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Alte Kunst:Leute, Leute

Wann ist ein Porträt idealisiert, wann nähert es sich dem Augenschein an? Das lässt sich nicht immer so einfach sagen. Die Münchner Glyptothek zeigt nun "Charakterköpfe".

Als für den Fußballstar Cristiano Ronaldo in diesem Frühjahr eine Ehrenbüste aus Bronze im Flughafen seiner Heimatinsel Madeira enthüllt wurde, war der Spott groß. Alle Welt wusste, wohin der Bildhauer mit seiner Kunst gelangt war: voll daneben. Wenn überhaupt eine Ähnlichkeit mit dem athletischen Heros von Real Madrid festzustellen war, dann eine grotesk verzerrte. Unzählige Internethumoristen setzten den schiefen Ronaldo-Kopf in digitalen Fotomontagen auf andere Körper.

Ein römischer Politiker der späten Republik, um 50 v. Chr.

(Foto: Renate Kühling/Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München)

Dieser Fall führt genau zu den Fragen, die sich an die Porträtkunst der Antike stellen. Sie prägte die europäische Darstellung des Menschen und ist jetzt in einer imposanten Sonderausstellung in der Münchner Glyptothek als eine 1000-jährige Kulturgeschichte zu erleben.

Vorher hatten die Ägypter in ihren Porträts schon früh Erstaunliches geleistet, die Nofretete ist das berühmteste Beispiel. Sie hatten aber die Stilisierung der Gesichtszüge kaum einmal zugunsten einer ausgeprägten Individualität ganz aufgegeben. Die Griechen begannen in klassischer Zeit, also im 5. Jahrhundert vor Christus, mit dem Aufstellen von Statuen mit "Charakterköpfen" im öffentlichen Raum - so der Titel der Ausstellung. Schuld daran war keineswegs nur ein neues demokratisches Menschenbild in Athen, wie man immer wieder suggeriert hat: Frühe Fälle eines sehr persönlich wirkenden Ausdrucks sind der von Aristokraten protegierte Dichter Pindar - seinen Kopf haben die Kapitolinischen Museen in Rom nach München ausgeliehen, eine von vielen hervorragenden Leihgaben - und Bildnisse von Gouverneuren des Perserkönigs im Westen der heutigen Türkei, wo damals wie heute keine lupenreinen Demokraten herrschten.

Ein Porträt der ägyptischen Königin Berenike II. (um 272-221 v. Chr.) mit Wohlstands-Grübchen.

(Foto: Renate Kühling/Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München)

Gesichter von so frappanter Präsenz, dass alles Überzeitliche verschwunden zu sein scheint, kommen in der spätklassischen und hellenistischen Kunst auf sowie im republikanischen Rom. Alter und Kindheit werden in Marmor und Bronze gewürdigt, auch die einfachen Menschen, die soziale Realität bis hin zum Grotesken, zur Karikatur. Die Ausstellung zeigt diese Entwicklung, obwohl sie sich auf die Porträts einflussreicher Männer (meist waren es Männer) konzentriert. Bei den Römern begegnet man dann diesen knorrigen, erfahrenen Sturköpfen der herrschenden Klasse, wie hier links auf dem großen Bild zu sehen. Diesen Blick auf die privaten Eigenheiten bringt man mit den Ahnenmasken aus Wachs in Verbindung, die die römischen Familien in ihren Häusern aufbewahrten; allerdings mussten auch diese traditionsbewussten Römer die Meisterschaft griechischer Künstler importieren, um die Porträts zur Perfektion zu bringen. In der Kaiserzeit werden dann die scheinbar individuellen Herrscherporträts zur politischen Massenware. Damals erst stellte man Büsten ohne Körper her - bei den Griechen hatte zum Kopf immer die körperliche Gesamtdarstellung gehört.

Da stellt sich die Ronaldo-Frage: Was ist individuell, was "trifft" den persönlichen Ausdruck, was ist idealisiert? Die Münchner Ausstellung warnt davor, "Realismus" für nicht stilisiert und "Idealismus" für völlig unpersönlich zu halten. Eine Sensibilisierung für Gesichter-Strategien, die gerade im Zeitalter der Selfies sehr nützlich sein kann.

Charakterköpfe. Griechen und Römer im Porträt. Glyptothek, München, bis 14. Januar 2018. Der Katalog, erschienen im Hirmer Verlag, kostet im Museum 29,90 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro. Info: www.antike-am-koenigsplatz.mwn.de

© SZ vom 12.07.2017

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