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Kurzfilm von Pedro Almodóvar:Die Frau mit der Axt

RELEASE DATE: March 5, 2021 Short Film TITLE: The Human Voice aka A Voz Humana STUDIO: DIRECTOR: Pedro Almodovar PLOT: A

Tilda Swinton in "La voix humaine".

(Foto: Imago/Sony)

Pedro Almodóvar und Tilda Swinton haben zwischen zwei Lockdowns einen Kurzfilm gedreht: "La voix humaine".

Von Fritz Göttler

Eine Szene, die langsam wieder ganz alltäglich sein sollte: Eine Frau betritt ein Geschäft für Gartengeräte, sie trägt einen modischen blauen Hosenanzug, hat Umhängetasche und Hund dabei, sie geht zielstrebig zur dicht bestückten Wand und greift das gesuchte Objekt, der Verkäufer schlägt es sorgfältig in Packpapier ein, klebt das Paket zu. Macht einen Fünfziger. Ein wenig ungewöhnlich ist allenfalls das Objekt ihrer Wahl, eine handliche Axt. Tilda Swinton ist die Frau, sie bringt das Ding in ihr Apartment, und man ist sich ziemlich sicher, dass sie es auch benutzen wird.

Tilda Swinton ist eine Schauspielerin, die in die Jahre kam, die Jahre der Einsamkeit, in "La voix humaine/The Human Voice", einem Kurzfilm von Pedro Almodóvar, gedreht im Juli vorigen Jahres, zwischen den Lockdowns, gezeigt auf dem Filmfestival in Venedig.

In Spanien kam der Film in die Kinos, nun ist er in Frankreich als DVD erschienen, die man per Internet auch in Deutschland beziehen kann. Der Film entstand nach einem Einakter von Jean Cocteau von 1930, eine Männer-Fantasie über das Elend einer Frau in Wartestellung. Ihr Geliebter ist weg, der Koffer mit seinen Sachen steht bedrohlich in der Ecke, aber es ist klar, dass er ihn nicht selber abholen wird. Drei Tage ist er schon weg, die Frau wartet, das Telefon schweigt.

Die Vorlage von Jean Cocteau beschäftigt Almodóvar schon sein Leben lang

Die berühmteste Fassung dieses Stücks ist von Roberto Rossellini, mit Anna Magnani, der erste Teil des Films "L'amore" von 1947. Das Kino verschiebt, weil es die Objekte so wichtig nimmt wie die menschliche Darstellung und Stimme, alle Akzente. "Das visuelle Drama", hat Josef von Sternberg die Essenz des Kinos definiert, "spielt sich ab im toten Raum, der zwischen dem Objektiv und seinem Gegenstand liegt. Der muss belebt und emotionalisiert werden." In diesem Film passiert das, indem der tote Raum erweitert wird, immer wieder gibt es Einstellungen jenseits der Dekors und über sie hinaus, ins leere dunkle Filmatelier, manchmal von oben, so dass das Zimmer wirkt wie ein mit Stellwänden abgeteilter japanischer Wohnraum.

RELEASE DATE: March 5, 2021 Short Film TITLE: The Human Voice aka A Voz Humana STUDIO: DIRECTOR: Pedro Almodovar PLOT: A

Die Objekte schweigen, das macht die Klaustrophobie unerträglich: Tilda Swinton im Baumarkt.

(Foto: Imago/Sony)

Den toten Raum beleben. Die ganze Einrichtung des Apartments ist im knalligen Blau und Rot Almodóvars, manche Stücke gab es schon in anderen seiner Filme zu sehen. Das Fenster im Hintergrund dieses Bildes wirkt wie ein Hohn, von der Terrasse des Apartments gibt es keinen freien Himmel zu sehen, nur die dunkle Wand gegenüber.

Was fehlt in diesem Raum, ist der ersehnte Körper des Mannes, das Objekt des Verlangens. Aber das, darüber lässt die Psychoanalyse keinen Zweifel, ist immer unsichtbar, unfasslich, nicht existent, imaginär. Mit einem Nervenzusammenbruch hat das Ganze nichts zu tun, und selbst Momente der Verzweiflung kommen bei Tilda Swinton ganz ruhig. Cocteaus Stück beschäftigt Almodóvar, seitdem er anfing, Kino zu machen, in "Das Gesetz der Begierde" wird eine Szene daraus auf dem Theater geprobt. Die Einsamkeit der "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" - auch hier steht der Koffer des Geliebten als Überrest der Beziehung im Raum - ist von ihm inspiriert, und die kühle Entschlossenheit des Handelns, die sie ihnen verschafft. Nun fackelt Almodóvar das Stück endgültig ab, dreißig Minuten braucht er dafür.

Dreizehn Pillen schluckt sie, fünf gelb, vier rot, fünf weiß

Am Anfang macht Tilda Swinton auf ihrem Kaffeetisch Ordnung, räumt die Sachen weg, die sie die vergangenen drei Tage beschäftigt hatten. Erzählungen von Alice Munro (drei hat Almodóvar in "Julieta" verfilmt) und Lucia Berlins "Manual for Cleaning Women" (an dessen Verfilmung Almodóvar seit Jahren arbeitet), DVDs der Liebesmord- und Rachefantasien "Kill Bill" und "Phantom Thread", von Paul Thomas Anderson. Außerdem "Frühstück bei Tiffany" und Sirks Melodram "Written on the Wind": Es macht sehr viel Sinn, dass Almodóvar die sitzengelassene Frau mit der rothaarigen Schottin Tilda Swinton besetzt, wenn man an das Luxusgirl Holly Golightly denkt, das aus der Provinz von Texas nach New York flieht, und an das reiche Texasgirl Dorothy Malone, das vom angehimmelten Jugendfreund Rock Hudson beiseite geschoben wird.

Die Objekte schweigen, das macht die Klaustrophobie unerträglich, erst recht, wenn das Telefon dann doch läutet und die Frau zu reden anfängt, zu erklären, zu lügen, zu drohen, zu beschwichtigen. "Frauen in meinem Alter sind wieder fashionable", zitiert Tilda Swinton ihren Agenten, das ist der Gipfelpunkt ihrer Verzweiflung: "Zeitlose Schönheit. Er nennt es a mixture of madness and melancholy." Als sie vor dem Spiegel die Lippen nachzog und sie kurz aufeinander schnalzen ließ, kam nur ein schmerzlich leeres Plop-plop-plop heraus. Dreizehn Pillen schluckte sie, fünf gelb, vier rot, fünf weiß, aber sie weiß, diese Dosis ist nicht tödlich. Sie kennt die Regeln des Spiels, das Gesetz der Begierde.

Den toten Raum beleben. Gibt es tatsächlich eine menschliche Stimme am anderen Ende der Leitung? Eine Frau, die sich selbst zur Schau stellt, in einem atemraubenden Wirbel von Kleiderwechseln. Eine Diva, die ihre ultimative Performance liefert, die ein Publikum nicht mehr braucht. Eine solche Frau, erklärt Almodóvar, kann anders als zu Cocteaus Zeiten nicht mehr submissiv sein. Der Himmel ist wieder offen. Die Diva, auch darüber gibt es keinen Zweifel, ist Almodóvar selbst.

La voix humaine, Spanien 2020 - Regie: Pedro Almodóvar. Mit: Tilda Swinton. 30 Minuten. Import-DVD im Internet bestellbar.

© SZ/dbs
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