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"Als wir tanzten":Härte und Gefühl

Filmstill

Wer alles mit Bewegung sagen kann, braucht nicht reden: Der georgische Schauspieler und Tänzer Levan Gelbakhiani in „Als wir tanzten“.

(Foto: Verleih)

Levan Akins Film "Als wir tanzten" erzählt von schwuler Liebe am Nationalballett in Georgien.

Von DORIS KUHN

Immer wieder wird man atemlos im Lauf des Films. Das hat unterschiedliche Auslöser, aber jedes Mal liegt es am Tanz. Der Titel ist Programm, es wird getanzt, in großen Sprüngen müssen junge Männer aus der Hocke in die Höhe, Schultern zurück, Kopf und Arme elegant gestreckt - Wucht und Grazie lösen sich ab. Es ist die Körperlichkeit, die atemlos macht in der Inszenierung von Levan Akin, die Anstrengung der Tänzer, die man spürt; und es ist die Ästhetik, mit der die Schönheit dieser Bewegung ins Bild genommen wird.

Was die Tänzer hier proben, zu karger folkloristischer Musik, ist der traditionelle georgische Tanz. Die Romantik verfliegt schnell, sobald der Trainer das Wort ergreift, er erinnert an den amerikanischen Jazzfilm "Whiplash", in der Strenge, mit der er seine Studenten anschreit. Auch an der Akademie des Nationalballetts in Tiflis ist die Idee verwurzelt, dass militärischer Drill das Erlernen einer Kunst befördert. "Im traditionellen Tanz ist kein Platz für Schwäche" lautet der Leitsatz, entsprechend müssen die Schüler auftreten. Eine Festanstellung erhält nur der, dessen Tanz von Sinnlichkeit am weitesten entfernt ist.

Die Bilder sind bunt und leuchtend, selbst die Enge der Wohnungen von Tiflis

Männer also. Härte, Kraft, Kondition. Einstecken können und dann später selber austeilen, die Ideologien sind bekannt. Die Studenten der Ballettakademie allerdings sind schwer zu infizieren. Sie kennen ihn gut, den ganzen chauvinistischen Verhaltenskatalog, aber sie sind zu arm, zu beschäftigt, zu inspiriert, um ihm große Wichtigkeit beizumessen. Das ist ein Vorzug des Films - er regt sich nicht unnötig auf. Akin hält sich zurück mit vorhersehbarer Dramatik, selbst dann, wenn die Handlung herzzerreißend wird. Das große Gefühl wird nicht komplett auf der Leinwand verfeuert, es bleibt etwas übrig, das überspringen und den Zuschauer ergreifen kann. Das gilt im Guten wie im Schlimmen, in der Liebe wie im Verrat.

Man begleitet die Männer und die Frauen, die an der Akademie studieren. Akin zeigt ihren Alltag in den Gassen und Wohnungen von Tiflis, das fremdartige Milieu einer Stadt zwischen Europa und Asien. Die Bilder sind bunt und leuchtend, selbst die Enge, in der mehrere Generationen einer Familie zusammenleben, hat etwas Tröstliches. Für eine Weile folgt man der Hauptfigur Merab, man sieht, wie der Junge neben den Tanzstunden einen Job als Kellner hat, Liebling von Mutter, Oma oder Bruder ist. Merab will alles richtig machen. Er will tanzen, nett zu seiner Freundin sein, nicht rebellieren. Eigentlich ist der Tanz schon Rebellion genug, denn die Eltern, ehemals selber Tänzer, sind nicht begeistert: Viel Erfolg oder Geld wird es da nie geben. Die Vernunft verdrängt die Leidenschaft - auch ein Thema, das sich der Film näher ansieht.

Die Liebe, auf die man wartet, kommt spät. Irakli, ein Neuer, erscheint bei den Studenten. Er hat Ehrgeiz, Merab trifft ihn oft, wenn er morgens vor Beginn des Trainings schon übt. Es dauert, bis die schwierige Gemengelage aus Konkurrenz und Misstrauen in Zuneigung wechselt, ein Grund ist schließlich, dass Merabs Bruder diesen Irakli kennt und öfter mal betrunken mit nach Hause schleppt. Sobald er den Männern das Ausweichen unmöglich gemacht hat, wird der Film von einem Erweckungserlebnis erzählen. Die Konsequenzen allerdings erzählt er auch - dass Merab erst durch die unerwartete Erschütterung versteht, wie repressiv die Gesellschaft ist, in der er lebt.

Geredet wird über die Anziehungskraft zwischen den beiden nicht, wozu Worte, schließlich sind sie Tänzer. Sie treiben sich nachts herum, bei Straßenmusikern oder auf Partys. Betörend werden Bewegung und Erotik verschmolzen, Begehren ist immer dabei. Gleichzeitig wird klar, was Schwulen im homophoben Georgien passieren kann. Kein schönes Wissen, sicher keins, das Merab und Irakli zu weniger Heimlichkeit ermutigt. Aber zum ersten Mal merkt Merab, was die Liebe kann, man sieht in "Als wir tanzten" das reine Glück, die bitterste Enttäuschung. Und immerhin - am Ende müssen Konvention und Aggression der Sinnlichkeit weichen, zumindest im Tanz.

Als wir tanzten, Georgien/Schweden 2019 - Regie & Buch: Levan Akin. Mit Levan Gelbakhiani, Bachi Valishvili, Giorgi Tsereteli, Ana Javakishvili. Verleih: Salzgeber. 105 Minuten.

© SZ vom 23.07.2020

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