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Alte Musik:Luftsprung rückwärts

Mit der Autorität eines Reiseleiters: Der italienische Organist, Cembalist und Dirigent Andrea Marcon.

(Foto: Marco Borggreve)

Andrea Marcon lässt die Philharmoniker federn

Was muss man tun, um in den Kreis derer aufgenommen zu werden, die mit dem wertvollen Prädikat des "Spezialisten für Alte Musik" ausgezeichnet werden? Wer glaubt, es reiche aus, Tempi zu erhöhen, Artikulation zu übertreiben und aggressive Akzente knallen zu lassen, wird hier eines Besseren belehrt: Jean-Guihen Queyras und einige der Münchner Philharmoniker unter Andrea Marcon feiern die Musik von Joseph Haydn, Carl Philipp Emanuel Bach und Beethoven als komplexe Klangräume zwischen versonnener Heiterkeit und dunklem Drama.

Und so wirkt die Generalpause nach nur vier Takten Thema in der Symphonie Nummer 39 g-Moll eben nicht wie einer der überraschenden Scherze aus Papa Haydns Feder, sondern wird zur Aussage: Von jetzt an komponiert man Symphonien anders. Der Satz ist dicht, dissonanzenreich. Marcon verleiht dem zerklüfteten Melodiematerial Kontur, ohne die Sekundreibungen zu übersteigern. Wichtiger sind ihm die Pausen, die sich dramaturgisch strukturierend durchs Werk ziehen, der federnde Rhythmus und die erregte Stimmung, die das Finale opernhaft abschließt.

Dass auch das A-Dur-Cellokonzert des Bach-Sohnes der Vorwurf der Harmlosigkeit nicht treffen kann, beweist Jean-Guihen Queyras mit sprechendem Spiel, in Dynamik und Ausdruck akrobatisch flexibel. Mit dem Orchester, das Marcon hier vom Cembalo aus leitet, tritt er in ein lebendiges Gespräch, man greift vor, ahmt nach, streitet. Ganz im Sinne des empfindsamen Stils folgt der krasse Affektwechsel. Nach dem brillanten Virtuosensatz das Lamento. Es ist das wahre Zentrum des Konzerts, und hier zeigt sich Queyras' eminenter Klangsinn am deutlichsten. Er hat keinen umwerfend großen Ton, aber die fein-sinnlichen Nuancen, die er dem Instrument entlockt, treffen die Hörer unmittelbar, als inniger, schwermütiger Gesang - bevor diese Hörer den ausgelassenen Schlusssatz als erneuten Aufschwung erleben. Dem witzigen Kehraus-Stück lässt Queyras als Zugabe eine Bach-Sarabande folgen, fast tonlos gehaucht; selten erlebt man die Philharmonie in solch gespannter Stille.

Was Marcon mit Haydn angefangen hat, setzt er nach der Pause mit Beethovens zweiter Symphonie fort. Auch im zügigen Allegro-Kopfsatz werden die Melodiekurven klanglich ausgefüllt, wird jedes Detail mit Bedeutung aufgeladen, Triller markieren Zittern, Forte-Impulse geben die Richtung an: einfach geradeaus. Mit der Autorität eines erfahrenen Reiseleiters führt Marcon durch harmonisch entlegene Gefilde, etwa im Larghetto, dessen plötzliche Moll-Eintrübung in der Selbstverständlichkeit, mit der sie hier präsentiert wird, umso unheimlicher wirkt. Doch mit der Reprise in lichtem Dur ist alles wieder gut. Und das Finale mit seinem geradezu frappierend überschwänglichen Anfangsthema präsentiert Moll-Einschübe als aufwühlend, aber letztendlich nur als Ausrutscher und gestaltet sich so geistreich als positive Entwicklung. Dass der enthusiastische Dirigent dabei selbst Luftsprünge macht, ist nachvollziehbar.

© SZ vom 14.10.2019

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