eigentlichen. Das Prinzip des Verwischens, der Undeutlichkeit, der Unüberblickbarkeit der eigenen Verhältnisse, wird von Milena Michiko Flašar möglicherweise etwas zu explizit verbalisiert: "Was ist schon wahr", so heißt es schon im ersten Teil des schmalen Romans, "und was nicht? Kein Zaun trennt das eine vom anderen. Und wenn doch, dann gibt es Schlupflöcher, so groß, dass man problemlos durch sie hindurchsteigt."

Der Roman zeigt, dass im Durchbrechen der hauchdünnen Membran, die Wahrheit und Unwahrheit trennt, ein tiefer Trost liegt. Gegen Ende zieht Flašar die Traurigkeitsschraube noch einmal kräftig an. So wird "Herr Katō spielt Familie" zu einem Roman, der bei aller Leichtigkeit den leise verzweifelten Ton eines plötzlich leerdrehenden Lebens trifft.

© SZ vom 16.04.2018

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